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Luxbooks-Verlag Wenn nichts mehr geht, muss alles anders werden

 ·  Mitten in der Krise vergrößert sich der Wiesbadener Verlag Luxbooks: Annette Kühn und Christian Lux haben eine neue Investorin. Und setzen weiter auf Lyrik.

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Als sie anfingen, bestand der Verlag aus einem Computer in ihrem Wiesbadener Wohnzimmer. Das ist heute noch immer so, selbst wenn Annette Kühn und Christian Lux inzwischen vom lauten Kaiser-Friedrich-Ring an den Luxemburgplatz gezogen sind, der so still ist, dass sie nachts die Fenster auflassen können. Neben der Adresse des Verlags hat sich aber auch Grundlegendes verändert. Fünf Jahre nach dem Erscheinen ihres ersten Programms können Kühn und Lux erstmals unter Bedingungen produzieren, die es ihnen erlauben, sich dem Verlag mit ganzer Kraft zu widmen.

Als sie 2008 ihre ersten Titel vorlegten, erhielten sie von Buchhandel und Kritik viel Aufmerksamkeit und Zuspruch. In den Jahren danach mussten sie wiederholt feststellen, dass ihr unternehmerischer Mut und die Qualität ihrer Arbeit sie an Grenzen führten - „finanziell und gesundheitlich“, wie Lux sagt. Sie hatten nicht genug Geld und nicht genug Zeit. Also gab es verpasste Chancen. Bücher, deren Rechte sie gerne gekauft hätten, entgingen ihnen, einmal waren es drei Titel in vier Wochen. Da beide sich mit mehreren Nebenjobs für den Broterwerb herumplagten, dauerte zudem auch die Produktion schon erworbener oder angekündigter Titel zu lange. „Wir saßen vor dem Problem, diese tollen Titel machen zu können, ohne das umsetzen zu können.“

GmbH statt Personengesellschaft

Kühn und Lux wurde klar, das sie auf diese Art nicht weitermachen wollten. Aufgeben aber kam auch nicht in Frage. „Dafür waren wir zu weit gekommen.“ Also machten sie sich im vorigen Jahr auf die Suche nach einem Partner, der über mehr Geld verfügte als sie, aber eine ähnliche Sicht auf das Verlegen hatte. Was gar nicht passte, war ein Zusammengehen mit Aufbau, dessen neuer Verleger Matthias Koch Luxbooks vor rund einem Jahr kaufen wollte. Der Berliner Verlag war damals auf Einkaufstour, interessierte sich auch für Eichborn in Frankfurt und übernahm schließlich die dort erscheinende „Andere Bibliothek“. Es habe ein paar Gespräche gegeben, berichtet Kühn, in deren Verlauf sie sich allerdings sehr ausgehorcht vorgekommen sei. So habe sie schließlich abgelehnt. Zum Ende des Jahres fanden Kühn und Lux dann eine Investorin, die vorerst ungenannt bleiben will. Aus der auf Christian Lux eingetragenen Personengesellschaft wird noch im Laufe dieses Monats eine GmbH, jeder der zukünftig drei Gesellschafter hält dann ein Drittel der Anteile, Kühn und Lux werden Geschäftsführer.

Davon, dass der gemeinsam gefasste Plan aufgeht, sind Kühn und Lux überzeugt. „Wir haben immer auf das gehofft, was jetzt möglich ist.“ Luxbooks’ neuer Teilhaberin liege die Lyrik besonders am Herzen, sie habe das Programm von Anfang an verfolgt. Mehr noch: Sie hätte nie in einen Verlag investiert, der keine Lyrik herausbringe. Die Geldgeberin weiß also, worauf sie sich einlässt - auf das, was Lux das „Hochrisikounternehmen“ nennt, das ein Verlag heutzutage nun einmal sei, ein kleiner Verlag mit einer Vorliebe für Gedichtbände erst recht.

Kühn und Lux können sich jetzt ein Gehalt zahlen, ein ungewohnter Zustand: „Kosten für die eigene Leistung anzusetzen ist seltsam.“ Was sie für Miete, Essen und ihren sechs Jahre alten Sohn brauchen, haben sie sparsam kalkuliert. Wichtiger als das Einkommen ist ihnen, dass sie sich dem Büchermachen nun rund um die Uhr widmen können, nicht erst nachts. Nur eine Nebentätigkeit wollen sie nicht aufgeben: die Mitarbeit an Skripts für Dokumentarfilme, die eine Mainzer Firma für das ZDF und Arte produziert. Eine Dokumentation über einen Schweizer Arzt, der in Stockholm einer Patientin eine künstliche Luftröhre aus menschlichen Stammzellen eingesetzt hat, zeigt Arte diesen Monat.

Wenn es nicht um Ersatzorgane geht, beschäftigen Kühn und Lux sich mit dem Frühjahrsprogramm, das im März zur Leipziger Buchmesse erscheint und neben Lyrik einen Roman, einen Kurzgeschichtenband und zwei Sachbücher enthält. Was sie an ihrer Flaggschiffgattung, der zeitgenössischen amerikanischen Lyrik, seit jeher schätzen, wollen sie auch auf den Gebieten präsentieren, die neu hinzugekommen sind - ein bewusster, künstlerisch durchdachter und frischer Blick auf die verwirrende, medial geprägte Gegenwart, gerne mit der Fähigkeit der Lyrik zur Verdichtung der Dinge auf engem Raum. Mit dem, was sie suchen und in ihr Programm aufnehmen, sei es wie mit den allseits beliebten amerikanischen Fernsehserien, sagt Kühn: „Es wird mit Leichtigkeit etwas umgesetzt, was hochkomplex ist.“

Auf Deutsch erscheinen bei Luxbooks daher im Herbst oder im nächsten Jahr auch Percival Everetts komischer Rassenroman „I Am Not Sidney Poitier“ und Gina Ochsners ebenso geistreicher Russland-Titel „The Russian Dreambook of Color and Flight“. In diesem Frühjahr kommt zudem „Re-Print“ heraus, eine Anthologie, die sich mit der literarischen Appropriation beschäftigt, einer lyrischen Richtung, die sich fremde Texte aneignet und erhellende Verfremdungseffekte erzielt, indem sie das Ausgangsmaterial fast nicht verändert, aber in irren Kombinationen neu zusammenstellt oder von einem Text nur die Satzzeichen stehenlässt. Es ist die in aller Welt erste Anthologie der Bewegung, mit mehr als 500 Seiten und 400 farbigen Abbildungen, an denen Kühn und Lux zusammen mit der Herausgeberin seit anderthalb Jahren arbeiten.

Der falsche Zeitpunkt

Die Ausweitung des Programms bringt es mit sich, dass der Verlag jetzt sogar Vertreter hat - bisher brachten Kühn und Lux ihre Titel allein an den Käufer. Acht Handlungsreisende sind demnächst für Luxbooks unterwegs. Vor kurzem gab es für Kühn zum ersten Mal das, was für größere Unternehmen der Branche noch immer einer der Fixpunkte des Jahres ist: das Treffen mit den Vertretern. Trotz der Expansion setzen Kühn und Lux auf finanzielle Zurückhaltung: „Es geht immer darum, vorsichtig zu bleiben.“ Von der Krise des Buchmarkts lassen sie sich nicht beeindrucken. Um im Schatten veränderter Lesegewohnheiten und drohender Umsatzeinbrüche zu denken, seien sie seit dem falschen Zeitpunkt dabei. „Wir sind schon unter der Bedingung Krise eingestiegen“, sagt Lux. Ohnehin fühle sich nichts klebriger an als Stagnation. Und Kühn fügt hinzu, gerade in Zeiten, in denen zwischen vernetzten Menschen mehr Inhalte unterwegs seien als je zuvor, werde der Verlag als Filtersystem immer wichtiger. Außerdem werde täglich mehr gelesen, ergänzt Lux. „Das Internet ist ja ein Schriftmedium und kein Bildmedium.“ Was sie sich - außer Vorsicht - für das erste Jahr unter komfortableren Geschäftsbedingungen wünschen, ist trotzdem von dem Wissen um die immer häufiger prekäre Literatenexistenz geprägt. Einer ihrer Autoren habe ihnen einmal beiläufig gesagt, er werde für seinen Lebensunterhalt bei Amazon Pakete packen: „Das wollen wir verhindern können.“

Als sie im Frühjahr 2008 begannen, kannten sie keinen einzigen ihrer Autoren und Übersetzer persönlich, alles lief per E-Mail. Heute ist die Wohnung von Kühn und Lux ein Treffpunkt der Verlagsschriftsteller, von denen viele gute Freunde geworden sind. Im Balkonzimmer hat aber auch der neue amerikanische Praktikant seinen Platz, der zum ersten Mal in Europa ist. „Er hat noch kein Rückflugticket“, sagt Lux. Warum auch - es geht ja jetzt erst richtig los.

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Jahrgang 1972, Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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