05.09.2010 · „Werthers Leiden“, ein Solo mit Isaak Dentler, hatte im Frankfurter Schauspielhaus Premiere.
Von Michael HierholzerGefühlskalt sind andere. In Werther rumoren Liebe, Eifersucht, Wahn. Seine Empfindungen hielten schon Zeitgenossen für überspannt. Und nach weit verbreiteter Auffassung überwand Goethe seinen Sturm und Drang, indem er ihn in einer poetischen Prosa zum Kunstwerk formte. Nachgeborenen galt der Briefroman oft als Beispiel einer jugendlichen Exaltation, die mit einer bestimmten Epoche verbunden war. Damals soll der in brennender, aber aussichtsloser Liebe verfangene Held vielen jugendlichen Schwärmern zur Identitätsfindung verholfen haben. In einigen Fällen wohl mit tödlichem Ausgang. Man könnte meinen, mehr als 200 Jahre später sei die Angelegenheit vom Tisch. In den Kammerspielen des Frankfurter Schauspielhauses zeigt Isaak Dentler, dass dem keineswegs so ist.
Auch wenn über eine weite Strecke am Anfang des Monologs, dessen Titel den des Romans auf „Werthers Leiden“ verkürzt, das Lächerliche und Komische im Vordergrund stehen, die Überdrehtheit eines jungen Mannes wie die skurrilen Höhenflüge eines Textes, der von einem von Gefühlen hin und her gepeitschten Innenleben berichtet. Aber bald wird einem der Ernst der Lage klar. Es gibt etwa nach der Hälfte des einstündigen Soloabends nicht mehr viel zu lachen oder zu lächeln. Die Präzision, mit der Goethes Sätze die Situation beschreiben, wirkt plötzlich frappierend. Es geht um einen, der bedingungslos liebt. Der sich lächerlich macht, weil er so fühlt. Der deshalb immer schon verloren hat. Dergleichen soll auch in der Gegenwart vorkommen.
Gefühlsverstärker
Die Sehnsucht nach Gefühlen, die nicht medial vermittelte Surrogate sind, ist zudem ein aktuelles gesellschaftliches Phänomen. Werthers Echte sind gefragt. Die wahre Liebe ist es. Nicht die Ware. Dentlers Solo ist weit davon entfernt, bloße Rezitation zu sein, er gibt dem Text, einzelnen Textteilen, ja Wörtern körperlichen Ausdruck. Mimisch, vor allem jedoch gestisch verstärkt er deren Bedeutung, verdoppelt sie mit den Mitteln der Körpersprache, ein redundantes Verfahren, das gleichwohl den Überschwang dieser Prosa ausstellt. Die Bühne ist fast leer, die Technik beherrscht das Bild, nur da und dort gibt es im Dunkelgrau rote Flecken – ein Paar Pumps und ein großes Geschenkpaket, das dem Darsteller als Sitzgelegenheit wie als Utensil zur Aggressionsabfuhr dient. Überhaupt tritt der junge Herr im Gehrock gelegentlich um sich, geht auch auf den Schattenriss von Lotte los, den er aufgehängt hat, nachdem er ihn zuvor mit Hilfe einer Nagelschere aus dem Publikum verfertigt hatte. Werther rast. Werther wälzt sich keuchend am Boden. Die Psychoanalyse, bei der die Patienten ruhig auf der Couch liegen und von den unglaublichsten Gefühlstumulten erzählen, wird erst gut 100 Jahre später erfunden.
Der auf Deutschlands Bühnen mittlerweile unvermeidliche Mikrofonständer und die Pop-Attitüde mit Musikeinspielungen haben hier ausnahmsweise ihre Berechtigung. Als Gefühlsverstärker. Dentler gelingt es in seiner mit Performance-Elementen angereicherten Vorstellung, einer wunden Seele, einem Text Gehör zu verschaffen, der beim Lesen längst nicht mehr die Wirkung entfaltet wie einst. Sein Werther ist ein Zeitgenosse. Ein intensiver Abend. Und eine beachtliche Aneignung eines unklassischen Klassikers.