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Lebensmittel-Lieferdienste : Der Boom der Biokiste

  • -Aktualisiert am

Statt einkaufen gehen: Bioprodukte frei Haus Bild: Wonge Bergmann

Bestellt, gebracht: Öko-Lieferdienste sind beliebter denn je. Sie wandeln sich, mit einem Spagat zwischen Idealismus und den Wünschen der Kunden.

          Die meisten Felder in der Region liegen brach zurzeit, das Angebot aus heimischem Anbau ist schmal, aus konventionellem und aus ökologischem. Auf Biotomaten und Biobrokkoli und Biogurken müssen Kunden von „Querbeet“ im Winter trotzdem nicht verzichten. Das Obst und Gemüse, das der Wetterauer Lieferdienst vertreibt, stammt aus ökologischem Anbau in Spanien, Italien und Frankreich. Nur sehr wenige seien es zufrieden, jetzt ausschließlich Kartoffeln und Kohl zu kaufen, sagt Thomas Wolff, Geschäftsführer von „Querbeet“, und setzt hinzu: „Nur die Hardliner.“

          Der gelernte Gemüsebauer und Biopionier, der seit 1988 heimische Ware verkauft, meint das als Anerkennung, er freut sich über solches Beharren auf Saisonalität. Doch Wolff ist auch Pragmatiker und Geschäftsmann, der das Ohr beim Kunden hat. Und weil der es so verlangt, ist die Auswahl der Produkte, die er bei Wolff bestellen kann, das ganze Jahr über groß.

          Per Mausklick Gemüse einkaufen

          Längst hat sich aus der Idee, Obst und Gemüse aus der Region vom Feld direkt zum Verbraucher zu bringen, ein boomendes Geschäft entwickelt, angefeuert von den Möglichkeiten des Internets, der Großteil der Order geht online ein. Aus den Vermarktern, von denen viele als Einmannbetrieb angefangen haben, sind Versandhändler mit einer ausgefeilten Logistik und stattlichen Produktlisten geworden. Eine unüberschaubare Anzahl gibt es inzwischen im Rhein-Main-Gebiet.

          Besuch auf dem Hof von „Querbeet“ in der Nähe von Friedberg. Ein Mann in neongelber Warnweste schneidet einen kahlen Zwetschgenbaum, Nebel liegt über dem Boden, auf dem die Ökobauern der Hofgemeinschaft sonst Kartoffeln und Möhren anbauen. In einer großen Halle dröhnt Radiomusik, seit sechs Uhr morgens werden hier Kisten gepackt, im Kettensystem: Im Kühlraum füllt ein Mitarbeiter Käse und Wurst in die grünen Behältnisse, ein anderer nimmt sie entgegen, klebt Etiketten darauf und stellt Dinge wie Knäckebrot, Müsli und Sojamilch dazu. Ein Fließband transportiert die Kisten dann zur ersten Packstation für Obst und Gemüse. Eine Mitarbeiterin scannt den Barcode, liest die Bestellung des Kunden, die er telefonisch oder am Computer abgegeben hat, und packt das schwere Gemüse in die Kiste: Kartoffeln, Zwiebeln, Kohlrabi, Kürbisse. An der nächsten Station folgt das leichtere Obst und Fruchtgemüse wie Tomaten, an der dritten Station Salat und druckempfindliches Obst wie Trauben oder Bananen. Zum Schluss führt das Band direkt in den Nebenraum, in dem die Fahrer die Kisten verladen. Nach einer Stunde ist ein Kleinbus voll und verlässt den Hof.

          Eine Art Amazon für Bioprodukte?

          Ein Logistikzentrum für Bioware. Eine Art Amazon für Ökoprodukte? Wolff widerspricht. Mit der Anonymität eines reinen Logistikunternehmens habe sein Betrieb nichts zu tun. Vieles aus dem Sortiment werde auf dem Hof produziert. Die Zulieferer aus der Region kenne er persönlich. „Die Kunden vertrauen darauf, dass unsere Produkte einwandfrei sind. Wir verkaufen nicht nur Bio, wir leben auch danach.“ 1300 Kunden in einem Umkreis von 40 Kilometern um Frankfurt beliefert Querbeet an sechs Tagen in der Woche, der Umsatz betrug im vergangenen Jahr vier Millionen Euro. 55 Mitarbeiter hat Wolff, allein zehn fahren die Kisten aus. Zum Geschäft gehören auch Wochenmarktstände in Frankfurt und Offenbach.

          Die Biolieferanten haben sich zu Hybridbetrieben entwickelt. Auf der einen Seite bringen sie frisches Obst und Gemüse von den Feldern der Wetterau oder der Bergstraße, wollen die Wege kurz halten. Doch überregionale und verarbeitete Produkte werden immer wichtiger. Das meiste stammt von Biogroßhändlern, im Winter ist viel Obst und Gemüse aus Südeuropa dabei. Auch Brot, Fleisch, Milchprodukte und Getränke bieten die Lieferdienste, manche haben sogar Kosmetikprodukte im Angebot und Waschmittel, sind Vollsortimenter geworden, Bioläden auf vier Rädern.

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