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Veröffentlicht: 22.12.2012, 17:30 Uhr

Leben mit der Heroinsucht Ein Weihnachten wie kein anderes

Durch Drogen wurde ihre Familie zerstört. Dennoch ist Paula zufrieden, weil sie nach dunklen Jahren ihren Alltag mit ihrer Tochter meistert. Sie war heroinabhängig, heute lebt sie mit einem Ersatzstoff. Die Sucht bleibe, der Umgang mit ihr könne sich verändern, sagt sie. Eine Geschichte voller Hoffnung.

von Philip Barnstorf, Frankfurt
© Sick, Cornelia Unter dem Weihnachtsbaum: Paula und ihre Tochter auf dem Schlossplatz in Frankfurt-Höchst.

Es ist ein friedliches Bild. Babyrasseln liegen auf dem Teppich verstreut. Charlotte, neun Monate alt, krabbelt zwischen dem Spielzeug herum und quiekt. Ihre Mutter Paula sitzt auf dem Sofa. Vor sich auf dem Wohnzimmertisch hat sie eine Kanne mit Wasser stehen. In der Küche sind Gläser mit Babynahrung aufgereiht, neben dem Waschbecken im Badezimmer glitzert eine Flasche Chanel. Nichts in dieser Wohnung lässt erahnen, dass Paula von einer Droge abhängig ist, die in diesem Jahr in Frankfurt mehr als 15 Menschen getötet hat. „Ich habe viele Fehler gemacht. Aber es gibt auch viele Vorurteile gegen Süchtige“, sagt sie.

Paula war 15 Jahre alt, als sie zum ersten Mal Heroin nahm. Sie war mit ihrer Familie in die Nähe von Marburg gezogen, eine neue Umgebung, eine neue Schule. Über ihren zwei Jahre älteren Bruder lernte sie Jugendliche kennen, die Heroin rauchten. „Ich war neu und wollte Anschluss haben. Da habe ich das dann auch gemacht.“ Die Wirkung, den „Kick“, wie Paula es nennt, fand sie zuerst schrecklich. Sie übergab sich, und ihr Rücken juckte fürchterlich. Aber: „Das Gefühl, das man dabei kriegt. Man spürt eine wohlige Wärme, und alles, was einen belastet, ist plötzlich nicht mehr ganz so schlimm.“ Das Verlangen nach diesem Gefühl verfolgt Paula bis heute, in ihr 31. Lebensjahr.

Fixen während der Ausbildung

Vereinfacht gesagt, wirkt Heroin wie ein starkes Schmerzmittel, Morphium etwa, erklärt Stefan Tönnes, Professor am Rechtsmedizinischen Institut in Frankfurt. Als Opiat besetzt es, genau wie das körpereigene Opiat Endorphin, die Rezeptoren des endogenen Opioidsystems, das ein körpereigener Mechanismus zur Schmerzhemmung ist. So, sagt Tönnes, verringere der Heroinkonsum körperliches Missempfinden und Schmerzen und verursache einen Rausch, der die Wirkung emotionaler Probleme vermindere. Paula sagt, sie habe als Jugendliche Schwierigkeiten mit ihrer Familie gehabt. Mit Heroin habe sie die verdrängen können, die cholerischen Ausfälle ihres Vaters hätten nicht mehr so bedrückend gewirkt.

Während ihrer Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau fing sie an, Heroin auch zu spritzen. „Beim Fixen geht das über die Blutbahn auch schnell ins Gehirn. Der Kick ist wie alle deine schönen Erlebnisse zusammen. Wie Geburtstag, Weihnachten und Ostern in einer Spritze.“ Das sei das schönste Gefühl dieser Welt, aber auch das heimtückischste, sagt Paula. Nachdem ihr Vater an Krebs gestorben war, betäubte sie ihre Trauer mit bis zu acht Gramm Heroin am Tag. Da war sie 21 Jahre alt. Für ein Gramm bezahlte sie zwischen 30 und 40 Euro. Nur mit ihrer Arbeit im Einzelhandel konnte sie ihren Konsum nicht finanzieren. Sie verdingte sich zusätzlich als Fahrerin für Drogenkuriere, stahl Geld von ihrer Mutter. „Ich komme eigentlich aus gutem Elternhaus. Wir hatten einen mittelständischen Handwerksbetrieb“, sagt sie. Ihr Bruder, ebenfalls heroinabhängig, bediente sich immer wieder am Vermögen der Firma, die er nach dem Tod des Vaters übernommen hatte. Der Betrieb ging bankrott. Die Mutter hat Privatinsolvenz angemeldet, der Bruder nahm sich 2008 das Leben, nachdem er die Firma aufgeben musste.

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