06.07.2009 · Siebzehn Jugendvollzugsanstalten gibt es in Hessen, eine davon haben Schülerinnen der Kurt-Schumacher-Schule, Karben, besucht - und berichten über das Leben hinter Gittern.
Ich bereue meine Tat und hoffe, dass ich es wieder geradebiegen kann.“ So spricht der wegen eines Banküberfalls verurteilte 21 Jahre alte Häftling A., der bereits seit 18 Monaten in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Wiesbaden einsitzt. Der junge Mann redet recht offen über seine Gefühle und sein Verhalten. „Also, wenn ich das jetzt so sagen darf, habe ich richtig auf die Kacke gehauen!“ Damit lockert er das Gespräch uns gegenüber gewaltig auf.
Einen ersten Eindruck erhalten wir bereits, als wir vor dem Gebäude stehen: Große Betonmauern und viel Stacheldraht darüber bestätigen den Eindruck, dass es sich hier nicht um eine Jugendherberge, sondern wirklich um ein Gefängnis handelt. Dieses Bild vom Alltag hinter Gittern wird gleich am Eingang bestätigt. „Die Handys in den Beutel und Personalausweise zu mir“, bittet der JVA-Mitarbeiter freundlich, aber bestimmt, und schon gehen wir durch die Gänge der Anstalt. Wenn die schwere Tür hinter uns zufällt, haben auch wir das Gefühl, es gibt kein Zurück: eingesperrt! Der Mitarbeiter bittet uns, in einem Raum Platz zu nehmen. Der Kontrast zu außen fällt auf: Hier drinnen sieht es wesentlich wohnlicher aus, mit den Stühlen und Tischen aus Holz und den grünen Pflanzen.
Pünktlichkeit, Sauberkeit, Disziplin
In Hessen gibt es insgesamt 17 Justizvollzugsanstalten, eine davon für Frauen. Hier in der JVA Wiesbaden können 180 Gefangene von 20 bis 24 Jahren ihre Strafe verbüßen. Außerdem gibt es 100 Plätze für junge Untersuchungsgefangene ab dem 14. Lebensjahr. „Für jeden Neuankömmling wird ein spezieller Förderplan erstellt“, so erklärt uns der Bedienstete. „Unsere Betreuer nehmen sich Zeit, die spezielle Geschichte des jugendlichen Straftäters herauszufinden, und analysieren seine Stärken und Schwächen anhand von Tests. So stellen sie fest, in welche der Wohngruppen, die aus jeweils zehn Personen bestehen, er passt und wie es mit seiner Ausbildung weitergeht. Denn - und das ist wichtig - Arbeit ist hier Pflicht!“
Viele der jugendlichen Straftäter kommen aus sozial schwierigen Verhältnissen. Nur zwei bis drei Prozent verfügen über einen Realschulabschluss, circa 20 Prozent über einen Hauptschulabschluss. Hier in der JVA haben sie die Möglichkeit, eine Ausbildung zu beginnen oder Teile einer solchen zu absolvieren, die später in Freiheit auf die Ausbildungszeit angerechnet werden. Außerdem berichtet der JVA-Mitarbeiter, dass einfache Grundregeln, die für uns selbstverständlich klingen, im Leben vieler Gefangener bisher keine Rolle gespielt haben: Pünktlichkeit, Sauberkeit und Disziplin. „Viele müssen einfach erst einmal an einen geregelten Tagesablauf gewöhnt werden, Weckzeiten, Verbote und Pflichten sind für die meisten Neuland.“
Die beiden Häftlinge, mit denen wir uns unterhalten dürfen, arbeiten im Gastgewerbe und verdienen 200 Euro im Monat. „Vier Siebtel kommen auf mein Konto“, erklärt der 22 Jahre alte S., der seit zweieinhalb Jahren wegen schwerer Körperverletzung und Erpressung seine Strafe absitzt. „Den Rest können wir anderweitig ausgeben, zum Beispiel für Kleidung, die wir aus dem Katalog bestellen dürfen.“ A. berichtet, dass sie jeden Monat zwei Tage Freigang haben, die man auch aufsparen dürfe. „Mein Zeitgefühl ist hier ein anderes“, überlegt er laut. „Die einzelnen Tage kommen einem schon sehr lang vor.“ A. schließt unser Gespräch, wie er es begonnen hat: „Bleibt alle schön brav, damit ihr nicht auch hier landet!“ (Von Felicitas Müllner und Inga Wachenfeld, 7cG, Kurt-Schumacher-Schule, Karben)
Ein Leben hinter Gittern (von Rebecca Sailer, Denise Hickmann und Denise Pliquett, 7cG, Kurt-Schumacher-Schule, Karben)
„Wie habt ihr es euch hier vorgestellt?“, werden wir gefragt. Jeder von uns Schülern der Klasse 7cG der Kurt-Schumacher-Schule hat sich das Leben im Gefängnis schlimm vorgestellt.
Auf unsere Frage nach der Kleidung der Häftlinge scherzt der Mitarbeiter, der uns durch das Gefängnis führt: „Sie haben weiße Anzüge mit schwarzen Streifen an. Das ist doch so üblich.“ Unsere Klasse ist erst einmal geschockt. Darauf sagt er lachend: „Das war doch nur ein Witz. Sie tragen graue Hosen und schwarze Oberteile mit schwarzen Schuhen. Es kommt auch darauf an, was sie arbeiten.“
In der Jugendvollzugsanstalt Wiesbaden gibt es einen geregelten Tagesablauf: Um 7 Uhr gehen die Sträflinge arbeiten. Zwischen 12 und 13 Uhr gibt es Mittagessen. Danach widmen sie sich wieder ihrer Arbeit. Von 16 Uhr an können sie ihren Freizeitaktivitäten nachgehen oder sich in der Wohngemeinschaft aufhalten. Um 22 Uhr ist Nachtruhe. Die JVA hat eine Fläche von 16 Hektar. Es gibt fünf Haftgebäude: ein Untersuchungshaft-Gebäude, ein Gebäude für die Vollzugszeit und drei Gebäude, wo die Sträflinge untergebracht sind. Außerdem gibt es eine Sporthalle mitsamt Sportplatz, ein Werkgebäude, ein Schulgebäude, ein Wirtschaftsgebäude mit Anstaltsküche und ein Verwaltungsgebäude.
Der Mitarbeiter erzählt weiter: „Insgesamt gibt es 17 Anstalten in Hessen. Davon ist eine für Frauen. Etwa 3500 Häftlinge sitzen zur Zeit in Hessen im Gefängnis. Unsere Anstalt hat 180 Personen in Strafhaft und 100 Personen in Untersuchungshaft.“ Die Jugendstrafe könne von einem halben Jahr bis zu zehn Jahren dauern. Die Rückfallquote liege bei 78 Prozent. Eine Einzelzelle sei etwa 12 Quadratmeter groß, die Fenster seien vergittert. Es gebe auch Doppelzellen für Personen, die an epileptischen Anfällen leiden, damit im Notfall der „gesunde“ Zimmergenosse helfen könne.
Zwei Gefangene berichten uns folgendes: „Wir dürfen einmal im Monat vier Stunden von drei Personen besucht werden. Bei der Arbeit kann jeder einen anderen Job ausüben, wie Bäcker, Schreiner oder im Service.“ Dabei würden sie auch Geld verdienen; im Monat bis zu 200 Euro. Einmal im Monat komme der Friseur. In der Zelle dürfe man einen Fernseher und ein Radio haben. Die Geräte müsse man aber selbst bezahlen. Briefe dürften geschrieben werde, und zwar so viele, wie die Häftlinge wollten - es gebe also keine Zensur.
Die beiden Häftlinge berichten weiter aus ihrem Zellenalltag: Beide dürften sich recht frei bewegen, ihre Haftbedingungen seien gelockert worden. Sie wohnten in einer Wohngemeinschaft und dürften für die Dauer von zwei Tagen pro Monat die JVA zum Freigang verlassen.
Zu Essen gebe es ganz normale Sachen - außer Schweinefleisch aus Rücksicht auf die Muslime. Beilagen dürfe sich jeder so viel nehmen wie er wolle. Zum Schluss geben uns die Gefangenen noch einen guten Rat mit auf den Weg: „Es lohnt sich nicht, dauerhaft hier zu sein. Draußen ist es viel schöner, also bleibt brav“.
Der Mythos von „Wasser und Brot“ (von Mats Boie-Wegener, Robin Conrad, Frederik Salzmann und Konstantin Weil, 7cG, Kurt-Schumacher-Schule, Karben)
„Es ist kalt und leer, wenn man hier reinkommt. Man ist alleine und es ist schwer, sich hier einzugewöhnen.“ Dies sind die Worte eines Gefangenen, der durch einen Banküberfall in die JVA Wiesbaden gekommen ist. Wir hatten das Glück, ihm und einem anderen Häftling einige Fragen stellen zu dürfen und konnten erfahren, dass es 17 Jugendvollzugsanstalten (JVA) in Hessen gibt, in denen insgesamt 3500 Häftlinge inhaftiert sind. Uns beschäftigte auch die Frage nach der Ernährung der Häftlinge - und uns wurde erklärt, dass die Vorstellung von „Wasser und Brot“ nur ein Mythos sei. Es gebe ganz normale Kost, die nach vielen Vorschriften zubereitet würde. Außerdem war uns nicht klar, dass die Häftlinge in ihrer 12 Quadratmeter großen Zelle mit Fenster einen Fernseher und einen Radiowecker besitzen dürfen.
Alle Gefangene der JVA Wiesbaden wurden trotz ihres Alters von meist 20 bis 24 Jahren zu einer Jugendstrafe verurteilt; sie müssen zwischen einem halben und zehn Jahren einsitzen. Ihre Straftaten reichen von Drogenbesitz, Körperverletzung bis zu Mord. Diejenigen, die noch schulpflichtig sind, gehen weiter zur Schule und werden unterrichtet und geprüft. Die Älteren gehen fast alle um 7 Uhr zur Arbeit, etwa in die Schreinerei, die Küche oder die Bäckerei. Drei Siebtel ihres Gehalts bleibt den Häftlingen zum Kauf neuer Kleidung für die Zeit nach der Entlassung, die anderen vier Siebtel werden gespart, damit sie am Tag der Entlassung über Bargeld verfügen.
Neben der Bezahlung können die Häftlinge einen Schulabschluss oder eine Ausbildung absolvieren. Leider würde drei Viertel aller ehemaligen Häftlinge rückfällig, nur ein Viertel schafft den Ausstieg aus der Kriminalität.
Es gibt auch sogenannten „gelockerte“ Häftlinge, denen wegen guter Führung besondere Rechte gewährt worden sind. Sie dürfen an zwei Tagen im Monat das Gefängnis verlassen, etwa um Vorstellungsgespräche zu führen. In der JVA Wiesbaden gibt es außerdem Gefangene, die in Untersuchungshaft sind. Sie sind oft Hauptverdächtige einer Tat. Falls bei der Gerichtsverhandlung festgestellt wird, dass der Verdächtige der Täter ist, kommt der Verbrecher aus der Untersuchungshaft in die Strafhaft. Nach einem informativen Tag kommen wir weder in die U-Haft noch in die Strafhaft. Wir verlassen das Jugendgefängnis durch die Sicherheitsschleuse - doch die beiden Gefangenen, die uns die Fragen beantwortet haben, müssen noch ein paar Monate in der JVA Wiesbaden bleiben.