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Lampedusa-Flüchtlinge in Frankfurt : Zu Hause im Kirchenschiff

  • -Aktualisiert am

Anaba will hierbleiben, die Sprache lernen, arbeiten. Ob aus seinen Plänen etwas wird, ist mehr als ungewiss. Bild: Fricke, Helmut

Nach ihrer Flucht um die halbe Welt haben 22 Männer aus Afrika in der Frankfurter Gutleutkirche Obdach gefunden. Ob sie bleiben können, ist ungewiss.

          Adams wertvollster Besitz ist ein Foto seiner Kinder. Vorsichtig entnimmt er es der abgegriffenen Papierhülle. Zwei kleine Mädchen, bunt gekleidet, blinzeln vor einem türkisblauen Haus in die Sonne und lachen in die Kamera. Neben ihnen die beiden Zwillingsbrüder, die ihrem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten sind: hohe Wangenknochen, große, runde Augen und fein geschwungene Brauen. Adam bleibt ernst, während er das Bild schweigend betrachtet. Das Gesicht des 33 Jahre alten Mannes aus Ghana verrät Anspannung. Als „Don’t worry be happy“ aus den Lautsprecherboxen im Gemeinschaftsraum ertönt, stimmt er als Einziger nicht mit ein.

          Anaba hingegen singt lautstark mit. In seinen Augen gibt es allen Grund, sich zu freuen. Zum ersten Mal seit bald drei Jahren habe er wieder ein sicheres Dach über dem Kopf und keine Albträume mehr, sagt er und trommelt mit seinen Fingern im Takt der Musik. Er möchte etwas aus den Möglichkeiten, die sich ihm in Deutschland bieten, machen, sagt der 26 Jahre alte Ghanaer. Er sitzt auf einer Luftmatratze und lehnt sich entspannt an die Wand, die seine Zwölf-Quadratmeter-Kabine in der umgebauten Gutleutkirche von den anderen trennt. Seit gut einem Monat ist er hier mit 21 afrikanischen Flüchtlingen untergebracht. Die Männer haben eine lange, kraftraubende Reise hinter sich: aus dem Norden Afrikas sind sie über das Meer mit einem kleinen Flüchtlingsboot zunächst bis Lampedusa geflohen und nach einer Irrfahrt durch Italien schließlich im Sommer in Frankfurt gestrandet.

          Die Unterkünfte im Kirchenschiff der Frankfurter Gutleutkirche.
          Die Unterkünfte im Kirchenschiff der Frankfurter Gutleutkirche. : Bild: Wonge Bergmann

          Gemeinde war zuerst überfordert

          Unter der Untermainbrücke errichteten sie ihr Lager und schliefen ohne Decken und Matratzen bis in den Herbst hinein, wie Anaba berichtet. Jeden Morgen habe er über einen weiteren sinnlosen Tag geweint. Irgendwann hätten Fremde sie dann aufgefordert, ihnen zu folgen. Von ihnen hätten sie Essen und Kleidung bekommen. Er hebt beide Hände in die Luft während er spricht, reißt die kastanienbraunen Augen auf. Er wisse nicht, wie er ihnen danken solle.

          Die fremden Helfer kamen von der Frankfurter Dietrich-Bonhoeffer- und der Cantate-Domino-Gemeinde. Sie wurden im Oktober nach einem gemeinsamen Gottesdienst auf die Lage der Flüchtlinge aufmerksam gemacht. Spontan beschlossen sie: „Wir öffnen die Türen und lassen die Flüchtlinge herein“, berichtet Pfarrer Ulrich Schaffert von der Gemeinde Dietrich-Bonhoeffer. Innerhalb von drei Stunden wurde alles Lebensnotwendige organisiert, auf der eigens gegründeten Facebook-Seite „Wir für 22“ zu Spenden aufgerufen. Kurz darauf schafften Frankfurter Bürger Matratzen, Decken, Kleider und Kissen heran. Bereits am Abend zogen die Flüchtlinge in ihr provisorisches Quartier in der Cantate-Domino-Kirche. Schnell zeigte sich jedoch, dass die Gemeinde überfordert war. Der evangelische Regionalverband organisierte einen Umzug in die ungenutzte Gutleutkirche, im Kirchenschiff entstanden, abgetrennt durch Holzplatten, elf kleine Doppelzimmer.

          Acht Freunde bei Flucht ertrunken

          Mehr als 50 ehrenamtliche Helfer kümmern sich nun um die Flüchtlinge. Jeden Tag wird eine warme Mahlzeit gekocht, alle zwei Wochen gemeinsam Fußball gespielt. Lehrer von „Teachers on the road“, einer Initiative, die Flüchtlingen in Hessen und Rheinland-Pfalz hilft, Deutsch zu lernen, unterrichten die Männer. Der Einsatz und die Spendenbereitschaft seien enorm, sagt Sabine Fröhlich, Pfarrerin der Cantate-Domino-Gemeinde. Allein bei einer Benefiz-Veranstaltung Mitte Dezember wurden mehr als 2000 Euro eingenommen. Dank der Spenden können die Flüchtlinge den ganzen Winter über in der Kirche bleiben.

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