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Veröffentlicht: 03.02.2016, 12:35 Uhr

Islamische Theologie „Einen Islam für Deutschland entwickeln“

Die Goethe-Universität hat einen großen Anteil daran, dass sich eine fortschrittliche islamische Theologie in Deutschland etabliert - aber auch der Bund, der seine Förderung verlängert hat. Bald gibt es einen neuen Studiengang.

von , Frankfurt
© dpa Im Gespräch: der Direktor des Zentrums für islamische Studien, Bekim Agai (links), mit Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier. Das Foto entstand vor einem Jahr, als Agai im Landtag über den Islam in Deutschland sprach.

Das in Hessen ansässige Zentrum für Islamische Theologie baut sein Angebot aus: An der Goethe-Universität gibt es vom Wintersemester 2016/2017 an den Lehramtsstudiengang Islamische Religion an Haupt-/Realschulen und Gymnasien. Lehrstuhlinhaber ist der Religionspädagoge Harry Harun Behr, der seit 2014 in Frankfurt lehrt. Nach dem Ende des Akkreditierungsverfahrens kann der neue Studiengang demnächst seinen Betrieb aufnehmen.

Stefan Toepfer Folgen:

Angesiedelt ist Behrs Professur im Fachbereich Erziehungswissenschaften. Sie ist eine von drei Säulen des Zentrums für Islamische Theologie. Die zweite ist die Professur für Islamische Theologie und ihre Didaktik von Yasar Sarikaya an der Gießener Universität, an der schon seit vier Jahren Religionslehrer für Grundschulen ausgebildet werden.

Islam-Institut profitiert in von drei Millionen Euro des Bundes

Die dritte Säule ist das Institut für Studien der Kultur und Religion des Islam an der Goethe-Universität, dessen geschäftsführender Direktor Bekim Agai an der Spitze des gesamten Zentrums steht. Außer diesem gibt es vier weitere Zentren für Islamische Theologie in Deutschland, die seit 2011 vom Bund finanziell gefördert werden. Vor kurzem hat das Bundesforschungsministerium mitgeteilt, die Unterstützung für weitere fünf Jahre zu verlängern.

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In Frankfurt profitiert in den nächsten Jahren von den drei Millionen Euro des Bundes das Islam-Institut; die beiden religionspädagogischen Professuren in Frankfurt und Gießen werden in etwa gleicher Höhe vom Land Hessen finanziert. Agai zufolge nutzen derzeit rund 500 Studenten die Lehrangebote des Zentrums. 160 waren es zu Beginn vor fünf Jahren.

Als neuen Schwerpunkt nennt Agai für die nächsten Jahre das Thema „Islam im sozialen Feld“. Damit sollen Studenten auf Berufe wie Krankenhausseelsorge oder Sozialarbeit vorbereitet werden. Dieser neue Fokus steht im Zusammenhang mit der immer intensiver geführten Diskussion über eine islamische Wohlfahrtspflege in Deutschland.

Einen „Islam für Deutschland“ entwickeln

Einen starken Akzent setzen Forschung und Lehre in Frankfurt auf die Geschichte des Islam, nicht zuletzt auf die Koran-Exegese und die Verortung des Islam in der Gegenwart. Das soll Agai zufolge in den nächsten Jahren verstärkt werden. „Muslime sollen befähigt werden, für ihren Kontext Traditionen nutzbar zu machen.“ Es solle ein „Islam für Deutschland“ entwickelt werden, ein als solcher erkennbarer Islam, der den Menschen helfe, Antworten auf Fragen aus ihrem Lebensumfeld zu finden.

Dafür stehen Ömer Özsoy mit seiner kritischen Koran-Hermeneutik, Agai als Professor für Kultur und Gesellschaft des Islam in Geschichte und Gegenwart sowie die Juniorprofessorin Armina Omerika, die Ideengeschichte des Islam lehrt. Özsoy hat als Agais Vorgänger in der Leitung des Instituts wesentlichen Anteil daran, dass eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Islam in Frankfurt Fuß fassen konnte. Darauf hatte die Universität schon früh Wert gelegt und erstmals im Wintersemester 2010/2011 einen theologischen Bachelor-Studiengang Islamische Studien angeboten.

Wo noch zum Islam geforscht wird

Anfang 2010 hatte sich der Wissenschaftsrat für den Ausbau der Islamstudien an Universitäten ausgesprochen. In der entsprechenden Arbeitsgruppe saß auch der Islamwissenschaftler Reinhard Schulze, der an der Universität Bern lehrt.

Er beurteilt die Entwicklung der Islam-Zentren in Deutschland insgesamt positiv. Es sei ihnen gelungen, im Kern für eine Reformtheologie zu stehen, das heißt für eine Theologie in einem säkularen Umfeld. Außerdem hätten einige Standorte mittlerweile Profile gebildet - etwa ein religionspädagogisch geprägtes in Osnabrück, ein theologisch-systematisches in Münster und ein eher historisches in Frankfurt. Stärker als bisher könnten die Professoren nun in der Forschung tätig sein, findet Schulze. Bisher sei viel in die Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses und die „Konfiguration der Lehre“ investiert worden.

Zugute kam der Ausbildung von Nachwuchswissenschaftlern in Frankfurt auch ein großes, auf fünf Jahre angelegtes Graduiertenprogramm der Stiftung Mercator, an dem sich die Goethe-Universität als eine von sieben Hochschulen beteiligt. Das Projekt läuft im September 2017 aus, die Stiftung will es fortsetzen.

Wichtiger Beitrag zur „Selbstreflexion des Islam“

Joachim Valentin, Islambeauftragter des Bistums Limburg und als Professor an der Goethe-Uni tätig, nannte die gesamte Entwicklung der Zentren „epochal“. Es sei eine Disziplin geschaffen worden, die es so in der islamischen Welt nicht gebe. Nicht zuletzt von der Professur Omerikas verspricht sich Valentin einen wichtigen Beitrag zur „Selbstreflexion des Islam“. Für die Etablierung der islamischen Theologie spricht auch die Gründung einer eigenen Fachgesellschaft, deren Sprecher der Frankfurter Religionspädagoge Behr ist.

Zum Konstrukt der Zentren gehört die Kooperation mit islamischen Verbänden, analog zum Verhältnis der Kirchen zu den theologischen Fachbereichen. Hier kommt es mitunter zu Auseinandersetzungen. In Hessen haben der Ditib-Landesverband und die Ahmadiyya-Gemeinde als vom Land anerkannte Religionsgemeinschaften vor allem ein Mitspracherecht in der Besetzung der religionspädagogischen Professuren. Der Vorsitzende von Ditib Hessen, Salih Özkan, hieß die Entscheidung des Bundes gut, die Förderung der Zentren fortzusetzen. „Ich wünsche mir, dass die Theologie genug Raum und Zeit bekommt, um im Lande Fuß zu fassen, und dass eine solide Entwicklung der islamischen Theologie stattfindet.“

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