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: Zwei Dreiecksbeziehungen: Christof Loy inszeniert Mozarts "Entführung aus dem Serail" in Frankfurt

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Er macht keinen Hehl daraus: Mozart ist sein Lieblingskomponist. Wenn Christof Loy über den Ausnahme-Tonsetzer spricht, gerät er auch schon mal ins Schwärmen. Nein, das Mozart-Bild, wie es etwa durch den "Amadeus"-Film vermittelt worden sei, treffe gewiß nicht zu.

          Er macht keinen Hehl daraus: Mozart ist sein Lieblingskomponist. Wenn Christof Loy über den Ausnahme-Tonsetzer spricht, gerät er auch schon mal ins Schwärmen. Nein, das Mozart-Bild, wie es etwa durch den "Amadeus"-Film vermittelt worden sei, treffe gewiß nicht zu. Er sei nicht der ungebärdige Punk des ausgehenden 18. Jahrhunderts gewesen. Und allein aus den Bäsle-Briefen, die viele gelesen hätten, sei kaum auf seine Gesamtpersönlichkeit zu schließen. Da gebe es zum Beispiel auch noch den Mozart, der in Schreiben an seine Frau auf harschen moralischen Standpunkten beharre. Von dem Mozart, der brieflich mit den Forderungen seines Vaters ringe, ganz zu schweigen. Den Gegensatz zwischen Vernunft und Natur, Moral und Triebhaftigkeit habe er zeit seines bewußten Lebens zu lösen gesucht, vermutet der Regisseur. Möglicherweise habe er auch eine Existenz ersehnt, die nicht bürgerlich-moralischen Maßstäben entsprochen hätte. Sicherlich habe er die Abgründe des menschlichen Daseins nicht ignoriert, habe sie wohl in sich selber verspürt und trage den Widerspruch zwischen Geist und Unbewußtem dort aus, wo es in einem rationalistischen Zeitalter möglich war - in seiner Musik.

          Christof Loy, gerade zum "Regisseur des Jahres" gewählt, inszeniert am "Opernhaus des Jahres" Mozarts 1782 entstandenes Singspiel "Die Entführung aus dem Serail". Am Sonntag um 18 Uhr ist Premiere. Auf naheliegende Aktualisierungen, sagt Loy, habe er verzichtet. Es sei wenig sinnvoll, unser heutiges Wissen über den Orient in das Stück einzuarbeiten. Das Orientalische stehe in dem Libretto von Johann Gottlieb Stephanie d. J. für das Sinnliche, das Exotische, und es gehe nicht um den Zusammenprall von zwei Kulturen oder politischen Systemen.

          Im Wien des Jahres 1782 habe man ein sehr eigenes Bild von der Türkei gehabt, womöglich noch geprägt von der Zeit, als sie die Kaiserstadt belagerten. Da hätten Mozarts Zeitgenossen im Zusammenhang mit den Türken wohl immer noch in erster Linie an Despotismus gedacht. Mozart jedoch, der, so Loy, "verspielte Hund", beginne mit türkischer Musik in der Ouvertüre, lasse aber den ersten Türken, der auftritt, nämlich Osmin, ein Lied von großer Traurigkeit singen - als wolle er dem Publikum von Anfang an vor Ohren führen, daß es zwischen den Kulturen, daß es zwischen den Menschen keine gravierenden Unterschiede gebe. "In diesem Stück werden menschliche Grundbedingungen freigelegt", ist Loy überzeugt.

          Für alle Figuren stelle sich die Frage nach der Balance zwischen den Trieben und den eigenen Ansprüchen, ein menschenwürdiges Zusammenleben zu ermöglichen. Das Stück sei "eine Reise zu den inneren Abgründen", die sich in zwei Dreiecksbeziehungen spiegelten. Konstanze stehe zwischen Belmonte und Bassa Selim, Blonde zwischen Pedrillo und Osmin. Am Ende der "Serail"-Inszenierung von Christof Loy löst sich durchaus nicht alles in aufgeklärtes Wohlgefallen auf. Es bleibe, erläutert er, eine tiefe Melancholie zurück. Und Ratlosigkeit. "Alle sind an dem Punkt angekommen, wo sie spüren, daß sie hohe Ansprüche an sich selbst gestellt haben, aber weit davon entfernt sind, sie verwirklichen zu können." Sie merkten, daß es nicht so einfach sei, "ohne Eigennutz" zu "verzeihn". In den ersten beiden Akten hat der Regisseur wenig Text gestrichen. Im dritten Akt dagegen fällt die Entführungsszene mitsamt Leiter ersatzlos aus. Ihn interessiere das Davor und Danach. Das innere Drama. Nicht das äußeren. MICHAEL HIERHOLZER

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