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Männer in Elternzeit Alltag mit Windeln, Fläschchen und Babyliedern

 ·  Immer mehr Männer nehmen Elternzeit, aber normal ist es noch nicht, dass sie zu Hause bleiben, um sich um die Kinder zu kümmern - zwei Beispiele.

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Auf einer himmelblauen Decke mit schneeweißen Wölkchen liegt sie, in rosafarbenen Pluderhosen und weißem Blüschen. Sie strahlt und gluckst, als Papa ihr mit Plüschhund Helmut übers Gesicht streichelt. Immer wieder quietscht sie auf, wenn das Kuscheltier auf ihr Näschen zufliegt. Und der Papa sieht nur noch das Lächeln seiner Tochter - längst ist vergessen, dass er dem Besuch Kaffee angeboten und die Tasse in der Küche der Wohnung im Nordend hat stehen lassen.

Lentje ist viereinhalb Monate alt, und seit fünf Wochen bestimmt sie Micha Mangolds Leben. Drei Monate lang hat sich der 51Jahre alte Bauingenieur gemeinsam mit seiner Frau Christina um die Kleine gekümmert. Das sei einfacher gewesen, „man hat das Staffelholz mal abgeben können“. Nun ist Mangold allein verantwortlich. Viel weniger anspruchsvoll habe er sich das alles vorgestellt, sagt er. Als Projektkoordinator war Verkehrsplanung sein Beruf - nun besteht sein Alltag aus Windeln, Fläschchen und Babyliedern. Mangold ist der erste leitende Angestellte in dem Frankfurter Planungsbüro, der eine längere Babypause einlegt. Ein Jahr Elternzeit wurde ihm genehmigt, über den Antrag auf Teilzeit für ein weiteres Jahr könne noch nicht entschieden werden, hieß es vom Arbeitgeber.

Der erste Mann in der Kanzlei

Für mehr als jedes vierte der 2010 in Deutschland geborenen Babys nahmen Väter Elternzeit - 1,7 Prozent mehr als im Vorjahr. Hessen liegt mit knapp 25 Prozent leicht unter dem Landesdurchschnitt. In ganz Deutschland gingen gerade einmal sechs Prozent der Väter ein ganzes Jahr in Elternzeit. Die große Mehrheit, 67Prozent, nahm nur zwei Monate, die sogenannten Partner- oder Vätermonate.

Thorsten Würsig ist einer davon. Der 34 Jahre alte Anwalt hat sich Anfang dieses Jahres zwei Monate Auszeit von der Arbeit gegönnt, um sich gemeinsam mit seiner Frau Tanja um Töchterchen Johanna zu kümmern. Er sei der erste Mann in der Kanzlei gewesen, der Elternzeit genommen habe, erzählt er in seinem Garten in Kalbach-Riedberg. Freudensprünge habe seine Chefin nicht gemacht, die Reaktion der Vorgesetzten sei aber „im Großen und Ganzen okay“ gewesen. Die Arbeitskollegen hätten alle sehr positiv reagiert - Nachahmer habe es aber noch nicht gegeben. Auf die Frage, woran das liege, zuckt er mit den Achseln. Viele hätten eine diffuse Angst, dass sich eine Auszeit nachteilig auf die Karriere auswirken könne, sagt er dann vorsichtig. Das habe er allerdings nicht feststellen können, auch seine Mandanten hätten aufgeschlossen reagiert. Mehr als zwei Monate aber hätte auch er nicht zu nehmen getraut, „das wäre zu lang gewesen“. Zum einen wegen der Lohneinbußen. Aber die Kulanz der Kanzlei habe er auch nicht überstrapazieren wollen.

Aufgeräumt und Wäsche gewaschen

„Viele Männer haben tatsächlich Angst, dass ihre Karriere vorbei ist, wenn sie ihre Arbeitgeber um zwei Monate Elternzeit bitten“, bestätigt Markus Angerer Würsigs Eindruck. Angerer ist Väterbegleiter im Familiengesundheitszentrum Frankfurt. Er bereitet Männer auf die Geburt ihres Nachwuchses vor und unterstützt sie danach in Kursen im Umgang mit ihrem Baby. Die meisten Männer seien immer noch sehr berufsorientiert und es stehe für sie außer Frage, dass die Karriere Vorrang vor der Familie habe. Obschon der Rechtsanspruch auf die zwei Monate bestehe, werde in vielen „wirtschaftlich orientierten Betrieben“ kommuniziert, dass es besser sei, nicht um eine Auszeit für die Familie zu bitten, berichtet Angerer. Wie berechtigt diese Angst vor einem Karriereknick tatsächlich sei, könne er nicht abschätzen. Hoffnung setzt er auch in die vor ein paar Jahren gegründete Väter gGmbH. Die Gesellschaft hat sich auf Unternehmensberatung im Personalmanagement spezialisiert, um eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf im Unternehmen zu verankern und die Hürden für die Elternzeit abzubauen. Angerer sagt: „Da gibt es noch viel zu bewegen.“

Micha Mangold hat sich im Nordend mittlerweile an den Kaffee erinnert und steht in der Küche. Sobald er aus dem Blick seiner Tochter verschwindet, beginnt sie zu quengeln. „Ja, Schätzchen. Ich bin ja da, alles gut“, ruft er aus der Küche. Seit sieben Uhr morgens ist Mangold auf den Beinen, er hat die Betten gemacht, die Kleine gebadet und angezogen. Er hat aufgeräumt, Wäsche sortiert und in die Maschine gesteckt. Ökonomische Gründe seien es gewesen, dass nicht die Mutter zu Hause bleibt, sondern er sich um die Kleine kümmert, sagt der Bauingenieur. Seine Frau ist Kinderärztin und führt eine eigene Praxis. Ein Jahr Elternzeit zu nehmen ist für sie praktisch unmöglich. Er hingegen sei am Ende seiner „Karriereleiter“ angekommen. Gedanken, in welcher Form er nach der Elternzeit wieder arbeiten wird, macht er sich trotzdem. Er könne sich nicht vorstellen, dass seine Vorgesetzten ihm Steine in den Weg legen würden, wenn er zurückkehre. Dass „wirtschaftliche Gründe“ dazu führen könnten, dass er nicht in seine alte Position könne, sei aber möglich. Und wie genau er die Funktion als Projektkoordinator in einer Teilzeitstelle erfüllen könne, weiß Mangold auch noch nicht.

Grimassen schneiden gehört dazu

Wie wichtig wirtschaftliche Hintergründe für das Nehmen von Elternzeit sind, bestätigt eine Studie des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts. Eine Ökonomin hat dort festgestellt, dass der Anteil von Vätern in Elternzeit unter Führungskräften besonders hoch ist. Die Chance, dass ein erwerbstätiger Vater Elternzeit nimmt, erhöht sich laut Studie deutlich, wenn der Vater in einer Führungsposition, unbefristet beschäftigt oder in einem großen Unternehmen tätig ist. Der Erwerbsstatus und das Einkommen der Partnerin spielen eine noch wichtigere Rolle: Je besser sie verdient, desto eher nimmt er Elternzeit. Familien müssen sich die Elternzeit der Väter leisten können - so das Fazit der Studie.

In Kalbach-Riedberg füttert Würsig die kleine Johanna und erzählt, dass er seit vier Monaten zurück in der Kanzlei sei. Am Anfang „ist es total schlimm gewesen“, gesteht der Anwalt und steckt sich einen Löffel Babybrei in den Mund. Seine Tochter fehle ihm, er habe die ganze Zeit das Gefühl, alles zu verpassen. Die Elternzeit habe bei ihm eine viel intensivere Auseinandersetzung über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie bewirkt. „Sie hat den Karrieretrieb zurechtgestutzt“, schiebt er lächelnd nach und wischt Johanna den dunkelroten Brei aus den Mundwinkeln.

Das Handy klingelt im Kinderzimmer im Nordend, wo Bauingenieur Mangold gerade Wäsche aufhängt. Er verabredet sich auf ein „Käffchen im Lido“ mit einer Arbeitskollegin, die vor wenigen Wochen ihr Baby bekommen hat. Weil sich Lentje in dem Sitzchen neben dem Wäscheständer unwohl fühlt, muss er sie immer wieder ablenken, er spricht in Babysprache mit ihr und schneidet Grimassen. Natürlich sorge man sich als Mann, dass man dabei unmännlich wirke, sagt er und gesteht, dass er im Beisein von Fremden Probleme habe, seiner Tochter „etwas vorzubrabbeln“. Dem Bild vom kernigen Helden entspreche das nicht. „Die Gesellschaft hat durchaus noch ein Rollenverständnis wie vor hundert Jahren. Da hat sich noch nicht viel verändert,“ sagt er. Dann nimmt er ein Babylätzchen aus dem Korb, schlägt es aus und wirft es über den Wäscheständer.

Yolanda Graf

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