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Laudatio in der Paulskirche Fischers Favorit ist ein Universalgelehrter: Außenminister wählt George Steiner zum Börne-Preisträger

25.05.2003 ·  Bundesaußenminister Joseph Fischer hatte als Juror, der den Träger des Ludwig-Börne-Preises 2003 benennen durfte, die Wahl. Sie ist auf George Steiner gefallen, den 1929 in Paris geborenen, ...

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Bundesaußenminister Joseph Fischer (Die Grünen) hatte als Juror, der den Träger des Ludwig-Börne-Preises 2003 benennen durfte, die Wahl. Sie ist auf George Steiner gefallen, den 1929 in Paris geborenen, mit seinen Eltern 1940 von Wien nach New York emigrierten jüdischen Essayisten und Kritiker, einen der wenigen Universalgelehrten unserer Zeit, wie Fischer ihn gestern in seiner Laudatio kennzeichnete. Aus der Hand des Vorsitzenden der Ludwig-Börne-Stiftung, Michael A. Gotthelf, nahm Steiner in der Frankfurter Paulskirche die mit 20000 Euro dotierte Auszeichnung entgegen.

Für Fischer stellt Steiner einen der wenigen Überlebenden der mitteleuropäisch-jüdischen Geisteswelt dar, einer "Elite", deren sich Deutschland durch den Holocaust beraubt habe. Der Antisemitismus und andere Erscheinungen der Fremdenfeindlichkeit und des Rassismus seien indes längst nicht verschwunden, warnte Deutschlands Außenminister unter Hinweis etwa auf die ethnischen Säuberungen während des vergangenen Jahrzehnts auf dem Balkan: "Wir dürfen vor der antisemitischen Herausforderung nicht die Augen verschließen." Dies sei Pflicht der demokratischen Mehrheit. Sie dürfe ein Vergessen der KZ-Vergangenheit nicht zulassen, denn: "Mit jedem Vergessen sterben die Gefolterten und Verbrannten noch einmal."

Der Bundesaußenminister ging in seiner Rede auch auf den Staat Israel ein, zu dessen Existenzrecht es seinen Worten zufolge keine Alternative gibt. Mit der von der amerikanischen Regierung vorgelegten "Roadmap", dem Fahrplan zu einem geregelten Nebeneinander von Juden und Palästinensern, besteht nach Ansicht Fischers jetzt zum ersten Mal wieder eine "echte Chance" für eine Lösung des Nahost-Konflikts: "Ich bin von der Möglichkeit eines Friedens fest überzeugt."

"Das Wunder Israel hat auch eine quälende Seite"

"Israel ist ein reines Wunder", nahm Steiner gegen Ende seiner Dankesrede diesen Faden auf. Der junge Staat sei der einzige sichere Zufluchtsort für Juden, wenn es mit der Verfolgung irgendwann wieder losgehen sollte - "und es wird wieder losgehen". Doch hat dieses Wunder Israel für den neuen Preisträger auch eine andere, eine quälende Seite. Immer sei er stolz darauf gewesen, daß das jüdische Volk als einziges auf der Welt nicht gefoltert habe: "Es hatte nicht die Macht dazu, Gott sei Dank." Israel indes müsse jetzt foltern und die Nachbarn erniedrigen. "Es muß!" Er sei sich bewußt, daß es eine "tragische Frechheit" sei, wenn er, Steiner, und dies auch noch auf deutschem Boden in der Paulskirche, die Frage stelle: "Ist der Preis zu hoch?"

Zuvor hatte der "kosmopolitische Intellektuelle", als den die Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) den Preisträger in ihrer Ansprache bezeichnet hatte, Überlegungen über den Fremdling angestellt, für den in seinen Augen prototypisch der Jude steht. Ausgehend von Heideggers Begriff des Geworfenseins des Menschen in die Welt, kam Steiner zu seiner Ausgangsthese: "Die Geworfenheit ist ein unergründliches Würfelspiel." Der eine besitze Genie, der andere durchlebe seine Tage in sturer Dummheit. Doch alle seien sie "Gäste des Lebens". Und Gäste sollten - dies ist für Steiner der tiefste Sinn auch des ökologischen Denkens - das Haus des Gastgebers möglichst immer etwas schöner und sicherer hinterlassen, sollten außerdem den Gesetzen des Gastgebers Gehorsam leisten, am besten auch etwas von dessen Sprache lernen, so daß beim Scheiden beide Seiten von gegenseitigem Dank erfüllt seien.

Juden, so lautete Steiners zentraler Gedanke, weil sie immer vertrieben worden und nirgendwo zu Hause gewesen seien außer in ihrer wahren Heimat, der Thora, diese Juden seien per definitionem "Gast auf Erden". Deshalb habe "das Volk Ludwig Börnes" seit mehr als 4000 Jahren überlebt, während mächtigere und imposantere Völker wie die Ägypter, Griechen und Römer untergegangen seien. Gerade weil die Juden nirgendwo und überall zu Haus seien, immer hätten umherwandern müssen, sei es "Judenpflicht", gegen Fremdenfurcht, Rassenverfolgung und Barbarei zu kämpfen. Steiners Fazit - nicht nur hinsichtlich der Juden, sondern mit Bezug auf alle Völker und Länder - lautete: "Wenn wir nicht lernen, Gäste voreinander zu sein, dann wird das, was von unserer müden Kultur übriggeblieben ist, in Barbarei untergehen." (rieb.)

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Von Rainer Schulze

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