Frau Kühne-Hörmann, Sie sind Juristin und seit drei Jahren Ministerin für Wissenschaft und Kunst in Hessen. Ist das Ressort „Kunst“ im Vergleich zur Verantwortung für die Hochschulen ein Wohlfühlbereich?
Sicher habe ich es da mit schönen Themen zu tun, aber es gibt durchaus auch unangenehme Aufgaben, wie beispielsweise die Schlichtung des „Sängerstreits“ in Darmstadt. Es ist bei weitem nicht alles eitel Freude - ich stehe nicht an der Spitze eines ,Prosecco-Ressorts‘, wie manche Kollegen meinen.
Welchen Stellenwert haben die schönen Künste im Vergleich zur Wissenschaft bei Ihrer Arbeit?
Das Gesamtbudget meines Ministeriums beträgt etwa zwei Milliarden Euro, davon entfallen rund zehn Prozent auf den Bereich Kultur. Diese rein rechnerische Betrachtung entspricht aber keineswegs der tatsächlichen Bedeutung des Themas, sondern hat damit zu tun, dass es in der Kulturszene einen enorm hohen Grad ehrenamtlichen Engagements gibt. Unter dem Strich und gemessen an der Zeit, die ich dafür aufwende, halten sich die beiden Seiten des Ressorts eher die Waage.
Immerhin bietet die Zuständigkeit für Theater, Musik, Film und Museen die Möglichkeit zu großen Auftritten - die Chance, sich bekannt zu machen.
Gelegentlich schon. Anderseits sind sowohl Wissenschaft als auch Kultur Themen, die nur eine begrenzte Klientel ansprechen; anders als beim Thema Schule zum Beispiel, wo alle meinen, mitreden zu können. Kulturpolitik steht im Vergleich zu solchen Themen eher selten im Brennpunkt des allgemeinen öffentlichen Interesses.
Gibt es in Hessen ein Überangebot subventionierter Kultur?
Keineswegs. Ich habe kein Verständnis für jene, die die Kultur gegen das Soziale ausspielen wollen. Die Kultur fördert doch das Soziale. Genau deshalb traut sich die Landesregierung in diesen finanziell schwierigen Zeiten ja noch, neue Museen zu eröffnen: Wir investieren weiter in die schönen Künste in dem Wissen, dass sie eben nicht nur schön sind, sondern auch eine wichtige soziale und wirtschaftliche Aufgabe erfüllen.
Wird der Einfluss der Kultur als Standortfaktor nicht überschätzt?
Wieder ein klares Nein. Nehmen Sie beispielsweise das Keltenmuseum am Glauberg in der Wetterau. Knapp ein Jahr nach der Eröffnung zählen wir dort schon 100.000 Besucher, das ist eine beeindruckende Zahl; nur das Römerkastell Saalburg ist in Hessen noch populärer. Vom Glauberg-Museum profitiert die ganze Region auch in touristischer und wirtschaftlicher Hinsicht. Ein Paradebeispiel dafür sind auch die Unesco-Welterbestätten: Das Mittelrheintal profitiert von der Vermarktung unter diesem Prädikat ganz enorm.
Würden die Touristen nicht ohnehin dort hinreisen?
Die lockt die Qualitätsmarke. Es gibt regelrechte Unesco-Welterbereisen im Angebot von Tourismusveranstaltern. Aus dem von den Ländern mitfinanzierten Investitionsprogramm Nationale Welterbestätten des Bundes fließen insgesamt 29 Millionen Euro in die vier hessischen Welterbestätten Kloster Lorsch, Oberes Mittelrheintal, Limes und Grube Messel, so dass wir sie noch attraktiver für Besucher machen können.
In dieser Liga soll künftig auch Kassel spielen. Der Antrag, den Herkules und die Wasserspiele im Bergpark Wilhelmshöhe zum Weltkulturerbe zu erklären, ist gestellt. 2013 steht die Entscheidung an. Wie fällt sie aus?
Wir wollen gewinnen.
Sie sehen eine gute Chance?
Ja. Wir haben alle Voraussetzungen für eine positive Entscheidung geschaffen. Was Kassel zu bieten hat, ist ein internationales Highlight. Der Bergpark mit Herkules, Schloss, Kaskaden und Wasserspielen - in dieser Kombination ist das etwas weltweit Einzigartiges. Die Wasserkünste allein sind eine technische Meisterleistung.
Frankfurt wiederum rangiert längst in der obersten europäischen Kulturklasse, es gibt Museen in großer Zahl, einige mit erschreckend geringen Besucherzahlen. Warum will sich das Land dort dennoch mit vier Millionen Euro am Bau eines Romantik-Museums beteiligen?
Weil die Stadt mit dem Freien Deutschen Hochstift in Sachen Romantik ein Alleinstellungsmerkmal für diese Epoche hat, das es zu nutzen gilt. Frankfurt ist der ideale Standort für ein Romantik-Museum.
War es schwer, den Finanzminister von der Notwendigkeit der Investition zu überzeugen?
Es war jedenfalls nicht leicht, und vielleicht ist es auch nur gelungen, weil wir mit Volker Bouffier einen Ministerpräsidenten haben, der ein wahrer Freund der Kultur ist. Um aber keinen Zweifel aufkommen zu lassen: Das Land ist bereit, den Bau eines Romantik-Museums mitzufinanzieren, wir werden uns jedoch keinesfalls an den Betriebskosten beteiligen.
Sie stammen aus einer sozialdemokratisch geprägten Familie in Kassel. Welche Rolle spielte Kultur in Ihrem Elternhaus?
Mein Vater war Jurist, hatte aber eigentlich Kunsthistoriker werden wollen. Museen, Musikveranstaltungen, Theater, Kirchenbesuche - das war für mich als Kind selbstverständlich.
Haben Sie selbst musiziert, Theater gespielt oder gemalt?
Das hat sich leider nicht ergeben. Ich war dafür aber wohl auch nicht besonders talentiert.
Zu welchem kulturellen Erlebnis lässt sich Eva Kühne-Hörmann gerne aus dem Polit-Alltag entführen?
Beispielsweise zu einem Open-Air-Konzert mit dem Staatsorchester Kassel vor der Orangerie der Stadt. Tausende begeisterter Menschen, die auf Decken auf dem Rasen sitzen und von denen viele auf diese Weise erstmals einen Zugang zu klassischer Musik finden. Das ist eine Stimmung fast wie bei den Proms in London.
Und wohin kann man Sie eher locken: ins Theater oder ins Kino?
Gern auch ins Kino.
Eher Doktor Schiwago oder James Bond?
Lieber etwas Spannendes. Also in diesem Fall: James Bond.
Das Gespräch führte Ralf Euler.

