Home
http://www.faz.net/-gzg-71jx5
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Kunstverein Aschaffenburg Der Augenblick, in dem einmal alles möglich schien

 ·  Vom Leseraum zur Eckigen Schnecke: Marco Godinho hat das Gebäude des Neuen Kunstvereins Aschaffenburg sorgfältig erkundet.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Es ist ein Experiment - für die erstmals hier arbeitenden Kuratoren, für den Künstler und nicht zuletzt für den Neuen Kunstverein. Denn nicht nur, dass man in Aschaffenburg in der Regel keinem noch so renommierten Künstler eine Einzelausstellung einrichtet und dass man die Schau Marco Godinhos mit zahlreichen eigens für diesen Ort entstandenen Arbeiten kaum allein hätte produzieren können - vermutlich hat sich auch kein Künstler der vergangenen 20 Jahre derart intensiv mit diesem Haus und diesem Ort beschäftigt. Doch es ist geglückt: Raum, Zeit, Kontext sind die zentralen Themen des 1978 in Portugal geborenen, indes schon seit Kindheitstagen in Luxemburg lebenden Künstlers.

Raum, Zeit, Kontext sind auch die Parameter, nach denen sich nicht nur die Inszenierung der Ausstellung, sondern auch das Vorgehen des stets konzeptuell arbeitenden Künstlers auf immer wieder überraschende und spielerisch leichte Weise erschließt. Das fängt konkret schon mit Godinhos Erkundung des Gebäudes im Vorfeld der Schau an, den nun in einer Edition Klang werdenden Geräuschen von Dielenboden oder Leuchtstoffröhren etwa, der performativen Erforschung des Raums auch, wie sie der Tänzer Fábio Godinho, der Bruder des Künstlers, in der dichten Videoinstallation „Attempt to explore architecture“ vorführt. Es setzt sich fort in der auf Dauer angelegten Neueinrichtung des Leseraums und findet schließlich seinen vorläufigen Höhepunkt im begehbaren, mit von der Decke hängenden Gardinen in den Raum gezeichneten Labyrinth der „Eckigen Schnecke“, welche die Geschichte des Kunstvereins selbst künstlerisch Form werden lässt. Geht doch die „Eckige Schnecke“, die heute noch das Logo des Vereins vorstellt, auf jene Zeit vor 50 Jahren zurück, als eine Initiative sich anschickte, mit der Realisierung von Le Corbusiers schneckenförmig sich ausdehnendem „wachsenden Museum“ in der Nachbargemeinde Erlenbach die Gegend zur „Drehscheibe Europas“ in puncto Avantgarde zu machen. Daraus ist nichts geworden. Aber darauf kommt es Godinho auch gar nicht an. Sein Interesse gilt vielmehr dem Prozess und jenem sich gern der Wahrnehmung entziehenden Augenblick, in dem einmal alles möglich schien: der Manifestation einer Idee. Und der Erinnerung daran.

Der Standpunkt des Betrachters wird auf merkliche Art und Weise erschüttert

Um diese Achse des Noch-nicht-hier, des Nicht-mehr-dort drehen sich die meisten seiner stets in unterschiedlichen Medien realisierten Arbeiten. Das gilt für die Hommage an Jacques Derrida, „Autre chose“, die vielleicht stärkste Arbeit der Schau, ebenso wie für die Serie der sekundenkurzen Loops, in denen er seit einigen Jahren eine beiläufige, wie zufällig aufgelesene Beobachtung einfängt („Die Vergänglichkeit der Dinge“): Stets ist es die Schnittstelle zwischen An- und Abwesenheit, von der aus Godinhos Arbeiten den Raum erobern wie Wellenbewegungen konzentrischer Kreise und so den Standpunkt des Betrachters auf kaum merkliche, aber nachhaltige Weise erschüttern.

Dass Kevin Muhlen und Didier Damiani vom Casino Luxemburg, das die Ausstellung koproduziert hat, den einzelnen Arbeiten diesen Raum zur Entfaltung geben, ist derweil eine ebenso mutige wie kuratorisch überzeugende Entscheidung. Denn selbst dort, wo einer der Räume nahezu leer erscheint wie bei der Soundarbeit „Invisible more visible more invisible“, erweist sich Godinhos eher stille als lärmende, aber präzise Kunst als stark genug, den Raum zu füllen. Die leise Poesie indes, die an den Rändern aller seiner Arbeiten aufscheint wie der Nebel, der stündlich aus der Installation „Something happens“ aufsteigt, zeigt sich - sieht man von „Autre chose“ einmal ab - nirgends deutlicher als in „Untitled (The End)“.

Dabei sieht man nichts als eine nahezu flächendeckend mit Kohle ausgemalte schwarze Wand mit dem ausgesparten, in geschwungenen Lettern das Ende eines Films anzeigenden Schriftzug. Und doch erschließt sich hier das ganze Drama. Was kommt, was war und was geschieht gerade eben, in diesem Augenblick? Und haben wir das Happy End verpasst? Jetzt könnte das Licht angehen, erscheint vielleicht die Eisverkäuferin, wischt man verstohlen sich die Tränen ab und küsst die Nachbarin. Oder man bleibt sitzen. Wieder wird es dunkel. Und alles fängt von vorn an.

Öffnungszeiten

Die Ausstellung im Neuen Kunstverein Aschaffenburg, Landingstraße 16, ist bis 16.September dienstags von 14 bis 19 Uhr und mittwochs bis sonntags von 11 bis 17 Uhr geöffnet.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1963, freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

Jüngste Beiträge

Geben und nehmen

Von Matthias Alexander

Wer immer nach der Landtagswahl im September Finanzminister wird, steht mit Blick auf den kommunalen Finanzausgleich vor einer undankbaren Aufgabe. Schon bis Ende 2015 muss ein neues Modell gefunden sein. Mehr 1