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Lutz Görner : Dichterische Dienstleistungen aller Art

  • -Aktualisiert am

Er macht Gedichte glaubhaft: Seit fast vier Jahrzehnten reist Lutz Görner mit Lyrik durch Deutschland. Bild: Kaufhold, Marcus

Vier Tage lang gastiert der Rezitator Lutz Görner in der Deutschen Nationalbibliothek Frankfurt. Dabei ist er gerade dabei, seinen Abschied von der Lyrik zu nehmen.

          Rilke ist Quark. Genauso wie Hofmannsthal. Und die meisten ihrer Zeitgenossen. So sieht das zumindest Lutz Görner. Und der ist nicht irgendwer, sondern von einem seiner Rezensenten einmal „die lyrische Stimme Deutschlands“ genannt worden. Als Rezitator reist Görner seit fast vierzig Jahren über deutsche und internationale Bühnen, um den Worten großer, meist längst gestorbener Autoren neues Leben zu verleihen.

          Seine Karriere beginnt früh. Mit achtzehn Jahren debütiert der 1945 in Zwickau geborene Görner als Statist und Tänzer am Aachener Staatstheater, nimmt an der Deutschen Meisterschaft im Fünfkampf teil und beginnt ein Studium der Theaterwissenschaften und Germanistik, das er später abbricht. Ein lebemännisches Intermezzo folgt, in dessen Verlauf Görner „Shit raucht“, Pakete ausliefert und auf dem Kudamm in Berlin selbstgemachte Kerzen und Gürtel verkauft. Eine zufällige Begegnung mit einem alten Bekannten verschafft ihm bald darauf ein Engagement in Köln, an das sich 1975 an einem Jugendtheater in München das erste eigene Programm anschließt, das auf Leben und Werk Heinrich Heines basiert. Die Rezensenten sind begeistert, Görner ist es auch. Mitten in der Spielzeit kündigt er und tritt fortan als Rezitator auf. Bald legt er in seinem alten Lada 120.000 Kilometer im Jahr zurück, von Auftritt zu Auftritt, zwischen München und Hamburg.

          Immer ungewöhnlich offen

          Auf seinen Reisen hat Görner ein klares Nord-Süd-Gefälle erkannt. Während in Nordrhein-Westfalen reges Interesse an der Kunst herrsche, könne man in Bayern und Baden-Württemberg wenig mit ihr anfangen. Und die Grünen hätten mit Kultur überhaupt nichts am Hut. Als einzige Partei hätten sie ihn noch nie eingeladen. Dabei war Görner von 1993 bis 2007 mit „Lyrik für alle“ im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu sehen. Als jedoch ein neuer Intendant Änderungen am Konzept und eine zweite Kamera für Schnitte und Perspektivwechsel gefordert habe, sagt Görner, habe er die Sendung lieber absetzen lassen. „Gedichte vortragen geht nur mit einer Kamera.“ Basta.

          Görner ist eine Art extrovertierter Introvertierter, der sich seinem Publikum in bunten Hosen und Seidenhemd gelegentlich ein wenig arrogant, aber immer ungewöhnlich offen präsentiert. Trotzdem drückt er sich auch abseits der Bühne oft lieber mit den Worten der Dichter aus, in deren Welt er von seinem Weimarer Arbeitszimmer aus stundenlang verschwinden kann. Daran, selbst zu dichten, hat er nach ein paar halbherzigen Versuchen als Jugendlicher nie ernsthaft gedacht. „Das überlasse ich denen, die es können.“

          Langjähriges DKP-Mitglied

          Ein wenig Darstellung seiner selbst kann er in seine Arbeit dennoch einbringen. Er trägt nur Gedichte vor, mit denen er sich identifizieren kann. Denn zu einer guten Rezitation gehören mehr als Textsicherheit und korrekte Betonung. Seinen Erfolg führt Görner darauf zurück, dass „die Zuschauer mir glauben, was ich da oben erzähle“. So sprechen Tucholskys Figuren Berliner Dialekt, bei Ringelnatz wird gesächselt, Morgensterns Schildkröte lispelt. Zwischen den Gedichten gibt es biographische Anekdoten und ein kräftiges Quentchen Wertanalyse mit Bezug zur aktuellen Politik. Sie scheint Görner manchmal in die Hand zu spielen: Schon mehr als tausendmal hat er auf der Bühne Heines „Wintermärchen“ vorgetragen, das am 30. Januar auch den Auftakt zu seinem Gastspiel an der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt bildet. Angesichts der Euro-Krise und der mit ihr verbundenen nationalen Animositäten scheint Heines Reisebericht eine beinahe unheimliche Aktualität zu gewinnen.

          Heine und Brecht haben schon immer zu den Autoren gehört, aus deren Werken sich das langjährige DKP-Mitglied seine anfangs stark politisierten Bühnenprogramme zusammenstellte. Goethe hingegen nicht. Der „obrigkeitshörige“ Juristensprössling schien so gar nichts zu Görners Weltanschauung beitragen zu können. Bis er sich intensiver mit ihm beschäftigte und merkte, dass es sich um ein Vorurteil handelte. Aus dieser Erkenntnis entstand sein bisher erfolgreichstes Bühnenprogramm „Goethe für alle“. Zu Rilke und Hofmannsthal aber konnte er nie Zugang finden.

          Hin zur klassischen Musik

          Das aktuelle Programm jedoch ist zugleich ein Abschied aus der Welt der Gedichte, zumindest was die Bühne angeht. „Ich habe meinen Dienst an der Lyrik getan“, sagt Görner. Ans Aufhören denkt er aber nicht, obwohl die Zuschauerzahlen stetig zurückgehen. Er spiele ohnehin immer in denselben Lokalitäten für dasselbe Publikum. Einige Besucher „sterben weg“, andere bringen Freunde mit - bisher ist es immer irgendwie weitergegangen. In Mainz gab es vorige Woche ebenfalls gut und schlecht besuchte Abende, am Samstag schließlich waren fast alle Sitzplätze im Frankfurter Hof belegt.

          Weil er solche Abende genießt, will Görner lediglich die Disziplin wechseln - hin zur klassischen Musik. In „Kosmos Liszt“ wird er künftig zusammen mit einer russischen Pianistin das Werk des Komponisten und seiner Kollegen Chopin, Beethoven und Wagner vorstellen. Mit Wagner ging es Görner lange wie mit Goethe. Doch als er las, dass Wagner eine schwere Kindheit hatte, schien auch seine Musik plötzlich eine tiefere Bedeutung zu gewinnen. Geboren kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, verlebte Görner seine Kindheit bei der Großmutter, die Mutter war mit dem Vater fortgegangen, als dieser aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrte. So bleibt Görner auch beim Disziplinwechsel seiner Maxime treu: Behandelt wird nur, was ihn persönlich bewegt. Damit ist er bisher gut gefahren.

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