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Woody Allen Meister in der Winterstarre

 ·  Alle kommen wegen Woody Allen, wenige wegen His New Orleans Jazz Band in die Höchster Jahrhunderthalle.

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Zumindest eins haben der deutsche Kinoliebling Til Schweiger und Woody Allen gemeinsam: Es hapert ein wenig mit der deutlichen Aussprache von Konsonanten und Vokalen. Aber viel redet der schmale, kleine und grauhaarige Mann mit der großen Hornbrille, der schon beim Einmarsch mit üppigem Applaus bedacht wird, ohnehin nicht. Warum sollte er auch? Schließlich konzentriert sich Woody Allen in rund zwei Stunden vor allem auf eines: sein Spiel auf der Klarinette. Immerhin, so viel ist zum Auftakt des Gastspiels von Woody Allen & His New Orleans Jazz Band in der Frankfurter Jahrhunderthalle zu verstehen, wünscht der 75 Jahre alte Schauspieler, Autor und Regisseur seinen Zuhörern ungetrübten Genuss: „Lehnen Sie sich zurück, entspannen und genießen Sie. Wir tun unser Bestes, um Sie zu unterhalten.“

In der Stuhlreihe nimmt er den Platz vorn, als Dritter von links, und steht auf, um mit etwas linkischer Geste kurze Worte der Erläuterung an sein zahlreich erschienenes Publikum zu richten: „Wir lieben Musik aus New Orleans, die in Bars, Bordellen, Kirchen und auf dem Friedhof entstanden ist.“ Eine in etwa gleich lange Absage wird Woody Allen noch einmal kurz vor dem Finale machen, um im Schnelldurchlauf die fünf Mitmusiker an Schlagzeug, Piano, Trompete, Banjo und Posaune vorzustellen und den letzten Song vor der Zugabe anzukündigen. Wenig Aufhebens gemacht wird um das Ensemble um Allen. Dezent wechseln Lichtspots ihre Farben, die Musik wird nie lauter als normaler Gesprächston. Die meisten flüstern ohnehin, bis auf jene Dame Mitte fünfzig, die ein wenig zu laut wird: „Hast du gesehen, Horst, der Woody Allen schaut exakt so aus, wie in seinen Filmen“, klärt sie ihren Gatten zwischen zwei Titeln auf.

Abgesprochen sein soll nur der erste Song

Natürlich geht es nur um ihn. Ohne die international populäre Marke Woody Allen käme wohl weit weniger Publikum, um einem Genre zu huldigen, das im frühen 20. Jahrhundert seine Blütezeit erlebte. In gewisser Weise betreiben Woody Allen & His New Orleans Jazz Band so Kulturdenkmalpflege. Einmal im Jahr begeben sie sich für einige Wochen auf Welttournee, um in fernen Ländern und Städten gemeinsam jenem Hobby zu frönen, das sie seit Dekaden ohnehin jeden Montag im Carlyle Hotel von Manhattan vereint. Ein Ritual gilt angeblich seit Urzeiten: Abgesprochen soll nur der erste Song sein. Was ohne Titelansage folgt, geschieht also spontan. Ein Blick, eine Geste oder auch ein kurzes Tuscheln mit dem Sitznachbarn genügt, um aus dem scheinbar unerschöpflichen Repertoire zu wählen.

Demonstrativ in Bescheidenheit übt sich der Exzentriker an der Klarinette mit zumeist übereinandergeschlagenen Beinen. Wenn er nicht im Reihum mit den Kollegen eines seiner Soli spielt, die mitunter ein wenig so klingen, als ob ein Esel lacht, dann hält er die Augen geschlossen und sein Instrument aufrecht auf dem Knie plaziert. Andächtig lauscht er dem virtuosen Spiel von Trompeter Simon Wettenhall, Posaunist Jerry Zigmont und Musical Director Eddy Davis am Banjo. Naht Allens Einsatz, geht ein Ruck durch seinen Körper, wippt das linke Bein, als ob er gerade aus tiefer Winterstarre erwacht sei.

Überwiegend instrumental präsentieren sich die Songs – allerdings mit gewissen Ausnahmen: „Shake That Thing“, „Under The Bamboo Tree“, „The Way I Walk“ sowie noch einige weitere profitieren vom abwechselnden Vokaleinsatz Wettenhalls, Zigmonts und Davis’. Woody Allen & His New Orleans Jazz Band verabschieden sich, wie sie gekommen sind: unter ehrfürchtigem Applaus. Woody Allen hält zwei schwarze Klarinettenkoffer in den Händen, abreisebereit, und in seinem Blick scheint die Frage zu liegen: „Wie komme ich ganz schnell zurück ins heimatliche New York?“

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