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Landtagswahl Warten auf den Souverän

18.01.2009 ·  Das Superwahljahr hat begonnen. Aber Demokratie funktioniert nur, wenn sich Bürger engagieren. Das gilt erst recht für die glanzlose Pflicht als Vorstand im Wahllokal. Ein Langgedienter erzählt.

Von Helmut Schwan
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Für Peter Sondag hat das „Superwahljahr“ heute Morgen um kurz nach sechs begonnen. Schnell ein Brötchen verdrückt, die Thermoskanne mit Milchkaffee gefüllt. Halt, der Schlips. Der muss sein, der Fünfundfünfzigjährige ist diesmal „Vorsteher“ im Wahllokal im Frankfurter Stadtteil Rödelheim. Das hat er, wenn man so will, noch Andrea Ypsilanti zu verdanken. Vor einem Jahr hatte eine SPD im Aufwind auch in diesem Wahlbezirk die Nase vorn. Was ihrem Vertreter Peter Sondag heute in dem Gremium den Platz in der Mitte verschafft. „Beim nächsten Mal ist wahrscheinlich wieder der Kollege von der CDU dran.“ Der Gewinner vom letzten Mal darf präsidieren. Angesichts der politischen Großwetterlage hält Sondag einen Platztausch für ziemlich wahrscheinlich: „Das macht mir nichts, damit muss man leben.“

35 Euro als Anerkennung

„Die Parteien wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit.“ Der hehre Verfassungsauftrag braucht Leute, die dafür ihre Freizeit opfern. 35 Euro werden wohl diesmal als Anerkennung für bis zu zwölf Stunden Einsatz im Dienste der Demokratie herausspringen. Peter Sondag, der kaufmännische Angestellte, hat noch nie darüber nachgedacht, ob es nicht Schöneres gibt, als wieder einmal um halb acht im schmucklosen Saal des Deutschen Roten Kreuzes zu stehen, die klammen Finger anzuhauchen und seine sechs Mitstreiter per Handschlag auf Unparteilichkeit zu verpflichten. Seinen Stellvertreter, die beiden Schriftführer, drei Beisitzer. Sie sind förmlich vom Wahlamt „einberufen“ worden. Wer unentschuldigt fehle, der begehe eine Ordnungswidrigkeit, warnt das Schreiben. Dabei wären sie auch so gekommen. Ehrensache.

Nach dem Schwur breiten sie das Register mit den Wählern aus, rücken noch einmal die Stapel mit den Wahlscheinen gerade, legen die gespitzten Bleistifte hinter die Sichtblenden und warten. Wahrscheinlich, hat Peter Sondag vor einigen Tagen vorhergesagt, werde auch diesmal erst einmal gar nichts passieren, nachdem um acht Uhr die Tür aufgeschlossen worden ist. Notorische Frühwähler gibt es zumindest in Frankfurt-Rödelheim nicht. Keinen Jogger, der kurz hereinschneit und seine Kreuzchen macht.

Nur einmal, Peter Sondag weiß nicht mehr genau, in welchem Jahr, brach zu früher Stunde plötzlich Hektik aus. Ein halbes Dutzend Männer mit rot-schwarzen Schals wollten ihrer staatsbürgerlichen Pflicht genügen, bevor sie in den Bus stiegen, um Eintracht Frankfurt bei einem Auswärtsspiel den Rücken zu stärken.

Der Deutsche wählt nach den Erfahrungen des Rödelheimer Routiniers auch heute noch nach Altvätersitte, zumindest was den Rhythmus anbelangt. Nach dem Kirchgang, nach dem Mittagessen und nach dem Kaffeetrinken herrsche nach wie vor der größte Andrang. 16 Wahlen, von Kommunal- über Bundestags- bis zur Europawahl, hat Peter Sondag schon hinter sich. Er wirkt, das Gesicht vom grauen Bart umrahmt, als könne ihn wenig erschüttern, schon gar nicht an solch einem Tag. Zu den „hessischen Verhältnissen“ des vergangenen Jahres hat er durchaus eine Meinung. Schließlich engagiert er sich seit Jahren im Ortsbeirat. Aber jetzt ist er Wahlvorsteher. Jetzt ist er neutral und schweigt.

Das Wahlgeheimnis verteidigen

Das Wahlgeheimnis zu verteidigen ist in seinem Ehrenamt schließlich die wichtigste Aufgabe. Die Gefahr, dass es verletzt werde, hält sich nach seinen Erfahrungen in engen Grenzen. Mitunter etwas Mühe kostet es, Eltern zu erklären, warum ihre Kinder von einem bestimmten Alter an nicht zuschauen dürfen, wo Mama oder Papa ihre Kreuzchen machen. Was ja gut und als praktische Anschauung in Staatsbürgerkunde gemeint sei, dürfe man nicht tolerieren, weil die Kinder sonst in der Schule davon erzählen könnten. So sei nun mal die Vorschrift, seufzt Sondag. Na ja. Und dann gebe es auch heute noch ab und zu den Ehemann, der partout seine Frau in die Wahlkabine begleiten wolle, oder andere, die meinten, aus der Deckung heraus lautstark mitteilen zu müssen, wo man heute natürlich sein Kreuz machen müsse.

Zur Ordnung ruft Peter Sondag in solchen Fällen nur, wenn noch mehr Publikum im Lokal ist. Und dann fällt ihm ein, dass er doch einmal nicht gewusst habe, was er sagen sollte. Es war Mitte der neunziger Jahre. In Rödelheim wurde, aus welchen Gründen auch immer, in einer Gaststätte gewählt. Natürlich war der Wirt verpflichtet und auch dafür entschädigt worden, den Zapfhahn mindestens bis 18 Uhr geschlossen zu halten. Als Peter Sondag, der die „zweite Schicht“ im Wahlvorstand übernommen hatte, nachmittags die Kneipe betrat, war sie gut besucht. Ob es Wähler waren, die sich dort um den Tresen beim Bier versammelt hatten, oder Stammgäste, das ließ sich nicht mehr auseinanderhalten.

Die Wahl war damals deswegen nicht angefochten worden. Niemand hatte sich belästigt gefühlt. Ehe ausgezählt wurde, herrschte wieder die Ruhe, die es braucht, damit der Wille des Souveräns korrekt erfasst werden kann. Die Auswertung einer Landtagswahl gehört im Vergleich zu Kommunalwahlen, bei denen der Stimmenwirrwarr nach Kumulieren und Panaschieren echte Fleißarbeit ist, zu den einfacheren Übungen.

18 Uhr: Tür abschließen, Tür aufschließen

Mit dem Auszählen darf freilich erst begonnen werden, wenn ein Ritual erledigt ist, das Peter Sondag, „wenn Sie mich persönlich fragen“, für ziemlich überflüssig hält. Um Schlag 18 Uhr muss die Tür abgeschlossen und dann gleich wieder aufgeschlossen werden: Denn, wer weiß das schon, die Auszählung ist öffentlich. Die größten Stapel ergeben sich dann von selbst. Etwa zwei Drittel kreuzen nach den Erfahrungen Sondags Erst- und Zweitstimme für dieselbe Partei an. Nach etwa einer Stunde kann Rödelheim vermutlich auch heute die „Schnellmeldung“ ans Wahlamt weitergeben, das später „Frankfurt“ an den Landeswahlleiter für das „vorläufige amtliche Ergebnis“ übermittelt.

Radios im Wahllokal sind zwar nicht verboten, aber nicht üblich. „Die ganze Republik weiß um 18 Uhr, wie es ausgeht, nur wir nicht“, sagt Peter Sondag. Besonders unglücklich wirkt er nicht bei dem Gedanken. Wie die große Aufregung der Vorwochen sich im Viertel niedergeschlagen hat, erfahren er und seine Kollegen dafür als Erste und ziemlich exklusiv. Zuschauer hatten sie dabei schon lange nicht mehr. Früher, erinnert sich Sondag, kam ab und zu ein Rentner vorbei. Aber das ist auch schon eine Weile her.

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Jahrgang 1956, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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