Home
http://www.faz.net/-gzg-759fz
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Leben mit der Heroinsucht Ein Weihnachten wie kein anderes

Durch Drogen wurde ihre Familie zerstört. Dennoch ist Paula zufrieden, weil sie nach dunklen Jahren ihren Alltag mit ihrer Tochter meistert. Sie war heroinabhängig, heute lebt sie mit einem Ersatzstoff. Die Sucht bleibe, der Umgang mit ihr könne sich verändern, sagt sie. Eine Geschichte voller Hoffnung.

© Sick, Cornelia Vergrößern Unter dem Weihnachtsbaum: Paula und ihre Tochter auf dem Schlossplatz in Frankfurt-Höchst.

Es ist ein friedliches Bild. Babyrasseln liegen auf dem Teppich verstreut. Charlotte, neun Monate alt, krabbelt zwischen dem Spielzeug herum und quiekt. Ihre Mutter Paula sitzt auf dem Sofa. Vor sich auf dem Wohnzimmertisch hat sie eine Kanne mit Wasser stehen. In der Küche sind Gläser mit Babynahrung aufgereiht, neben dem Waschbecken im Badezimmer glitzert eine Flasche Chanel. Nichts in dieser Wohnung lässt erahnen, dass Paula von einer Droge abhängig ist, die in diesem Jahr in Frankfurt mehr als 15 Menschen getötet hat. „Ich habe viele Fehler gemacht. Aber es gibt auch viele Vorurteile gegen Süchtige“, sagt sie.

Paula war 15 Jahre alt, als sie zum ersten Mal Heroin nahm. Sie war mit ihrer Familie in die Nähe von Marburg gezogen, eine neue Umgebung, eine neue Schule. Über ihren zwei Jahre älteren Bruder lernte sie Jugendliche kennen, die Heroin rauchten. „Ich war neu und wollte Anschluss haben. Da habe ich das dann auch gemacht.“ Die Wirkung, den „Kick“, wie Paula es nennt, fand sie zuerst schrecklich. Sie übergab sich, und ihr Rücken juckte fürchterlich. Aber: „Das Gefühl, das man dabei kriegt. Man spürt eine wohlige Wärme, und alles, was einen belastet, ist plötzlich nicht mehr ganz so schlimm.“ Das Verlangen nach diesem Gefühl verfolgt Paula bis heute, in ihr 31. Lebensjahr.

Fixen während der Ausbildung

Vereinfacht gesagt, wirkt Heroin wie ein starkes Schmerzmittel, Morphium etwa, erklärt Stefan Tönnes, Professor am Rechtsmedizinischen Institut in Frankfurt. Als Opiat besetzt es, genau wie das körpereigene Opiat Endorphin, die Rezeptoren des endogenen Opioidsystems, das ein körpereigener Mechanismus zur Schmerzhemmung ist. So, sagt Tönnes, verringere der Heroinkonsum körperliches Missempfinden und Schmerzen und verursache einen Rausch, der die Wirkung emotionaler Probleme vermindere. Paula sagt, sie habe als Jugendliche Schwierigkeiten mit ihrer Familie gehabt. Mit Heroin habe sie die verdrängen können, die cholerischen Ausfälle ihres Vaters hätten nicht mehr so bedrückend gewirkt.

Während ihrer Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau fing sie an, Heroin auch zu spritzen. „Beim Fixen geht das über die Blutbahn auch schnell ins Gehirn. Der Kick ist wie alle deine schönen Erlebnisse zusammen. Wie Geburtstag, Weihnachten und Ostern in einer Spritze.“ Das sei das schönste Gefühl dieser Welt, aber auch das heimtückischste, sagt Paula. Nachdem ihr Vater an Krebs gestorben war, betäubte sie ihre Trauer mit bis zu acht Gramm Heroin am Tag. Da war sie 21 Jahre alt. Für ein Gramm bezahlte sie zwischen 30 und 40 Euro. Nur mit ihrer Arbeit im Einzelhandel konnte sie ihren Konsum nicht finanzieren. Sie verdingte sich zusätzlich als Fahrerin für Drogenkuriere, stahl Geld von ihrer Mutter. „Ich komme eigentlich aus gutem Elternhaus. Wir hatten einen mittelständischen Handwerksbetrieb“, sagt sie. Ihr Bruder, ebenfalls heroinabhängig, bediente sich immer wieder am Vermögen der Firma, die er nach dem Tod des Vaters übernommen hatte. Der Betrieb ging bankrott. Die Mutter hat Privatinsolvenz angemeldet, der Bruder nahm sich 2008 das Leben, nachdem er die Firma aufgeben musste.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Rauschgifte aus Zucker Eine Brauerei für harte Drogen

Harte Drogen zu Hause herstellen? Eine neue, biotechnisch erzeugte Hefe soll das möglich machen. Viel braucht man nicht dafür - Zucker reicht. Mehr

19.05.2015, 07:47 Uhr | Wissen
Frühjahrsmode Auf der Suche nach dem perfekten Outfit

Meike Krüger sucht das perfekte Outfit für den Frühling. Erst zieht sie alleine los, dann mit einem Personal Shopper, und schließlich lässt sie sich von einem Online-Modeberater helfen. Was klappt am besten? Mehr

17.04.2015, 12:52 Uhr | Stil
Amtsgericht Düsseldorf Bewährung für 83 Jahre alten Drogendealer

Was macht ein 83 Jahre alter Mann, der wegen Drogenhandels vorbestraft ist, mit Heroin in der Nähe des Bahnhofs? Dealen wahrscheinlich. Ein Gericht fand dafür aber nicht genug Beweise. Ganz aus dem Schneider ist der Mann trotzdem noch nicht. Mehr

21.05.2015, 15:40 Uhr | Gesellschaft
Dänemark Reaktionen nach den Anschlägen

Nach den zwei Anschlägen in der dänischen Hauptstadt sucht die Polizei nach Motiven, Indizien und Hintergründen der Tat. Mehr

21.02.2015, 09:08 Uhr | Politik
Frankfurter Parks bevölkert Die Not mit der Nilgans

Nilgänse breiten sich in den Grünanlagen Frankfurts rasant aus. Die Stadt hat kein Patentrezept, um ihre Vermehrung einzudämmen. Sie hofft auf Ideen aus anderen Kommunen. Mehr Von Mechthild Harting

19.05.2015, 08:02 Uhr | Rhein-Main
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 22.12.2012, 17:30 Uhr

Der Aufpreis der U-Bahn

Von Hans Riebsamen

Eine U-Bahn-Strecke soll das Europaviertel in Frankfurt besser anbinden. Der Bau wird teurer und laut Plan erst 2022 fertig. Doch ein wichtiges Gesetz läuft bald aus, das bedeutet ein enormes Risiko für das Land Hessen. Mehr 3 8