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Veröffentlicht: 24.09.2016, 10:53 Uhr

Neuer Lehrplan für Hessen „Das wäre ein Beitrag zur Sexualisierung von Kindern“

Gegen das Votum des Elternbeirats ist in Hessen ein neuer Lehrplan zur Sexualerziehung in Kraft getreten. Professorin Karla Etschenberg warnt davor, Schüler im Sinne „sexueller Vielfalt“ zu indoktrinieren.

von
© dpa Praxisnah: Wie Verhütung funktioniert, sollen die Schüler laut Lehrplan im Alter von 13 bis 16 Jahren erfahren.

Wozu braucht man eigentlich einen Lehrplan für Sexualerziehung? Und was ist der Unterschied zu „Sexualkunde“?

Matthias Trautsch Folgen:

Sexualkunde ist ein Teilgebiet der Humanbiologie. Da geht es um Wissensvermittlung: Bau und Funktion der Geschlechtsorgane, Zeugung, Schwangerschaft und Geburt, vorgeburtliche Entwicklung, hormonelle Zusammenhänge und so weiter. Ziel ist - wie das Wort schon sagt -, Kinder und Jugendliche kundig zu machen.

Sexualerziehung geht darüber hinaus?

Kindern und Jugendlichen sollen Maßstäbe vermittelt werden, die ihnen helfen, das Wissen in ein für sie selbst günstiges, aber auch sozialverträgliches Verhalten umzusetzen. Das ist Aufgabe von Sexualerziehung. Sexualkunde ist unverzichtbarer Teil von Sexualerziehung. Für ein verantwortungsbewusstes Vermeiden von Infektionsrisiken und ungewollten Schwangerschaften braucht man zum Beispiel Wissen über Geschlechtsorgane und Monatszyklus, und für einen angemessenen Umgang mit intersexuellen Phänomenen braucht man Wissen über die vorgeburtliche Entwicklung des Menschen.

42514182 © INTERTOPICS/Horst Galuschka Vergrößern Pädagogin Karla Etschenberg findet, dass das Thema Transsexualität für Fünft- oder Sechstklässler zu früh kommt.

Der Lehrplan ist jetzt aktualisiert worden. War das nötig?

Die Bewertung von Sexualverhalten unterliegt einem ständigen Wandel, weil sich Sichtweisen und Wertvorstellungen verändern. Denken Sie nur an Themen wie Selbstbefriedigung, Gleichberechtigung, sexuelle Gewalt, gleichgeschlechtliche Partnerschaften und so weiter. Außerdem muss ständig neues Fachwissen integriert werden wie zum Beispiel über sexuell übertragbare Krankheiten und über Möglichkeiten der Fortpflanzungsmedizin. Auch die zunehmende Bedeutung von Medien im Leben junger Menschen bis hin zur Pornographie muss pädagogisch begleitet werden. Da bleibt den Verantwortlichen im Bildungsbereich nichts anderes übrig, als ab und zu die Richtlinien zu überarbeiten.

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Was hat sich in der neuen Version im Vergleich zur vorigen, für die Sie die Handreichung für Lehrer geschrieben haben, verändert?

Auffallend ist die Betonung der Themen „Missbrauch“ und „sexuelle Vielfalt“. Beide Themen waren auch schon Bestandteil der alten Richtlinien, aber anders formuliert und akzentuiert. Dass neuerdings „sexualpädagogische Erkenntnisse“ neben einer Reihe von sozialen Entwicklungen Akzente im Themenfeld Sexualität setzen, macht nachdenklich.

Gewichtet der Plan den Aspekt der „Vielfalt sexueller Orientierungen und Geschlechtsidentitäten“ zu stark?

Ja, weil andere wichtige Akzentsetzungen dadurch zu kurz kommen. Ich finde es nicht in Ordnung, wenn Sexualkunde und Sexualerziehung in Anpassung an aktuelle sexualphilosophische und politische Trends in Richtlinien selektiv verkürzt dargestellt werden. Die Gefahr besteht, dass der Bereich genauso selektiv verkürzt in der Schule behandelt wird. Das kann leicht zur Indoktrination ausarten.

Der Landeselternbeirat hat den Plan mehrheitlich abgelehnt. Er stört sich an der Forderung nach „Akzeptanz von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans- und intersexuellen Menschen (LSBTI)“ und hätte „Toleranz“ befürwortet. Können Sie das nachvollziehen?

Aus Sicht gläubiger Christen, die sich auf den Katechismus berufen, kann ich das verstehen. Akzeptanz bedeutet Billigung und Einverstandensein. Das kann bezüglich nicht heterosexueller Orientierungen von gläubigen Katholiken nicht erwartet werden. Sie sind nur zur Toleranz bereit. Toleranz hat aber etwas mit Duldung zu tun und klingt gönnerhaft. Das ist betroffenen Menschen in einer aufgeklärten demokratischen Gesellschaft nicht zuzumuten und sollte nicht Grundlage von Sozial- und Sexualerziehung an staatlichen Schulen sein. Die christlich-katholische Sichtweise kann im Elternhaus und im Religionsunterricht thematisiert und begründet werden. Das Ziel hätte aber anders formuliert werden können, um Eltern die Befürchtung zu nehmen, in Zukunft solle es nicht nur um die Förderung von Akzeptanz sexueller Vielfalt, sondern um die Förderung von sexueller Vielfalt bei ihren Kindern gehen.

Was stört Sie an der Formulierung?

LSBTI ist inzwischen ein Reizwort für alle geworden, denen die Dominanz dieser Initiativen in der Öffentlichkeit nicht geheuer ist. Das geht auch vielen Eltern so. Außerdem lässt die Abkürzung heterosexuelle oder auch asexuelle Menschen außen vor. Die gehören doch auch zur sexuellen Vielfalt.

Als ein Ziel schulischer Sexualerziehung wird der „Respekt der sexuellen Selbstbestimmung von Kindern und Jugendlichen“ genannt. Was ist damit gemeint?

Ein schwieriger Satz, der vordergründig als Beitrag zur Prävention von sexuellem Missbrauch verstanden werden kann. Da steckt aber Zündstoff drin. In Anlehnung an sexualpädagogische Veröffentlichungen kann er auch so interpretiert werden, dass Kindern sexuelle Selbstbestimmung durch vorbehaltlose Informationen über alles erdenklich Sexuelle und durch Anregung zu sexuellen Handlungen von frühester Kindheit an ermöglicht werden muss. Das wäre ein Beitrag zu Sexualisierung von Kindern. Ob das in den Richtlinien so gemeint ist, bleibt abzuwarten.

Sind vorbehaltlose Informationen denn nicht gut?

Es ist ein Unterschied, ob ich Kinder gewähren lasse und freundlich aufklärend begleite, wenn ich zum Beispiel in der Kita beobachte, dass sie sich spontan nackt im Spiegel betrachten, oder ob ich bewusst Situationen schaffe, in denen das Interesse auf die eigenen Geschlechtsorgane oder die von anderen geleitet wird, indem ich sie zum Beispiel auffordere, sich nackt vor oder sogar auf Spiegel zu stellen und sie dann mit Informationen „überschütte“. Es ist auch ein Unterschied, ob ich auf Fragen von Schülern sachlich über seltene oder ausgefallene Sexualpraktiken informiere und dabei auch gegebenenfalls über Risiken spreche oder ob ich durch reale Sexspielzeuge einen „handlungsorientierten“ Unterricht mit vielen nicht erfragten Informationen, aber ohne Orientierungshilfen initiiere.

Was halten Sie von den konkreten Unterrichtsinhalten, die der Lehrplan benennt?

Positiv ist, dass jetzt auch in der Grundschule das Thema „der menschliche Körper, Bau und Funktionen“ verbindlich ist. Leider ist nur die Rede von den Unterschieden der Geschlechter und nicht von den Gemeinsamkeiten. Das passt nicht zu den übergeordneten Zielen. Das Thema „Vorbereitung auf die Pubertät“ ist unverständlicherweise weggefallen. Auffällig ist auch, dass das Thema „Ich mag mich, ich mag dich“ durch den Zusatz „kindliches Sexualverhalten“ einen anderen - fragwürdigen - Akzent bekommen hat als früher.

Wieso fragwürdig?

Da spürt man die Tendenz, kindliches Verhalten als sexuell zu interpretieren, auch wenn man gar nicht sicher sein kann, dass es etwas mit Sexualität zu tun hat. In den alten Richtlinien war „kindliches Sexualverhalten“ ein eigenes Thema.

Eine Vorgabe des Schulgesetzes ist, dass die Unterrichtsinhalte altersgemäß sein sollten. Ist das bei der Themenauswahl für die vier Altersgruppen gelungen?

Ich vermisse bei dem Plan Struktur und logischen Aufbau. Er scheint mit der „heißen Nadel“ gestrickt worden zu sein. Aber jedes der aufgelisteten Themen kann altersgerecht sein, wenn es entwicklungssensibel didaktisch-methodisch geschickt auf- und eingearbeitet wird. Schwierig wird das jedoch bei den in allen Altersstufen erwähnten Themen „sexueller Missbrauch“ und „sexuelle Orientierung“. Das Thema Transsexualität in der 5. oder 6. Klasse halte ich sogar für gefährlich, wenn es ungeschickt angegangen wird, da es Kinder zu Beginn der Pubertät stark verunsichern kann. Auch einen Unterricht über das Thema „erste Liebe“ bei Zehn- bis Zwölfjährigen stelle ich mir ein bisschen verkrampft vor. Merkwürdig ist, dass in Richtlinien, in denen ein modernes Verständnis von Geschlechtlichkeit und Gleichberechtigung eine große Rolle spielt, mehrmals das traditionelle, ideologisch belastete und wissenschaftlich unhaltbare Adjektiv „geschlechtsspezifisch“ für den Verhaltensbereich verwendet wird.

Gibt es denn keine geschlechtsspezifischen Verhaltensweisen?

Doch, aber nur ganz wenige im Zusammenhang mit der Fortpflanzung. Bei der Frau zum Beispiel das Stillen, das kann kein Mann. Oder beim Mann das Zeugen, das kann keine Frau. Das meiste ist nur geschlechtstypisch, es kommt bei Männern und Frauen statistisch gehäuft vor, zeigt sich aber auch beim jeweils anderen Geschlecht: Wenn es trotzdem als geschlechtsspezifisch bezeichnet wird - Männer sind zum Beispiel mutig, aggressiv, handwerklich begabt und geeignet für Führungspositionen, Frauen sind fürsorglich und kinderlieb und bevorzugen soziale Berufe -, dann ist das Teil einer konservativen Ideologie. Das haben die Autoren des Lehrplans, in dem doch sonst so viel von Vielfalt und selbstbestimmten Verhalten die Rede ist, offenbar nicht verstanden.

Wenn der Schule so viel Verantwortung für die Sexualerziehung übertragen wird, was bleibt da noch für die Eltern?

Eltern haben von Geburt an Einfluss auf das geschlechtliche Verhalten ihres Kindes und leben ihm vor, wie man mit Sexualität, Partnerschaft und sexueller Vielfalt umgehen kann. Das motiviert zur Nachahmung, aber auch zu Protesten bei Kindern, je nachdem, wie sie diesen Umgang wahrgenommen haben. Darüber hinaus können Eltern mit der Schule diesbezüglich Kontakt halten und vielleicht auch einiges aushandeln. Das lassen die Richtlinien zu.

Welche Rolle spielt der Medienkonsum?

Die Medien einschließlich der Pornographie haben heute einen weit größeren Einfluss auf das Sexualverhalten der nachwachsenden Generation als Impulse aus dem Elternhaus oder aus der Schule. Diesbezüglich könnte man mehr Achtsamkeit und Proteste aus der Elternschaft erwarten.

Die Fragen stellte Matthias Trautsch.

Der Lehrplan

Seit einer Woche gilt für die allgemeinbildenden und beruflichen Schulen in Hessen ein neuer „Lehrplan für Sexualerziehung“, der die alte Version von 2007 ersetzt. Auf sechs Seiten macht er Vorgaben für die fächerübergreifende Behandlung des Themas. Unter anderem soll die Schule aufklären über die Bedeutung von Ehe, Lebenspartnerschaften und Familie, den Schutz ungeborenen Lebens und die Vielfalt sexueller Orientierungen und Geschlechtsidentitäten.

Es werden Unterrichtsinhalte für die jeweiligen Altersstufen festgelegt, und die Zusammenarbeit mit den Eltern wird geregelt. Zum Beispiel soll auf Elternabenden rechtzeitig und ausführlich über das Thema informiert werden. In die Beratungen über die Neufassung waren elf Gremien einbezogen, vom Hauptpersonalrat über die Kirchen und Pro Familia bis zur Landesschülervertretung. Lediglich der Landeselternbeirat lehnte den Plan ab, der durch Beschluss von Kultusminister Alexander Lorz (CDU) trotzdem in Kraft trat.

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