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Landeszentrale für politische Bildung : Geschichte im Schaufenster

Durchblick: Die Landeszentrale für politische Bildung in Wiesbaden bietet Medien unter anderem zu Gesellschaft, Geschichte und Heimat. Bild: Kretzer, Michael

Seit fast 60Jahren will die Landeszentrale für politische Bildung die Hessen für Demokratie begeistern. Ein Schwerpunkt ist die Aufklärung über die beiden deutschen Diktaturen.

          „Werbeagentur für das Grundgesetz“: So nennt Bernd Heidenreich, Direktor der hessischen Landeszentrale für Politische Bildung, sein Haus. Tatsächlich wirkt es auf den ersten Blick wie ein Laden. Denn das Erdgeschoss befindet sich hinter Schaufenstern. Sie erlauben den Blick in einen Raum, der wie eine Bücherei wirkt - mit Bibliothekar, Rezeption, Lesesaal, Tageszeitungen und langen, gefüllten Regalen.

          Ewald Hetrodt

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          Aus der Tatsache, dass man dort in diesen Tagen kaum Besucher antrifft, sollte man keine falschen Schlüsse ziehen. Der Ort, der ein wenig verlassen wirkt, ist eine Schaltzentrale, in der die unterschiedlichsten Formen politischer Bildung organisiert werden. Unmittelbar neben der Staatskanzlei, im ehemaligen Hotel Rose, erfüllen 25 Mitarbeiter eine Aufgabe, die auf einen Beschluss des Kabinetts vom Mai 1954 zurückgeht.

          Die Aufklärung über den SED-Unrechtsstaat kam dazu

          Nach der nationalsozialistischen Diktatur sollte die „Landeszentrale für Heimatdienst“ mit „staatsbürgerlicher Aufklärungsarbeit“ einen Beitrag dazu leisten, die Hessen vor einem Rückfall in die Diktatur zu bewahren. Heute lässt das Land sich die Einrichtung drei Millionen Euro im Jahr kosten. Ein Kuratorium, das aus neun Landtagsabgeordneten besteht, achtet auf die Unabhängigkeit und die parteipolitische Neutralität der Institution.

          Knapp 60 Jahre nach der Gründung ist das inhaltliche Spektrum im Prinzip nur an einem Punkt deutlich erweitert worden. Zur Aufklärung über totalitäre Herrschaft und politischen Extremismus zählt inzwischen nicht mehr nur die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus, sondern auch die Aufarbeitung des SED-Unrechtsstaates. Unter den Landeszentralen in Deutschland sei die hessische die einzige, in der die Auseinandersetzung mit der DDR einen Schwerpunkt der Arbeit darstelle, konstatiert Heidenreich. Damit habe man die Konsequenz aus Umfragen gezogen, nach denen ein Drittel der deutschen Schüler nicht wisse, wer die Mauer errichtet habe.

          Zeitzeugen berichten

          Hautnah erklären können dies Zeitzeugen wie Jutta Fleck. Die gebürtige Dresdnerin hatte 21 Monate im Gefängnis Burg Hoheneck gelitten, bevor sie freigekauft wurde. Mit einer spektakulären Protestaktion an dem prominenten Berliner Grenzübergang „Checkpoint Charlie“ erzwang sie 1988 die Ausreise ihrer beiden Töchter.

          Fleck ist durch ein Buch und einen Fernsehfilm bekanntgeworden und eine Galionsfigur des Widerstandes gegen die SED-Diktatur. In der Landeszentrale organisiert sie Veranstaltungen mit anderen Zeitzeugen des DDR-Unrechts. Außerdem steht sie den Opfern des Regimes als Ansprechpartnerin zur Verfügung.

          Wichtige Informationen für Schulklassen

          Die andere Seite des inhaltlichen Spektrums markieren Buchtitel wie „Waldecks Beitrag für das heutige Hessen“. Das Interesse der Menschen an ihrer Heimat nehme zu, sagt Heidenreich. Der 58Jahre alte Frankfurter leitete das Grundsatzreferat in der CDU-Fraktion des hessischen Landtags, bis er vor mehr als zwanzig Jahren in die Landeszentrale wechselte. Seit 2003 ist er deren Chef. Der promovierte Historiker hebt hervor, dass der Geschichtsunterricht in der hessischen Verfassung verankert sei. Darum müsse auch die Landeszentrale die historischen Dimensionen der Politik gebührend berücksichtigen.

          Die unterschiedlichen Inhalte werden in der Regel einerseits in Publikationen behandelt, andererseits sind ihnen Ausstellungen, Unterrichtsbesuche, Tagungen, Buchvorstellungen und Bildungsreisen gewidmet. Die meisten dieser Veranstaltungen finden nicht in der Zentrale statt, sondern an unterschiedlichen Orten in Hessen. Nach Heidenreichs Angaben nehmen im Jahr knapp 8000 Besucher die Angebote seines Hauses wahr, unter ihnen fünf bis zehn Schulklassen im Monat.

          Kein hessischer Wahl-O-Mat

          Die unterdurchschnittliche Beteiligung junger Leute an Wahlen sieht Heidenreich als besonderen Arbeitsauftrag. Mit verschiedenen Medien macht die Landeszentrale auf die Abstimmungen in Bund und Land aufmerksam. Zu den Kommunalwahlen habe man eine CD herausgebracht, in der Kumulieren und Panaschieren erklärt worden sei, berichtet Heidenreich. „Das haben uns die Leute damals aus der Hand gerissen.“

          Vor diesem Hintergrund beantwortet er auch die aktuelle Frage nach einem hessischen Wahl-O-Maten selbstbewusst. Das interaktive Tool, das einem bei der Wahlentscheidung helfen soll, werde von der hessischen Landeszentrale nicht angeboten, sagt Heidenreich. „Wir haben für Jung- und Erstwähler unsere eigenen Angebote.“

          Quelle: F.A.Z.

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