09.02.2006 · In seinen Romanen hat er sich auf Flaneure spezialisiert, skurrile Pflastertreter, die den kleinen Dingen der Großstadt das Poetische abgewinnen oder in spießigen Abendgesellschaften Bedeutsames von sich geben.
Von Claudia SchülkeUtopia ist überall: am Flußufer, wo sich Menschen und Kleintiere in der Sonne tummeln, auf dem Kohlekahn, wo eine Mutter ihr Kind stillt, oder auf dem Vergnügungsdampfer, wo die Passagiere ihre Zeit in Muße verwandeln. Da kann in einem achtzehnjährigen jugenderschöpften Feierabendreporter schon mal der Wunsch nach souveräner Zeitverschwendung aufkommen. „Du brauchst eine Frau, eine Wohnung und einen Roman“, sagt sich der Protagonist in Wilhelm Genazinos gleichnamigem Roman (Hanser 2003) und nimmt sich vor, sich „selber in der vergehenden Zeit zu belauschen“.
Auch die anderen Helden des Büchnerpreisträgers von 2004 belauschen sich und das Leben und entwickeln dabei eine besondere Sensibilität für die vergehende Zeit. Das belegten die drei Passagen, die Genazino zum Abschluß seiner Frankfurter Poetik-Dozentur im ausverkauften Literaturhaus aus seinen drei jüngsten Romanen vortrug. Der Schriftsteller, der in Mannheim geboren wurde, jahrelang in Frankfurt gelebt hat und mittlerweile in Heidelberg wohnt, bewies wieder einmal, wie unterhaltsam die „Gesamtmerkwürdigkeit des Lebens“ sein kann, wenn man sie mit jenem Körnchen Salz nimmt, das schon den alten Römern so gut bekam.
Der Held, ein Apokalypsen-Experte
Genazino hat sich auf Flaneure spezialisiert, skurrile Pflastertreter, die den kleinen Dingen der Großstadt das Poetische abgewinnen oder in spießigen Abendgesellschaften Bedeutsames von sich geben. Wie der Ich-Erzähler in dem Roman „Ein Regenschirm für diesen Tag“ (2001), der das Abendessen mit hochtrabenden Definitionen der Liebe würzt und zuletzt für „Vergleichende Schuldwissenschaften“ als neues Studienfach plädiert. Da sind die Tischdamen ganz Ohr, und die Gastgeberin freut sich, daß an ihrem Wohnzimmertisch so geredet wird: „Man liebt dann, wenn man nicht mehr fliehen will, obwohl man ahnt, daß der andere unmögliche Forderungen an einen stellen wird.“
In der „Liebesblödigkeit“ (Hanser 2005) bekommt es der Held, ein Apokalypsen-Experte, mit der Zeit zu tun und dem, was sie mit sich bringt: der ganz persönlichen Apokalypse namens Alter. Bis zur ersten „Liebesverstopfung“ hatte er sich zwischen zwei Frauen durchlaviert, einer für die seelischen und einer für die leiblichen Bedürfnisse. Nun macht ihm die platonische Gefährtin einen Heiratsantrag, um den bedürftigen Freiberufler mit ihrer Rente vor der Altersarmut zu retten. Weder Ironie noch Edelsinn kann ihm aus der Verlegenheit helfen, nur die geschmacklosen Bilder, die seine Muse produziert, dämpfen den Stolz des Erwählten.
Genazino ist ein Freund des Unscheinbaren, ein Panegyriker des Beiläufigen am Wegrand der Zeit. Seine Ironie denunziert niemanden, sie hilft, den alltäglichen Wahnsinn zu ertragen, indem sie ihn hinnimmt und liebevoll umspielt. Ein Meister der leisen Komik, ist er selbst dran schuld, wenn ihm mehr als die „mittlere Aufmerksamkeit“ zuteil wird, die er sich wünscht. Denn mit ihm läßt sich das Leben einfach besser belauschen.