Home
http://www.faz.net/-gzg-6yv8z
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Luftschiffe Abenteurer und Gutbetuchte

 ·  Vor hundert Jahren begann der Traum vom organisierten Reisen ohne Räder. Geflogen wurde zuerst in Luftschiffen, den Zeppelinen. In Frankfurt hoben sie vom Rebstockgelände ab.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Die erste Fluggesellschaft der Welt ist letztlich abgestürzt, aber einen Misserfolg wird man nicht nennen können, was am Beginn einer weltverändernden Entwicklung stand. Aus vollem Herzen jedenfalls nicht. Denn vor hundert Jahren begann auch auf dem Gelände eines ehemaligen Hofguts am Frankfurter Rebstock der Traum vom Menschenflug Wirklichkeit zu werden. Es waren zunächst Luftschiffe, die sicher genug erschienen, nicht nur Flieger zu transportieren, sondern Damen und Herren in Sonntagskleidung, Reisende, abenteuerlich Gesonnene, Gutbetuchte auch im übertragenen Sinn, Vergnügungssüchtige. Im März 1912 kam ein Luftschiff auf Dauer nach Frankfurt, kein Zufall, denn die „Deutsche Luftschifffahrt Aktiengesellschaft (Delag)“, die erste Luftverkehrsgesellschaft der Welt, hatte hier ihren Firmensitz. Zudem hatte die Stadt drei Jahren zuvor im Sommer 1909 die Internationale Luftschiffahrt-Ausstellung (ILA) rund um die Festhalle zu Gast. Es war ein Welttreffen der modernsten und kühnsten Ingenieure, Techniker und Pioniere, es hat Vergleichbares an Progressivität und Fortschrittswillen in Frankfurt nie mehr gegeben.

Die Delag war eine Tochter der „Luftschiffbau-Zeppelin GmbH“ in Friedrichshafen. Sie wird in einem faktenreichen Buch, das ein Nachfolgeunternehmen in den sechziger Jahren herausbrachte, als Versuch beschrieben, einen rentablen Luftschiffverkehr einzurichten. Dies sei völlig fehlgeschlagen, an Personal wie technischen Mängeln der Luftschiffe gleichermaßen gescheitert. Man habe schrittweise immer neue Erfahrungen gemacht, sei aber letztlich nicht zum großen Erfolg gekommen.

Ballonartige Maschinen, „leichter als Luft“

Aus dem Abstand eines Jahrhunderts nimmt sich der Beginn des Luftverkehrs in Frankfurt mit der Eröffnung des Luftschiffhafens Rebstock im März 1912 dennoch einigermaßen vielversprechend aus. Man konnte ja nicht wissen, dass die Zukunft nicht den ballonartigen Maschinen „leichter als Luft“, sondern jenen damals noch sehr wacklig aussehenden und tatsächlich sehr unsicheren Aeroplanen gehören würde.

Am Rebstock stationierte die Delag ihre nagelneue „Viktoria Luise“. Das Schiff war im Februar fertiggestellt worden und beherbergte die Zukunft, wie man sie sich damals vorstellte. Zwanzig Passagiere saßen auf bequemen Korbstühlen, jeder hatte eine prachtvolle Sicht auf die Landschaften unter sich, es gab einen kleinen Waschraum mit fließendem Wasser, Personal servierte Getränke und Speisen aus der kalten Küche. Der Zeppelin war knapp 150 Meter lang, maß 14 Meter im Durchmesser, fasste 19.000 Kubikmeter Wasserstoffgas. Drei Maschinen der ebenfalls vom Zeppelin-Unternehmenen gegründeten Motorenfabrik Maybach leisteten je 150 PS und brachten das Schiff auf Geschwindigkeiten zwischen 60 und 70 Kilometer pro Stunde. Es muss außerordentlich schön und ereignisreich gewesen sein, in geringer Höhe mit dieser doch sehr mäßigen Geschwindigkeit über Land gefahren zu werden.

„Viktoria Luise“ beherbergte die Zukunft

Das Luftschiff war am Rebstock in einer eigens dafür gebauten Halle mit Werkstatt untergebracht und unternahm mit einer gewissen Regelmäßigkeit, die allerdings stark wetterabhängig war, Vergnügungsfahrten über Deutschland. Städte wurden mehr spielerisch als nach strengem Fahrplan miteinander verbunden, Reiseziele wie zum Beispiel Norderney angesteuert. „Viktoria Luise“, das elfte Schiff der Zeppelin-Werft, absolvierte bis zum August 1914, dem Monat, in dem der Erste Weltkrieg begann, von Frankfurt aus 489 Fahrten, legte 54.000 Kilometer zurück und beförderte 9.738 Passagiere. Die Zahlen stammen aus einem von der Herstellerfirma überprüften populären Text aus den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts.

„Viktoria Luise“ wurde 1914 zur Marine eingezogen und als Schulschiff eingesetzt. Die riesigen, langsamen, feuergefährlichen und leicht zu treffenden Maschinen waren die vermutlich dümmste Idee in der mit grauenhafter Geschwindigkeit und Kraft voranschreitenden Tötungstechnik. Zwar war „Zeppelin“ kurze Zeit ein Schreckenswort in England, weil deutsche Marineluftschiffe einige Bombenangriffe auf London fuhren. Doch am Ende des Krieges waren 25 Schiffe durch Unfälle und 46 durch Feindeinwirkung vernichtet worden.

Die Zukunft gehörte bereits dem Flugzeug

Es gab nach einer Zwangspause einen zivilen Neubeginn mit Weltfahrten der „Graf Zeppelin“ und einen vielversprechenden Atlantikdienst, der 1936 mit dem Riesenluftschiff „Hindenburg“ aufgenommen wurde. Das Schiff wurde aber 1937 beim Landeanflug in Lakehurst zerstört. Es war eine der berühmtesten Katastrophen aller Zeiten, weil jede ihrer 90 Sekunden auf Film aufgenommen ist und eine unsterbliche Radioreportage das Geschehen schildert. Der Gesamteindruck war so furchtbar, dass sich die Luftschifffahrt davon nie wieder erholt hat. Die Bilder überwältigen die Wahrheit, dass mehr Menschen dem Feuer entkamen als jene 35 Toten, die das Unglück gefordert hat.

Die Zukunft gehörte schon seit längerem dem Flugzeug. Sowohl bei Boeing in Amerika als auch bei Dornier in Friedrichshafen entstanden Mitte der dreißiger Jahre die Entwürfe großer Wasserflugzeuge für den Transantlantikverkehr. Auf kürzeren Strecken funktionierten bereits kontinentale Netze. Zwischen 1924 und 1936 war der Flugplatz Rebstock, ein Hauptstützpunkt der alten Lufthansa, aus den Nähten geplatzt. Der Luftverkehr zog um in den Stadtwald. Frankfurt Rhein-Main wurde im Olympiajahr 1936 eröffnet.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1944, freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

Jüngste Beiträge

Männer und Herren

Von Matthias Alexander

Wenn das kein Grund zur Freude ist: Die Eintracht beendet die Saison auf dem sechsten Platz, der FSV Frankfurt geht eine Spielklasse tiefer sogar als Vierter durchs Ziel. Das ist ein schöner Imagegewinn für die Sportstadt Frankfurt. Mehr 1