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Zeitgenössische Kunst Menschen auf Nadeln

16.07.2008 ·  Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs hat sich in Osteuropa eine vitale Kulturszene entwickelt: Eine Ausstellung im Kulturzentrum Englische Kirche in Bad Homburg zeigt zeitgenössische Kunst aus der Slowakei.

Von Katharina Deschka-Hoeck
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Zwei Fotografien zeigen Stadtansichten, die beim Betrachter eine kleine Irritation hinterlassen: Wo, bitte, sollen diese Aufnahmen entstanden sein? Marek Kvetan hat für seine Bilder von Prag und Paris typische Postkartenmotive ausgewählt, seine Aufnahmen hinterher jedoch entscheidend verändert: Er hat den Eiffelturm und den Hradschin entfernt, und schon findet man sich, der Wahrzeichen beraubt, kaum noch zurecht.

Einige Arbeiten des 1976 in Bratislava geborenen Künstlers sind zurzeit in einer feinen Ausstellung im Kulturzentrum Englische Kirche (Ferdinandsplatz) in Bad Homburg zu sehen, die sich zum Ziel gesetzt hat, die zeitgenössische Kunst der Slowakei hierzulande ein wenig bekannter zu machen. Um ein breites Spektrum vorzustellen, haben die Kuratoren – Heike Sütter von der Europäischen Zentralbank und die beiden Künstler und Galeristen Martin Sedlák und Viktor Frešo – rund 50 Gemälde, Grafiken, Installationen und Fotografien 20 überwiegend junger Künstler ausgewählt.

Jesus aus Wachs und Seife

Die meisten von ihnen haben die Zeiten der beschränkten Freiheit künstlerischer Tätigkeit nicht mehr erlebt. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und der Unabhängigkeit der Slowakei 1993 setzen sie sich nun unbekümmert mit internationalen Themen wie der Globalisierung, der Populärkultur oder virtuellen Realitäten auseinander. Der 1981 geborene Boris Sirka etwa stellt in einigen seiner großformatigen Gemälde comicartig reduzierte Figuren dar: eine Frau, deren Gesicht lediglich aus Haaren besteht, hinter denen die Augen hervorstarren. Wie Schlangen winden sich einer anderen Frau die Haare am Körper entlang – eine Medusa auch sie, wenngleich eine schöne. Lauter niedliche Teddys variiert der 1959 geborene Professor an der Akademie der Bildenden Künste in Bratislava, Ivan Csudai, auf seinen Gemälden. Und Viktor Frešo beschäftigt sich ausgerechnet in Aktfotografien mit der Gewalt gegen Frauen.

Pavol Megyesi setzt mit seinen Bildern starke farbige Akzente, während Juraj Kollár bisweilen nahezu monochrom malt. Ingrid Višnovská wiederum hat, vielleicht in Anlehnung an Beuys, aus Wachs und Seife einen Jesus geformt und viele kleine menschliche Figuren, die sie in einer Vitrine wie Schmetterlinge auf Nadeln spießt. Der 1972 geborene Igor Ondruš fasziniert mit Gemälden, die der Leere Raum geben: Die Leinwand ist in weiten Teilen hell und leer, nur am Bildrand tauchen beispielsweise ein Mädchen, das Stück einer Tür oder ein Ball auf und drängen den Betrachter geradezu, sich eine Geschichte auszudenken, die das Fehlende erklärt.

Mit der Ausstellung in Bad Homburg wird zugleich die Reihe „Slowakische Kulturtage – Europäische Gedanken“ eröffnet, die noch bis Februar 2009 den kleinen mitteleuropäischen Staat vorstellt. So werden im September und Oktober Autoren wie Dušan Šimko, Michael Okroy, Peter Karpinský, Michal Hvorecký, Márian Hatala und Jozef Urban lesen. Anfang kommenden Jahres sollen im Filmmuseum slowakische Filme vorgeführt werden. Und das Museum Wiesbaden zeigt in einer großen Andy-Warhol-Ausstellung vom 19. Oktober an zusammen mit dem Andy-Warhol-Museum für Moderne Kunst (Medzilaborce) Werke des „Königs der Pop-Art“ aus allen Perioden seines Schaffens. Darüber hinaus werden persönliche Gegenstände des Künstlers präsentiert. Sie beleuchten die Herkunft des als Andrej Warhola in den Vereinigten Staaten geborenen Pop-Art-Stars als Spross einer slowakischen Emigrantenfamilie.

Bis 3. August ist die Ausstellung dienstags bis freitags von 16 bis 19 Uhr sowie samstags und sonntags von 14 bis 18 Uhr geöffnet.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1970, Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

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