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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Leben mit der Heroinsucht Ein Weihnachten wie kein anderes

 ·  Durch Drogen wurde ihre Familie zerstört. Dennoch ist Paula zufrieden, weil sie nach dunklen Jahren ihren Alltag mit ihrer Tochter meistert. Sie war heroinabhängig, heute lebt sie mit einem Ersatzstoff. Die Sucht bleibe, der Umgang mit ihr könne sich verändern, sagt sie. Eine Geschichte voller Hoffnung.

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Es ist ein friedliches Bild. Babyrasseln liegen auf dem Teppich verstreut. Charlotte, neun Monate alt, krabbelt zwischen dem Spielzeug herum und quiekt. Ihre Mutter Paula sitzt auf dem Sofa. Vor sich auf dem Wohnzimmertisch hat sie eine Kanne mit Wasser stehen. In der Küche sind Gläser mit Babynahrung aufgereiht, neben dem Waschbecken im Badezimmer glitzert eine Flasche Chanel. Nichts in dieser Wohnung lässt erahnen, dass Paula von einer Droge abhängig ist, die in diesem Jahr in Frankfurt mehr als 15 Menschen getötet hat. „Ich habe viele Fehler gemacht. Aber es gibt auch viele Vorurteile gegen Süchtige“, sagt sie.

Paula war 15 Jahre alt, als sie zum ersten Mal Heroin nahm. Sie war mit ihrer Familie in die Nähe von Marburg gezogen, eine neue Umgebung, eine neue Schule. Über ihren zwei Jahre älteren Bruder lernte sie Jugendliche kennen, die Heroin rauchten. „Ich war neu und wollte Anschluss haben. Da habe ich das dann auch gemacht.“ Die Wirkung, den „Kick“, wie Paula es nennt, fand sie zuerst schrecklich. Sie übergab sich, und ihr Rücken juckte fürchterlich. Aber: „Das Gefühl, das man dabei kriegt. Man spürt eine wohlige Wärme, und alles, was einen belastet, ist plötzlich nicht mehr ganz so schlimm.“ Das Verlangen nach diesem Gefühl verfolgt Paula bis heute, in ihr 31. Lebensjahr.

Fixen während der Ausbildung

Vereinfacht gesagt, wirkt Heroin wie ein starkes Schmerzmittel, Morphium etwa, erklärt Stefan Tönnes, Professor am Rechtsmedizinischen Institut in Frankfurt. Als Opiat besetzt es, genau wie das körpereigene Opiat Endorphin, die Rezeptoren des endogenen Opioidsystems, das ein körpereigener Mechanismus zur Schmerzhemmung ist. So, sagt Tönnes, verringere der Heroinkonsum körperliches Missempfinden und Schmerzen und verursache einen Rausch, der die Wirkung emotionaler Probleme vermindere. Paula sagt, sie habe als Jugendliche Schwierigkeiten mit ihrer Familie gehabt. Mit Heroin habe sie die verdrängen können, die cholerischen Ausfälle ihres Vaters hätten nicht mehr so bedrückend gewirkt.

Während ihrer Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau fing sie an, Heroin auch zu spritzen. „Beim Fixen geht das über die Blutbahn auch schnell ins Gehirn. Der Kick ist wie alle deine schönen Erlebnisse zusammen. Wie Geburtstag, Weihnachten und Ostern in einer Spritze.“ Das sei das schönste Gefühl dieser Welt, aber auch das heimtückischste, sagt Paula. Nachdem ihr Vater an Krebs gestorben war, betäubte sie ihre Trauer mit bis zu acht Gramm Heroin am Tag. Da war sie 21 Jahre alt. Für ein Gramm bezahlte sie zwischen 30 und 40 Euro. Nur mit ihrer Arbeit im Einzelhandel konnte sie ihren Konsum nicht finanzieren. Sie verdingte sich zusätzlich als Fahrerin für Drogenkuriere, stahl Geld von ihrer Mutter. „Ich komme eigentlich aus gutem Elternhaus. Wir hatten einen mittelständischen Handwerksbetrieb“, sagt sie. Ihr Bruder, ebenfalls heroinabhängig, bediente sich immer wieder am Vermögen der Firma, die er nach dem Tod des Vaters übernommen hatte. Der Betrieb ging bankrott. Die Mutter hat Privatinsolvenz angemeldet, der Bruder nahm sich 2008 das Leben, nachdem er die Firma aufgeben musste.

Nach vielen gescheiterten Entgiftungen hat Paula wieder Hoffnung

Im Jahr 2006 gebar Paula ihren ersten Sohn, Noah. Das Jugendamt sorgte dafür, dass das Kind direkt nach der Geburt gegen ihren Willen in eine Pflegefamilie kam, wo es bis heute lebt. Heute kämpft sie darum, Noah öfter als einmal in vier Wochen sehen zu dürfen. Dass ihr das Kind abgenommen wurde, sagt sie, das könne sie verstehen. „Es gibt viele Junkies, denen ist alles egal, und die sind kriminell“, sagt Paula. „Aber ich bin wieder zuverlässig geworden. Die vom Jugendamt sollten sich die Mühe machen, die einzelnen Menschen kennenzulernen.“

Nach vielen gescheiterten Entgiftungen versucht Paula inzwischen ernsthaft, ihr Leben in den Griff zu kriegen. Sie hat die Heimat ihrer Jugend verlassen, dem Umfeld, in dem sich alles nur um die Sucht drehte, den Rücken gekehrt. Jetzt lebt sie in einem ruhigen Stadtteil von Frankfurt. Von einem Arzt lässt sie sich Polamidon, einen Ersatzstoff für Heroin, verschreiben. In Frankfurt nehmen knapp 1500 Süchtige im Rahmen einer Therapie einen solchen Ersatzstoff, auch Substitut genannt. Wie den meisten wurde auch Paula zunächst Methadon verordnet. Aber als sie mit Charlotte schwanger wurde, stieg sie auf Polamidon um, weil es weniger Nebenwirkungen hat.

„Der ganze Körper tut weh“

Wer Heroin konsumiert, steckt in einem Teufelskreis. Der Tagesablauf Süchtiger ist oft nur darauf ausgerichtet, sich die Droge zu besorgen und das Geld dafür, viele sind kriminell. Nicht nur die Sehnsucht nach dem Rausch treibt sie an. Sie wollen auch Entzugserscheinungen verhindern. „Alles, was man beim Heroinkick bekommt, schlägt im Entzug ins Gegenteil um“, sagt Paula. „Der ganze Körper tut weh, dir ist kalt, die Nase läuft permanent, und du glaubst, dass das nie aufhört.“ Das Ziel der Substitutionsbehandlung ist es, den Abhängigen wieder einen Alltag mit festen Strukturen zu ermöglichen und Beschaffungskriminalität zu verhindern. Das ist ein wesentlicher Teil der Frankfurter Drogenpolitik, auch genannt Frankfurter Weg. Die Behörden verfolgten einen „differenzierten und akzeptierenden drogenpolitischen Ansatz“, heißt es dazu bei der Stadt: Drogenkonsum wird eher hingenommen, anstatt ihn zu kriminalisieren. Abhängigen wird versucht mit Substitutionsprogrammen und Beratungsstellen zu helfen.

Um in das Substitutionsprogramm aufgenommen zu werden, muss einer schwer heroinabhängig und mindestens 23 Jahre alt sein. Wenn er außerdem noch zwei oder mehr gescheiterte Therapieversuche hinter sich hat, kann er von einer von elf Substitutionsambulanzen oder einem von 18 niedergelassenen Ärzten ein Substitut bekommen. Außerdem müssen die Patienten einer psychosozialen Behandlung bei einer Drogenberatungsstelle zustimmen. Die verabreichte Menge an Methadon, Polamidon und Subutex - die gängigsten Ersatzstoffe - kann nach und nach kleiner werden, wenn die Behandelten das wollen. Viele wollen es nicht, sie haben sich mit ihrer Sucht arrangiert und verringern ihre Dosis nicht. Ihnen soll durch die Substitution zumindest ein geregeltes Leben mit der Sucht ermöglicht werden. Seit 2003 ist es in Frankfurt sogar möglich, Heroin vom Arzt zu erhalten.

Die Dosis langsam verringern

Polamidon befriedigt nur die körperliche Abhängigkeit. Die „Glücksgefühle“ und die „innere Wärme“ bleiben aus oder sind stark abgeschwächt im Gegensatz zur Wirkung von Heroin. Paula ist dennoch zufrieden. Seit sie in der Substitutionsbehandlung ist, hat sie gearbeitet, bei einer Drogeriekette, bis zur Geburt ihrer Tochter. Derzeit lebt sie von Elterngeld und Kindergeld und einer Erwerbsminderungsrente. Bald will sie Charlotte in eine Krabbelgruppe geben, sich wieder eine Arbeit suchen und ihre Dosis in Abstimmung mit ihrem Arzt behutsam verringern.

Dreimal am Tag schluckt Paula jetzt noch Polamidon. Nach Einschätzung ihres Arztes ist sie so zuverlässig, dass sie inzwischen die Take-home-Dosis bekommt: Einmal in der Woche nimmt sie in der Praxis einen Polamidon-Vorrat für die nächsten Tage in Empfang. Als sie mit der Substitutionsbehandlung anfing, musste sie sich jede Ration einzeln abholen. Paula muss sich jetzt nicht mehr um ständigen Nachschub sorgen und hat keine Entzugserscheinungen zu befürchten. Sie kann ihre Zeit ihrer Tochter widmen und den vielen Terminen, die sie zu bewältigen hat.

„Charlotte geht es gut“

Dazu gehören wöchentliche Gespräche bei der Drogenberatungsstelle Lichtblick. Die Einrichtung der integrativen Drogenhilfe ist als einzige in Frankfurt auf die Betreuung von Familien spezialisiert. Leiterin Gabriele Schwarz und ihre Mitarbeiter kümmern sich um 86 Kinder in 65 Familien mit drogenabhängigen Eltern. „Charlotte geht es gut“, sagt Schwarz. „Ihre Mutter ist sehr bemüht, ist selbständig und kann ihre Tochter kompetent versorgen.“ „Es gibt nichts Schöneres auf dieser Welt, als Kinder zu haben“, sagt Paula.

In der Erziehung fällt Paula manches schwer, welcher Mutter geht das nicht einmal so. Sie aber hat noch andere Sorgen. Sie müsse zum Beispiel peinlich darauf achten, dass beim Füttern Charlottes Kleidung nicht schmutzig werde, dürfe keinen Fleck übersehen. „Sonst heißt es gleich: Das Kind von der Suchtkranken läuft immer dreckig rum, und wenn das Jugendamt das hört, habe ich ein Problem.“ Auch Gabriele Schwarz prangert Voreingenommenheit gegenüber Süchtigen an: „Obwohl viele Vorurteile begründet sind, muss Sucht doch als Erkrankung gesehen werden“, sagt sie. Die Annahme, dass alle diese Menschen abhängig seien, weil sie nicht richtig von der Droge loskommen wollten, sei falsch. „Man muss sich den Einzelfall anschauen.“ Schwarz findet den Frankfurter Weg insgesamt „recht human“, fordert aber mehr Hilfsangebote für Mütter und Familien. So würden drogenabhängige Mütter etwa von den meisten Frauenhäusern abgewiesen.

„Ein normales Leben ohne Vorurteile leben“

Noahs Vater macht zurzeit eine Drogentherapie und kümmert sich wenig um seinen Sohn. Charlottes Vater arbeitete in der Binnenschifffahrt, bis er Entzugserscheinungen bekam und eine Apotheke überfiel. Jetzt sitzt er in einer geschlossenen Psychiatrie. „Herzlichen Glückwunsch“, kommentiert Paula. Sie schaut auf Charlotte. „Ich bin froh über die tolle Hilfe, die ich bekomme.“ Für die Zukunft wünscht sie sich, „ein normales Leben ohne Vorurteile führen“ zu können, „mit einem lieben Partner, der zuverlässig ist“. Das wünsche sich doch eigentlich jeder, fügt sie hinzu, und auch ein Ziel: „Ich will meine Sucht möglichst lange in Schach halten.“

 

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