Home
http://www.faz.net/-gzg-74ie7
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Kulturelle Begegnung Fremd im eigenen Land

Junge Migranten diskutieren mit Grünen-Parteichef Cem Özdemir. Viele wollen einfach nur das Beste aus ihren Möglichkeiten machen.

© dpa Vergrößern Macht sich für ein liberales Staatsbürgerschaftsrecht und die gleichzeitige Annahme mehrerer Staatsbürgerschaften stark: Cem Özdemir.

Erst neulich, sagt die Studentin Merveille Mubakemeschi auf dem Podium, habe sie sich fast mit ihrer Mutter gestritten. Mubakemeschi wurde im Kongo geboren und kam mit fünf Jahren nach Deutschland. Inzwischen studiert sie Politikwissenschaften in Berlin, singt in einer Band. Sie sagt, sie habe Goethe gelesen und wisse mehr über die deutsche als die kongolesische Geschichte. Als sie ihrer Mutter neulich sagte, dass sie sich trotzdem als Kongolesin fühle, habe die gelacht, sagt Mubakemeschi: Was denn an ihr überhaupt noch kongolesisch sei, fragte die Mutter. In dem Moment sei Mubakemeschi auch klargeworden, was sie von Deutschland trenne: die Angst, trotz perfekter Integration nicht als Deutsche anerkannt zu werden.

Bis zum Abitur war Mubakemeschi Stipendiatin der Start-Stiftung. Als Projekt der gemeinnützigen Hertie-Stiftung fördert diese seit zehn Jahren Jugendliche aus Migrantenfamilien. Mubakemeschi und elf weitere junge Erwachsene hat die Journalistin Ruth-Esther Geiger in dem Buch „Deutschland - meine Option?“ porträtiert, das am Dienstag bei einer Diskussion vor etwa 120 Zuhörern in der Bethmann-Bank vorgestellt wurde. Dabei ging es um die Frage, wie Deutschland Talente wie Mubakemeschi halten könne und ob dieses Land überhaupt eine Option für sie sei. Schließlich, so schreibt der Journalist Harald Martenstein im Vorwort, hätten Menschen trotz mehrerer Identitäten nur ein Leben und wollten das Beste aus ihren Möglichkeiten machen.

Mehr zum Thema

Um sich ihr Können zu beweisen, machte sie das Abitur

Knapp 960 000 Menschen sind laut dem Statistischen Bundesamt 2011 nach Deutschland eingewandert. Zum letzten Mal war die Zahl 1996 so hoch. Allein in Frankfurt leben Menschen aus 170 Nationen. Grünen-Parteichef Cem Özdemir warb dafür, Probleme künftig nicht mehr auf die Ethnie oder Religion zu beziehen, sondern nach sozialen Gründen zu suchen. Prügelten sich junge Migranten, werde oft die Religion als Ursache vermutet, sagte Özdemir. Seien Deutsche gewalttätig, nehme man dagegen an, die Erziehung sei schiefgegangen.

Dass sie offenbar anders seien, hätten sie in der Schule mehrmals erfahren, erzählten Mubakemeschi und die 24 Jahre alte deutschtürkische Lehramtsstudentin Sevin Isikli. Ein Lehrer von Mubakemeschi gab vor, sie nicht zu verstehen, obwohl die Schülerin eine Eins in Deutsch hatte. Isikli erzählte, ihre Grundschullehrerin habe ihr trotz Einsen und Zweien vom Gymnasium abgeraten. Ihr Vater arbeitet in der Catering-Logistik, die Mutter ist Hausfrau. Da bekomme sie sicher nicht die nötige Unterstützung, habe die Lehrerin Isikli damals gesagt. Sie machte trotzdem Abitur. Sie habe sich damit gegenüber der Lehrerin auch beweisen wollen, so die Studentin.

Özdemir warb für ein liberales Staatsbürgerschaftsrecht und die Möglichkeit, mehrere Staatsbürgerschaften anzunehmen. Je mehr Deutschland zulasse, umso besser gelinge die Integration der Migranten, sagte er. Mubakemeschi sagte, sie wünsche sich, dass man sich irgendwann nicht mehr erklären müsse, dass es irgendwann egal sei, woher man komme, wenn man doch hier lebe. „Das wäre doch am besten.“

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Vor Parlamentswahl Özdemir vergleicht Erdogan mit Putin

Vor der Parlamentswahl in der Türkei hat Cem Özdemir harsche Kritik an Präsident Recep Tayyip Erdogan geübt. Türken in Deutschland gibt der Vorsitzende der Grünen eine Wahlempfehlung. Mehr

29.05.2015, 07:44 Uhr | Politik
FAZ.NET-Stream zum Nobelpreis Wie die Welt im Kopf entsteht

Raum und Zeit definieren das Dasein. Doch funktionieren sie im Gehirn? Peter Thier vom HIH liefert teils Nobelpreis-gewürdigte Antworten auf große Fragen. Eine Veranstaltung von Gemeinnütziger Hertie-Stiftung und F.A.Z. Mehr

10.12.2014, 13:44 Uhr | Wissen
Kritik an Doppelspitzen Zwei Grüne sind einer zu viel

Der Co-Vorsitzende der Grünen, Cem Özdemir, stellt die Doppelspitzen in der Bundesführung seiner Partei in Frage. Sie verhinderten politische Zuspitzung, sagt er. Doch es könnte noch andere Gründe geben. Mehr

30.05.2015, 15:22 Uhr | Politik
Verdacht auf Hanfanbau Özdemir nimmt Stellung zu Ermittlungen

Grünen-Parteichef Cem Özdemir hat dazu Stellung genommen, dass die Staatsanwaltschaft gegen ihnen ermittelt. Es besteht Verdacht auf Hanfanbau. Seiner Meinung nach ist der Gesetzgeber hier das Problem, weil er nämlich Hanf anders behandelt wie Alkohol. Mehr

20.01.2015, 09:55 Uhr | Politik
Rückkehr des Newsletters Die Tür eintreten, bevor die Leute die Augen öffnen

Kommt per E-Mail, kann klug, krawallig oder doof sein, ist einerseits aufdringlich, lässt sich andererseits schnell wegklicken - und hat vor allem wachsenden Erfolg: Über die erstaunliche Renaissance des Newsletters. Mehr Von Stefan Niggemeier

27.05.2015, 11:12 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 21.11.2012, 18:22 Uhr

Gesetze reichen nicht als Schutz für Polizisten

Von Katharina Iskandar

Polizisten werden auch in Alltagssituationen attackiert. Nur mit schärferen Gesetzen zu reagieren greift deshalb zu kurz. Was in der politischen Diskussion oft vernachlässigt wird, ist der gesellschaftliche Wandel. Mehr 7 13