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Neuer Lehrplan für Hessen : „Das wäre ein Beitrag zur Sexualisierung von Kindern“

Praxisnah: Wie Verhütung funktioniert, sollen die Schüler laut Lehrplan im Alter von 13 bis 16 Jahren erfahren. Bild: dpa

Gegen das Votum des Elternbeirats ist in Hessen ein neuer Lehrplan zur Sexualerziehung in Kraft getreten. Professorin Karla Etschenberg warnt davor, Schüler im Sinne „sexueller Vielfalt“ zu indoktrinieren.

          Wozu braucht man eigentlich einen Lehrplan für Sexualerziehung? Und was ist der Unterschied zu „Sexualkunde“?

          Matthias Trautsch

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Sexualkunde ist ein Teilgebiet der Humanbiologie. Da geht es um Wissensvermittlung: Bau und Funktion der Geschlechtsorgane, Zeugung, Schwangerschaft und Geburt, vorgeburtliche Entwicklung, hormonelle Zusammenhänge und so weiter. Ziel ist - wie das Wort schon sagt -, Kinder und Jugendliche kundig zu machen.

          Sexualerziehung geht darüber hinaus?

          Kindern und Jugendlichen sollen Maßstäbe vermittelt werden, die ihnen helfen, das Wissen in ein für sie selbst günstiges, aber auch sozialverträgliches Verhalten umzusetzen. Das ist Aufgabe von Sexualerziehung. Sexualkunde ist unverzichtbarer Teil von Sexualerziehung. Für ein verantwortungsbewusstes Vermeiden von Infektionsrisiken und ungewollten Schwangerschaften braucht man zum Beispiel Wissen über Geschlechtsorgane und Monatszyklus, und für einen angemessenen Umgang mit intersexuellen Phänomenen braucht man Wissen über die vorgeburtliche Entwicklung des Menschen.

          Pädagogin Karla Etschenberg findet, dass das Thema Transsexualität für Fünft- oder Sechstklässler zu früh kommt.
          Pädagogin Karla Etschenberg findet, dass das Thema Transsexualität für Fünft- oder Sechstklässler zu früh kommt. : Bild: INTERTOPICS/Horst Galuschka

          Der Lehrplan ist jetzt aktualisiert worden. War das nötig?

          Die Bewertung von Sexualverhalten unterliegt einem ständigen Wandel, weil sich Sichtweisen und Wertvorstellungen verändern. Denken Sie nur an Themen wie Selbstbefriedigung, Gleichberechtigung, sexuelle Gewalt, gleichgeschlechtliche Partnerschaften und so weiter. Außerdem muss ständig neues Fachwissen integriert werden wie zum Beispiel über sexuell übertragbare Krankheiten und über Möglichkeiten der Fortpflanzungsmedizin. Auch die zunehmende Bedeutung von Medien im Leben junger Menschen bis hin zur Pornographie muss pädagogisch begleitet werden. Da bleibt den Verantwortlichen im Bildungsbereich nichts anderes übrig, als ab und zu die Richtlinien zu überarbeiten.

          Was hat sich in der neuen Version im Vergleich zur vorigen, für die Sie die Handreichung für Lehrer geschrieben haben, verändert?

          Auffallend ist die Betonung der Themen „Missbrauch“ und „sexuelle Vielfalt“. Beide Themen waren auch schon Bestandteil der alten Richtlinien, aber anders formuliert und akzentuiert. Dass neuerdings „sexualpädagogische Erkenntnisse“ neben einer Reihe von sozialen Entwicklungen Akzente im Themenfeld Sexualität setzen, macht nachdenklich.

          Gewichtet der Plan den Aspekt der „Vielfalt sexueller Orientierungen und Geschlechtsidentitäten“ zu stark?

          Ja, weil andere wichtige Akzentsetzungen dadurch zu kurz kommen. Ich finde es nicht in Ordnung, wenn Sexualkunde und Sexualerziehung in Anpassung an aktuelle sexualphilosophische und politische Trends in Richtlinien selektiv verkürzt dargestellt werden. Die Gefahr besteht, dass der Bereich genauso selektiv verkürzt in der Schule behandelt wird. Das kann leicht zur Indoktrination ausarten.

          Der Landeselternbeirat hat den Plan mehrheitlich abgelehnt. Er stört sich an der Forderung nach „Akzeptanz von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans- und intersexuellen Menschen (LSBTI)“ und hätte „Toleranz“ befürwortet. Können Sie das nachvollziehen?

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