14.07.2010 · Aggression am Kontrollposten zwischen Jerusalem und Ramallah: Das Wu-Wei-Theater probt im Mousonturm „Human Checkpoint – Winter in Qualandia“ von Lia Nirgad.
Von Jürgen RichterHinter einer Wand aus Kisten, Kartons, Rollcontainern und einem Papierkorb sind Frauenstimmen zu hören. Sie setzen sich mit imaginären Soldaten auseinander über deren Einsatz an dieser Befestigung. Es geht um Recht, um Menschlichkeit, aber auch um persönliche Belange, bis mit plötzlichem Gepolter die Würfel und Zylinder umgestoßen werden – die Debatte hat offensichtlich die Spannung nicht abgebaut, hat den Ausbruch angestauter Aggression nicht verhindert. Schauplatz ist Qualandia, ein Kontrollposten zwischen Jerusalem und Ramallah, den Lia Nirgad in ihrem Roman „Human Checkpoint“ beschrieben hat und den jetzt das Wu-Wei-Theater im Frankfurter Mousonturm mit abstrahierenden Elementen sichtbar macht.
Anja Bilabel, Nicole Horny und Angelika Sieburg spielen drei Tel Aviver Frauen, die täglich vermitteln zwischen den Wachen und den Palästinensern, die auf dem Weg zur Schule oder zur Arbeit die Grenze passieren müssen. Etwa für den Arzt, der im Krankenhaus erwartet wird, aber nach Ansicht des Soldaten dort arbeiten soll, wo er wohnt.
Fragen und Kommandos
Die Mauer, die Menschen ebenso wie Wohn- und Arbeitsbereiche trennt, die immer wieder überwunden werden muss, wird von den drei Akteurinnen ein paar Meter weiter wieder aufgebaut, abgetragen und neu gestapelt, rotiert durch den ganzen Probenraum im vierten Stock des Künstlerhauses Mousonturm, wo am 9. September die fertige Produktion Premiere haben wird. Die Spielerinnen gehen zwischendurch zu den Wasserflaschen, greifen zu den Textmappen mit farbig markierten Passagen. Regisseurin Sabine Loew sitzt am Rand und souffliert bei einem Versprecher oder einem fragenden Blick. Aber sie korrigiert auch den Auftritt, etwa beim zu forsch empfundenen Bau der Mauer, den sie sich automatischer und losgelöst von den Figuren wünscht. Und sie diskutiert mit ihren Schauspielerinnen, wie sie in der realen Situation reagieren, wie die gegenüberstehenden Männer antworten und handeln würden.
Die Inszenierung von Wu Wei erscheint offen und erfahrungsbezogen, auch wenn mit Markierungen am Boden das Feld abgesteckt ist, wenn mit einer Bilderleiste mit Aufnahmen vorangegangener Proben das Erarbeitete schon vor Augen steht. Nach der einen Szene geht es wieder mal zurück auf Los. Für die Anfangssequenz, die dem eigentlichen Text vorangestellt wird, bekommen die Mauersegmente Plätze überall im Raum. Anja Bilabel, Nicole Horny und Angelika Sieburg beziehen Position mit ihren Koffern. Zum rhythmisch klopfenden Elektroniksound ertönen Fragen und Kommandos, mechanisch und emotionslos: öffnen, Schmuck in die Boxen, Messer raus, Lebensmittel weg. Wie im Turnunterricht folgen die drei den Anweisungen, entfalten Intimitäten in der Öffentlichkeit. Sie müssen mitspielen, sie haben ein Ziel. Aber es gibt wieder eine Explosion, es wird geschrieen, es wird der Sinn der Anweisungen hinterfragt. Aber die Mauer, die noch in Stücken im Raum verteilt wird, funktioniert auch verbal mit den Anweisungen.
Erster Teil einer Trilogie
Im Blick ist am Beispiel des Checkpoints zwischen Israel und der Westbank der kontrollierte Mensch, der an einer mechanisch funktionierenden Schleuse eine perfektionierte Überwachungstechnik durchläuft. Sie setzt dieser Routine immer wieder Pannen und Ausnahmesituationen entgegen und das menschliche Engagement von Helferinnen, die zwischen den Passanten und Soldaten vermitteln und übersetzen, die nicht nur sprachlich Verständigung zwischen zwei Welten schaffen.
Das Ensemble, das 2008 mit dem Stück „Nordost“ über das Geiseldrama in einem Moskauer Theater erstmals in dieser Form zusammengespielt hat, wird Lia Nirgads Romanvorlage „Winter in Qualandia“ als deutschsprachige Erstaufführung spielen und befasst sich seit dem vorigen Herbst mit dem Stoff. Die Truppe fuhr nach Israel und ließ die manchmal mehrstündige Prozedur der Einreise am Originalschauplatz auf sich einwirken. Sie besuchte aber auch die Autorin und ihre Mutter in Tel Aviv, um sich von einer Überlebenden des Holocausts die traumatisierende Erfahrung von Gewalt vermitteln zu lassen.
Dem gecheckten Menschen widmet sich das Wu-Wei-Theater mit „Human Checkpoint – Winter in Qualandia“ als erstem Teil einer Trilogie, dem im nächsten Jahr der zweite mit dem arbeitenden Menschen und übernächstes Jahr der dritte Teil mit dem utopischen Menschen in einer Welt mit weniger Arbeit und viel Zeit folgen soll. Die optische Linie wird dabei mit dem Bühnenrepertoire, mit dem aus hölzernen Würfeln, Koffern und Bodenmarkierungen immer wieder neu arrangierten Accessoires erhalten.