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Kultusministerin Nicola Beer (FDP) Ich bin von G8 überzeugt

 ·  Seit morgens um halb neun ist sie unterwegs, mit Terminen bis zum Abend, schwer erkältet, aber das darf an einem langen Tag nicht stören. Sie könne viel einstecken, sagt Nicola Beer (FDP).

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Ein Gespräch über Angriffe des politischen Gegners, Übergriffe des Koalitionspartners CDU und die Reform der Reform der Gymnasialzeit.

Frau Ministerin, welcher Begriff fällt Ihnen als erster ein, um die ersten knapp vier Monate Ihrer Amtszeit zu charakterisieren?

Da brauche ich mehrere, das ist sehr bunt. Am auffälligsten bisher sind die vielen engagierten Menschen, die ich treffe.

Wie nennen Sie den Umgang, den Politiker miteinander pflegen? Sie lachen gerne und viel. Der hessische SPD-Generalsekretär Michael Roth hat Sie deshalb Grinsekatze genannt, das ist oft und genüsslich zitiert worden. Trifft Sie das?

Mir hat es eher für die sozialdemokratischen Frauen leidgetan, dass sie noch Leute mit solchen Sprüchen in ihren Reihen haben. Das fällt auf Herrn Roth zurück. Und wissen Sie, meine Großmutter hat immer gesagt: ,Hüte Dich vor Leuten mit verkniffenen Gesichtern.‘ Ich bin einfach, im normalen Umgang wie im politischen Raum, ein froher Typ.

Ist der Grinsekatze-Spruch Ausdruck von Frauenfeindlichkeit?

Es war sicher nicht frauenfördernd gemeint. Aber um damit ein Problem zu haben, bin ich zu lange in der Politik. Dort geht man in der Regel zu drei Vierteln mit Männern um, die in der Regel alle glauben, dass sie eigentlich den Platz, auf dem man steht, ganz gut selbst einnehmen könnten. Ich habe genug Übung, mit so was umzugehen. Und mich so anzugreifen und zu versuchen, damit die FDP zu treffen, wird nicht funktionieren. Ich mache meine Arbeit weiter, unbehelligt von solchen Äußerungen. Dass ich das mit einem gewissen Maß an Herzblut und Fröhlichkeit tue, schließt ja nicht aus, dass es mit Verstand und Sachkunde geschieht.

Ihr Start ins Amt war schwierig. Noch bevor Sie sich das erste Mal richtig zu Wort melden konnten, hat der Ministerpräsident und CDU-Politiker Volker Bouffier verkündet, dass Gymnasien künftig zwischen verkürzter und regulärer Schulzeit wählen könnten. Sie durften das dann bestätigen. Jetzt, bevor Sie das Konzept zu dieser Reform vorstellen konnten, hat Bouffier in einer Online-Bürgersprechstunde Details daraus bekanntgeben. Die CDU treibt die FDP-Kultusministerin vor sich her, stimmt dieser Eindruck?

Nein, so ist das nicht. Die G8-Reform ist ja ein Koalitionsprojekt. Da gibt es permanente Rückkoppelungen und Gespräche. An und für sich ist das völlig kongruent und parallel gelaufen. Wir haben das Konzept zur Reform solide und unter Einbeziehung von Praktikern gemacht. Und wir haben die Hoffnung, dass das ein gutes Konzept ist, das eine zusätzliche Farbe in die Vielfalt der schulischen Landschaft in Hessen bringt. Weil Eltern jetzt wählen können, was für eine Art von Gymnasium sie für ihr Kind wollen.

Keinerlei Groll gegen den Ministerpräsidenten, wenn er in Ihr Ressort übergreift?

Wir laufen ja inhaltlich völlig konform. Dass das ein Thema ist, das viele interessiert, respektiere ich. Und wenn der Ministerpräsident darauf angesprochen wird, so wie in dieser Online-Sprechstunde, dann muss er auch antworten.

Dieser Tage hat der dezidiert konservative schulpolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, Hans-Jürgen Irmer, sein Amt niedergelegt. Von Ihrer Vorgängerin und Parteifreundin Dorothea Henzler ist bekannt, dass sie unter einer oft konfliktbeladenen Zusammenarbeit mit Irmer gelitten hat. Sind Sie nun also erleichtert?

Das ist eine Entscheidung innerhalb der CDU-Fraktion.

Zurückgetreten ist Irmer wegen der von Ihnen angekündigten Einführung des islamischen Religionsunterrichts und weil er die Schaffung eines Landesschulamtes nicht mittragen wolle. Das ist doch ein Hieb gegen Sie?

Ich wüsste nicht, weshalb das ein Hieb gegen mich sein sollte. Eine Koalition ist eine Partnerschaft zwischen zwei eigenständigen Parteien, in der sind Verabredungen getroffen worden auch in der Schul- und Bildungspolitik. Und wenn einzelne Abgeordnete Schwierigkeiten haben, diese Vereinbarungen, oder auch Entscheidungen der eigenen Partei, mitzutragen, sind sie frei, daraus die Konsequenzen zu ziehen. Das ist die Freiheit eines frei gewählten Abgeordneten. Ich muss im Übrigen sagen, dass ich die Zusammenarbeit mit der CDU als ausgesprochen konstruktiv empfinde, so wie in all den Jahren zuvor - und ich bin seit 1999 dabei, habe auch stürmische Zeiten erlebt, zum Beispiel in der Koalition Koch/Wagner. Im Bildungs-und Schulbereich gibt es viele kompetente Leute, das kapriziert sich weder bei uns noch in der CDU auf einzelne Personen.

Die Kritik an der Einführung des Landesschulamtes, das unter anderem die Arbeit der Schulämter und der Lehrerbildung zusammenfassen soll, wiegt aber schon schwer. Auch bei der Anhörung zum entsprechenden Gesetzentwurf wurde fast nur Ablehnung laut. Wie geht es weiter?

Der kulturpolitische Ausschuss im Landtag hat das Gesetz mit den Stimmen der Koalition beschlossen. Am Dienstag geht es im Plenum in die zweite Lesung, und weil die Opposition schon die dritte Lesung beantragt hat, werden wir uns am Donnerstag noch einmal damit beschäftigen. Dann haben wir den Rahmen. Mit dem konkreten Ausfüllen sind wir schon recht weit, warten aber auf die Rechtsgrundlage.

Waren Sie nie versucht, angesichts der massiven Kritik das Vorhaben auszusetzen?

Der Punkt, in dem sich alle Anzuhörenden einig waren, ist ja der, dass die Bildungsverwaltung verändert werden muss. Wo sind Strukturen doppelt, was kann besser gemacht werden: dazu gibt es viele Gutachten, Analysen und Ausarbeitungen aus den vergangenen zwei Jahren, die werden jetzt umgesetzt.

Sprechen wir über die Umsetzung der G8-Reform. Sie haben selbst zwei schulpflichtige Kinder auf dem Gymnasium. Wie stehen Sie eigentlich persönlich zur verkürzten Schulzeit?

Ich bin überzeugte G8-Mutter. Und ich muss gestehen, dass ich meinen Kindern sogar noch einen viel früheren Start in ein solches System ermöglicht habe, weil sie schon mit fünfeinhalb eingeschult wurden und jetzt noch immer die Jüngsten in der Klasse sind. Ich sehe genau an dieser Stelle, dass man G8 so gestalten kann, dass es machbar ist. Einer meiner Söhne geht vier Mal die Woche ins Fußballtraining, jedes Wochenende ist er weg wegen der Spiele. Und trotzdem bekommt er die Schule hin. Ich würde mir zwar manchmal mehr Engagement für den Unterricht wünschen, aber als Mutter bin ich grundsätzlich froh, dass sich das vereinbaren lässt. Und jetzt muss das überall so gestaltet werden, dass Kinder, die diesen Weg gehen wollen, weil sie dafür die Begabung mitbringen, das auch tun können. Dazu gehört schlicht und einfach Organisation, auch des Unterrichts. Kinder und Eltern müssen wissen, dass gegen 16 Uhr auch an langen Tagen die Schule zu Ende ist, inklusive Hausaufgaben und Vorbereitungen. Dann bleibt noch genug Zeit für Hobby, Vereine und das Engagement in Kirchengemeinden.

Landtagspräsident Norbert Kartmann, ein CDU-Politiker, hat dieser Tage gesagt, auf die Einführung von G8 habe es unisono negative Resonanz gegeben. Jetzt werde korrigiert, soweit das eben möglich sei.

Eine Ablehnung unisono habe ich nicht wahrgenommen.

Was sagen Sie zu der Kritik der Linken und des Landeselternbeirats, dass die neue Wahlmöglichkeit für Gymnasien zu einem Zwei-Klassen-Abitur führe?

Das stimmt schon deshalb nicht, weil ja auch bisher schon die kooperativen Gesamtschulen und die Integrierten Gesamtschulen G9 anbieten konnten. Und das Abitur ist absolut gleichwertig. Es gibt einfach unterschiedliche Geschwindigkeiten dahin. Das ist ja im Übrigen das, was die Opposition immer einfordert: jedem Kind sein Tempo möglich machen.

Ist Ihr neues Splitting-Modell, bei dem ein Gymnasium G8 und G9 unter einem Dach anbieten kann, für eine Schule nicht sehr kompliziert umzusetzen?

Das wird über einen Schulversuch gemacht, und jetzt gucken wir erst mal, wie viele Schulen sich für diesen Schulversuch überhaupt bewerben. Und dann soll es dabei ja so sein, dass die Kinder alle zunächst nach G8-Stundentafel unterrichtet werden, bis sie sich nach der 6. Klasse endgültig entscheiden. Die zweite Fremdsprache ist bis dahin nicht versetzungsrelevant, also ist das risikolos. Das ist eine pädagogische Innovation, und ich glaube, dass die Schulen dies sehr gut organisieren können.

Was spricht heute eigentlich noch gegen den Vorschlag der SPD zur Schulzeitverkürzung: Mittelstufe unangetastet lassen, Oberstufe kann in zwei oder drei Jahren durchlaufen werden. Wäre das nicht insgesamt deutlich einfacher zu organisieren?

Nein, das ist organisatorisch wesentlich komplizierter, weil Sie, angefangen von den Büchern, vieles neu ausgestalten müssten.

In etwas mehr als einem Jahr ist Landtagswahl. Zur Zeit würden wohl nicht allzu viele Wetten auf den Verbleib der FDP in der Regierung abgeschlossen. Käme es aber wieder zur derzeitigen Konstellation: Würde die FDP das Kultusministerium behalten können?

Ich glaube, wir haben in der Koalition eine sehr erfolgreiche Zusammenarbeit in allen Bereichen. Und im Endspurt dieser Legislaturperiode wollen wir als FDP zeigen, dass wir die Persönlichkeiten haben, die dem Land unsere gemeinsame Politik auch für die neue Legislaturperiode anbieten können. Insofern steht das auch als Paket zur Wahl.

Das Gespräch führte Jacqueline Vogt.

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Von Matthias Alexander

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