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Lutz Simon Wissen als Elixier

 ·  Lutz Simon, Präsident der Frankfurter Rechtsanwaltskammer, hat in Rechtswissenschaften, Theologie und Philosophie promoviert. Er hat in China gelehrt und nach den Sternen geschaut. Nun ahnt er, wie wenig er weiß.

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An ein Schlüsselerlebnis kann er sich nicht erinnern. Dabei ist die Suche nach dem Motiv, nach dem Impuls einer Obsession, für ihn als Strafverteidiger ständige Übung. Lutz Simon, Präsident der Frankfurter Rechtsanwaltskammer und für ein Jahr sogar der Europäischen Kammern seines Berufsstandes, die rund 800.000 Kollegen vertreten, wirkt etwas ratlos, wenn er seinen schier unstillbaren Wissensdurst ergründen soll. Er sei eben neugierig, lautet seine karge Selbstanalyse.

Doktor und sogar Professor der Jurisprudenz, promoviert auch in Theologie und Philosophie - das ist von beinahe faustischer Dimension. Der Vielgelehrte sagt lakonisch, er interessiere sich eben für vieles. Und wolle vieles mitteilen. An die 50 Bücher hat der mittlerweile Siebzigjährige schon geschrieben, mitverfasst oder herausgegeben und hat eigentlich stets ein neues in Arbeit; sogar in den Bibliotheken der Eliteuniversität Harvard und des amerikanischen Kongresses finden sich Exemplare, berichtet er.

Studium der Volkswirtschaft nicht weiter verfolgt

Die Meinung, alles zu können, außer zu rechnen, ist in der Zunft durchaus weit verbreitet. Breite Bildung gilt dafür nicht einmal als Voraussetzung. Über sie verfügt Lutz Simon wie kaum ein Zweiter. Die akademischen Grade, die die Visitenkarte des Anwalts-Präsidenten zu sprengen drohen, scheint er aber eher beiläufig gesammelt zu haben. Er habe eben, sagt Simon am gewaltigen Schreibtisch in der Residenz der Kammer in einem Gründerzeitbau hinter der Alten Oper in Frankfurt, den Anspruch, etwas zu Ende zu bringen, was er angefangen habe.

Immer sei ihm das freilich auch nicht gelungen, räumt er ein und streicht sich über den korrekt gestutzten Bart. Er habe damals auch Vorlesungen in Volkswirtschaft gehört, aber das Studium nicht weiter verfolgt - „schade eigentlich“. Wie seine tiefere Erkenntnis lautet? Je mehr er erfahren und gelernt habe, desto mehr sei ihm klargeworden, wie unzulänglich der Mensch sei. Und Gerechtigkeit, die sich viele erhofften, gebe es nur in ganz wenigen Fällen nach dem Gesetz oder vor Gericht.

Unauffälliger Beginn

Dennoch war ihm die Juristerei nie zu trocken, wie eine landläufige Meinung verbreitet. Aber weil in anderen Hörsälen Horkheimer und Adorno tiefere Einblicke in das gewährten, was die Welt vielleicht zusammenhält, gestattete sich Simon Ausflüge zu den damals schon berühmten Frankfurter Philosophen.

Dabei hatte seine akademische Laufbahn recht unauffällig begonnen. Zwar interessierte sich der Schüler schon früh für Musik, Literatur und Philosophie. Nach einer, wie er sagt, eher mittelmäßigen Laufbahn am Frankfurter Gagern-Gymnasium, entschloss er sich, Rechtswissenschaften zu studieren. Nicht wie viele aus Familientradition - der Vater war Volkswirt, der Großvater in der schlesischen Heimat Apotheker -, sondern eher aus der noch vagen Überlegung heraus, damit erschlösse sich ein breites Berufsspektrum.

Mit 42 Jahren noch einmal an der Uni eingeschrieben

Das Hauptstudium absolvierte er zügig. An der Hochschule zu bleiben, daran verschwendete er wenig Gedanken. Ihn drängte es auf neues Terrain. Ende der sechziger Jahre war es ein Wagnis, frisch aus dem Referendariat und ohne Verbindungen, zudem jung (mit einer Lehrerin) verheiratet, sich in Frankfurt als einzelner Anwalt niederzulassen. Aber sich in eine Sozietät einzuordnen, viel Energie darauf zu verwenden, interne Abläufe zu arrangieren, das entsprach nicht Simons Vorstellung eines Berufslebens. Es sollte noch Raum bleiben für andere Interessen. Er schloss seine Doktorarbeit im Arbeitsrecht ab. Und wurde Strafverteidiger. Als weitere Gebiete kamen später das Steuerrecht und das Notariat hinzu.

1981, er war gerade in den Vorstand der Rechtsanwaltskammer gewählt worden, schrieb sich der Zweiundvierzigjährige, um der alten Neigung endlich ein Format zu geben, für Philosophie an der Goethe-Universität ein. Seine Kommilitonen hätten ihn damals zum Teil recht kritisch beäugt, erinnert er sich. Nicht so sehr wegen des Altersunterschieds, sondern wohl eher wegen der Kleiderwahl. Während selbst mancher Professor im Schlabberpulli erschien, saß der Rechtsanwalt inkognito, aber in Schlips und Kragen im Auditorium. Weil er oft vor oder nach einem Termin in die Vorlesung eilte und für Umziehen die Zeit fehlte. Semesterarbeiten erledigte er im Urlaub, im Büro oder abends. Schöner Nebeneffekt: Seine Tochter schlief ein, während er Texte aufs Band diktierte.

Er ist fasziniert

Eines ergab in den Jahren des geistigen Sturms und Drangs das andere. Die Doktorarbeit in Philosophie, die sich mit der Theorie der Normen befasste, weckten Simons Interesse an der katholischen Theologie. Nicht allein die Suche nach Antworten auf tiefe ethische Fragen hätten ihn zu seinem dritten Studium bewogen. Er sei auch neugierig auf andere Lebensentwürfe gewesen. Deswegen studierte er zunächst an der Frankfurter Universität und später gemeinsam mit künftigen Priestern an der Hochschule Sankt Georgen. Er beschäftigte sich besonders intensiv mit dem Johannes-Evangelium, das auch die Grundlage seiner Doktorarbeit bildete.

Noch heute ist es so: Wohin Lutz Simon schaut, er ist fasziniert. In jüngster Zeit hat er angefangen, sich mit Astrowissenschaften zu befassen. Schließlich hat er wieder Kapazitäten frei, nachdem er als Professor für Privat- und Wirtschaftsrecht an der Frankfurter Fachhochschule in den Ruhestand getreten ist. Auch seine Beratungsfirma für transkulturelles Management hat er aufgegeben. Simon, der seiner Schätzung nach mehr als vierzigmal nach China gereist ist und in Peking Gastprofessor war, hatte gemeinsam mit einem Kollegen die Idee entwickelt, Geschäftsleute mit fernöstlichen Gepflogenheiten vertraut zu machen. Tipps wie jener, nicht schon am ersten Tag davon zu reden, dass man eigentlich wenig Zeit habe („dann fühlt sich der chinesische Partner geringgeschätzt“), können sehr viel wert sein.

Mitglied eines illustren Kreises

Der Blick über Grenzen, über nationale wie geistige, ist für Simon auch als Kammerpräsident ein wichtiges Thema. Unter seiner Ägide, die vor bald fünf Jahren begann, hat sich die Zahl der Partnerschaften mit Standesvertretungen in anderen Metropolen deutlich erhöht. Im Zuge der Globalisierung würden solche Verbindungen für Anwälte im Finanz- und Dienstleistungszentrum immer wichtiger, sagt Simon. Mit Genugtuung berichtet er, dass die Anwaltkammer Vietnam den Kontakt zu Frankfurt statt in die Hauptstadt Berlin gesucht habe. Und dass gleichsam zum Ende seiner Amtszeit im nächsten Frühjahr die Konferenz der Anwälte der führenden Handelsplätze der Welt in seiner Stadt stattfindet, empfindet er durchaus als Bestätigung seiner Arbeit.

Lutz Simon ist schon vor Jahren in die Europäische Akademie der Wissenschaften und Künste berufen worden, ein illustrer Kreis, dem auch einige Nobelpreisträger angehören. Man hat ihn gefragt, ob er nicht im nächsten Jahr, wenn er als Frankfurter Kammerpräsident aufhört, nicht an der neuen Universität, die die Europäische Akademie in München gründen will, über gemeinsame Erkenntnisse in Theologie, Philosophie und Rechtswissenschaften lehren möchte.

Jetzt aber ist erst einmal das Wasserlauf in seinem kleinen chinesischen Garten an der Reihe. Professor Simon repariert, was anfällt. Der Geistesmensch liebt es zu sehen, wie seiner Hände Arbeit zusammenfügt, was zusammengehört.

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Jahrgang 1956, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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