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Lokay in Reinheim : Druckerei mit Dienstfahrrädern und Bienenvölkern

Nicht nur auf Gewinn aus: Ralf Lokay in seiner Druckerei Bild: Rainer Wohlfahrt

Ralf Lokay hat in seiner Druckerei im Odenwald fast alles verändert, um schonender und effizienter zu produzieren. Die Kosten waren hoch. Doch das Risiko hat sich doppelt gelohnt.

          Das Herzstück steht im Keller und ist nicht gerade ansehnlich. Rohre, Regler und Tanks nehmen den kleinen Raum ein, in den Ralf Lokay jene Besucher führt, die sich für den Wandel seines Unternehmens interessieren. Es ist ein recht langer Weg von seinem Büro dorthin, aber er ist einprägsam: Lokay geht durch die helle, kühle Produktionshalle seines Betriebs, dann vorbei an der Fassade des sanierten Druckereigebäudes und weist schließlich noch auf zwei Bienenvölker hin, deren Zuhause um die Ecke auf einer Wiese ist. Dann schließt Lokay eine Kellertür auf. „Das war mal der Heizraum“, sagt der Chef.

          Daniel Schleidt

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Heute steht hier die Wärmerückgewinnungsanlage, für die Lokay 300.000 Euro in die Hand genommen hat. Das ist ein Batzen Geld für einen mittelständischen Betrieb mit heute 26 Mitarbeitern in einer Branche, in der immer wieder Druckereien ihr Geschäft aufgeben müssen. Doch Lokay wollte weg von der alten Ölheizung, die für 80 Prozent des Energiebedarfs bei der Wärmeerzeugung der Druckerei verantwortlich war – zumal gleichzeitig zwei große Druckmaschinen jede Menge Wärme abstrahlten, die aber ungenutzt verpuffte. Lokay beschreibt das so: „Da wurde durch die Maschinen erzeugte Energie aus der Produktionshalle herausgeführt und gleichzeitig wieder neue Energie erzeugt, um zum Beispiel die Büroräume zu wärmen.“

          „Wir sind keine normale Druckerei“

          Dieser verschwenderische Kreislauf wurde unterbrochen. Es ist das sichtbarste Element eines Veränderungsprozesses einer Druckerei im beschaulichen Odenwald, die sich fast komplett neu erfunden, auf diesem beschwerlichen Weg Kunden verloren, aber insgesamt ein Image gewonnen hat, das ihm auf dem umkämpften Markt der Branche hilft. „Nein, wir sind keine normale Druckerei“, sagt Ralf Lokay, der den Familienbetrieb in dritter Generation führt.

          Die Heizung ist nur ein Beispiel dafür. Inzwischen nutzt Lokay die Abwärme der Druckmaschinen, um Produktion und Büros zu heizen. Lokay hat für viel Geld das Firmengebäude saniert, alles gedämmt, neue Fenster eingesetzt; die Mitarbeiter profitieren zudem von einer Lüftungsanlage, die den Betrieb im Sommer wie im Winter auf der gleichen Temperatur hält; Wasser wird in einer Zisterne gesammelt und zum Beispiel für die Toilettenspülung genutzt. Seit er dieses Sanierungspaket umgesetzt hat, spart er zwei Drittel der Heizkosten.

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          Die Idee, den 1932 gegründeten Traditionsbetrieb zu einem ökologisch geführten Unternehmen zu machen, war kein spontaner Einfall, sondern eher Ergebnis einer inneren Eingebung bei der Geburt von Ralf Lokays erster Tochter. „Wir haben nur eine Welt, und um die müssen wir uns kümmern“, sagt der Unternehmer. Mit Gewinnmaximierung allein könne das nicht funktionieren. „Mir wurde klar, dass ich mit meiner Arbeit einen Sinn stiften will.“ Heute verwendet Lokay Öko-Druckfarben, die auf Pflanzenbasis hergestellt sind, die Druckmaschinen laufen ohne den als Klimakiller bezeichneten Isopropylalkohol, das Papier wird ökologisch hergestellt. Den Angestellten, die überwiegend aus der näheren Umgebung kommen, wurde ein Dutzend Fahrräder zur Verfügung gestellt. „Wir waren die erste Firma in Deutschland mit einer Fahrradflotte.“ Und auch die beiden Bienenvölker gehören zum Gesamtbild des Betriebs, in dem die ökologische Ausrichtung aber nicht allein der Umwelt dient. Sie hat auch dazu beigetragen, dass sich die Druckerei Lokay längst einen Namen gemacht hat. Dieses Alleinstellungmerkmal, neudeutsch „USP“ genannt, ist für Lokay durchaus lukrativ. Früher, sagt der Chef, seien 90 Prozent der Lokay-Kunden größere Verlage gewesen, die sich ihre Dienstleister vor allem auf Grundlage eines Kriteriums ausgesucht hätten: dem Preis. „Heute sind zwischen 70 und 75 Prozent unserer Kunden aus Umweltgesichtspunkten bei uns. Sie legen Wert darauf, dass wir unsere Produkte nachhaltig herstellen.“

          Vorzeigebetrieb in Sachen Nachhaltigkeit

          Erkennen kann man das bei einem Blick auf die Produkte des Hauses, in denen Öko-Siegel abgebildet sind. Während das traditionelle Verlagsgeschäft weiter rückläufig ist, druckt Lokay zunehmend Bücher, Geschäftsberichte, Kataloge und Broschüren für Verbände wie die Naturschutzvereinigung BUND, den WWF und für Naturkosmetikhersteller wie Weleda. Längst gilt der kleine Betrieb im Landkreis Darmstadt-Dieburg als Vorzeigebetrieb in Sachen Nachhaltigkeit. Das funktioniert offenbar so gut, dass sich Lokay einen eigenen Vertrieb spart. „Die Kunden finden den Weg zu uns“, sagt Ralf Lokay.

          Dennoch war der Weg dorthin nicht immer einfach, räumt er ein. Viele Mitarbeiter waren wegen der hohen Investitionen skeptisch – ein Phänomen, das gerade in kleineren Betrieben der Normalfall ist und der Hauptgrund dafür, weshalb sie häufig vor Maßnahmen zugunsten von mehr Effizienz zurückschrecken. Lokay war aber immer überzeugt von seinem Weg und machte Nachhaltigkeit zur Chefsache. Inzwischen seien die Mitarbeiter stolz, für eine Druckerei zu arbeiten, die anders sei als die meisten anderen. Lokay erinnert sich an seinen Großvater, den Unternehmensgründer Erwin, der ihm einst mit auf den Weg gab, Sorgfalt und Begeisterung seien wichtig, wenn etwas gut werden solle. Beides nahm sich Enkel Ralf bei der Entscheidung für ein nachhaltiges Unternehmen zu Herzen. Das Fazit ist eindeutig: „Es war die richtige Entscheidung.“

          Verborgenes Vermögen Um Ressourceneffizienz und Nachhaltigkeit geht es auch in der heute erscheinenden neuen Ausgabe des regionalen Wirtschaftsmagazins „Frankfurter Allgemeine Metropol“. Daneben finden sich in dem Heft eine Reportage über den jahrelangen Rechtsstreit eines Frankfurter Designers gegen den Möbelgiganten Ikea, ein Artikel über das Leben in Wohn-Hochhäusern und Antworten auf die Frage, wie kleine Hotels gegen die großen Ketten bestehen wollen. Zudem zeigt das Magazin zur Automobilmesse IAA, welche Unternehmen der Fahrzeugindustrie in der Region zu Hause sind. (lr.)

          Quelle: F.A.Z.

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