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Wolf Lepenies Erkenntnis und Gerechtigkeit

08.10.2006 ·  Wolf Lepenies hat den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2006 verliehen bekommen. Der Soziologe und langjährige Rektor des „Wissenschaftskollegs zu Berlin“ mahnte in seiner Dankesrede zu einer intensiveren Beschäftigung mit dem Islam.

Von Michael Hierholzer
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Der Westen müsse mit aller Kraft die Leitidee eines mit der Moderne vereinbaren Islam fördern: Dies ist eine der Kernaussagen in der Rede gewesen, die Wolf Lepenies vor etwa 1000 Gästen in der Frankfurter Paulskirche gehalten hat. Der Soziologe und langjährige Rektor des „Wissenschaftskollegs zu Berlin“ hatte zuvor aus der Hand von Börsenvereins-Vorsteher Gottfried Honnefelder den mit 25.000 Euro dotierten Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2006 entgegengenommen.

Bundespräsident Horst Köhler nahm an der festlichen Veranstaltung teil, und Altbundespräsident Richard von Weizsäcker war ebenso nach Frankfurt gekommen wie die Bundesminister Annette Schavan und Wolfgang Tiefensee, Bundestagspräsident Norbert Lammert und Kulturstaatsminister Bernd Neumann. Der japanische Literaturnobelpreisträger Kenzaburo Oe gab sich die Ehre. Und neben zahlreichen anderen Schriftstellern sowie Wissenschaftlern wurde Peter Esterhazy, Friedenspreisträger des Jahres 2004, in dem von der Herbstsonne lichtdurchfluteten Saal gesichtet.

„Wolf ist ein Kämpfer“

Der Preisträger stehe auch in einer Traditionslinie, die von der ersten deutschen Nationalversammlung 1848 in der Paulskirche ausgehe, sagte Oberbürgermeisterin Petra Roth bei ihrer Begrüßungsansprache. Lepenies nannte sie einen „öffentlichen Intellektuellen“, einen „leidenschaftlichen Gesellschaftserzähler“ und „Interpreten des europäischen Denkens“.

Gottfried Honnefelder wies bei seinem Grußwort auf die Macht der Sprache hin, Frieden zu stiften: „Die Möglichkeit des Mißbrauchs von Sprache scheint heute so groß zu sein, daß wir an ihre heilende Kraft kaum noch glauben.“ Aber es gebe Bücher, die den Weg zum Frieden eröffneten, und Worte, die Vertrauen verdienten. Honnefelder und später auch der Preisträger erwähnten die am Samstag bekanntgewordene Ermordung der russischen Journalistin Anna Politkowskaja in Moskau als schweren Rückschlag für das Recht auf freie Meinungsäußerung. Draußen vor der Paulskirche hatten Demonstranten mittels trauerumflorter Fotografien und eines schwarzen Bands mit dem Namen der Regimekritikerin stillen Protest geübt.

Der Philosoph und ehemalige Kulturminister Rumäniens, Andrei Plesu, mit dem Preisträger seit langem wissenschaftlich und freundschaftlich verbunden, fragte in seiner rhetorisch geschliffenen Laudatio, vom „Frieden welches Krieges“ denn die Rede sei, wenn Lepenies den Friedenspreis erhalte. Er zeichnete ein Bild des Preisträgers mit Hilfe vieler militärischer Metaphern und fand auch für die Beschreibung der gegenwärtigen Verhältnisse in Europa etliche Bilder, die dem Kriegswesen entlehnt waren. „Wolf ist ein Kämpfer“, ein „Front-Mensch“, sagte Plesu. Man müsse ihn in Aktion sehen, angetrieben vom „Furor der Tat“.

Zusammenarbeit in Osteuropa und im Nahen Osten

Aber auch seine Bücher seien „Bemühungen zur Lösung von antagonistischen Spannungen und von scheinbar unlösbaren Konfrontationen“. Lepenies stelle dem Krieg nicht den einfachen und makellosen Frieden gegenüber, sondern Kommunikation und Erkenntnis: „Der wahre Frieden wird dann erzielt, wenn die Differenzen der Versöhnung zustimmen und dabei die ganze Herrlichkeit und Pracht ihrer Unterschiedlichkeit beibehalten.“ Es gehe, so Plesu, nicht um eine einzige Sprache für alle, sondern um die Übersetzbarkeit einer jeden Sprache in jede andere. „Der Krieg von Lepenies ist der friedensstiftende Krieg der Erkenntnis und der Gerechtigkeit.“

In seiner immer wieder von Beifall unterbrochenen Dankesrede kam Lepenies auf seine vielfältigen Projekte und Initiativen zur wissenschaftlichen Zusammenarbeit in Osteuropa und im Nahen Osten zu sprechen. Vom Elfenbeinturm aus habe man oft einen weiten Blick, sagte er. So müsse die Beschäftigung mit dem Islam auf eine breitere Basis gestellt werden, die Islamwissenschaften seien überfordert, wenn es darum gehe, umfassend Auskunft über die muslimische Kultur zu geben.

Er sprach vom doppelten Skandal, daß der Islam bei der Herausbildung der europäischen Aufklärung eine Rolle gespielt habe und daß umgekehrt der Koran das „Produkt einer mit anderen Religionen und Kulturen geteilten Antike, einer mit dem Westen in politischen Kämpfen und interkonfessioneller Polemik gemeinsam durchlebten Geschichte“ sei. Es gelte zu erkennen, daß sich in allen Kulturen Voraussetzungen zur Demokratie fänden. Sie gelte es zu respektieren und zu stärken.

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Jahrgang 1955, Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

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