12.09.2010 · Die Reise einer langen Nacht in das Licht eines illusionslosen Morgens: In Frankfurt eröffnet das English Theatre die Spielzeit mit „Who's Afraid of Virginia Woolf?“.
Von Florian BalkeDas Wohnzimmer sieht eigentlich recht gemütlich aus. Aber dann kommen George und Martha von einer Party mit den anderen Professoren und ihren Frauen nach Hause. Es ist zwei Uhr morgens auf dem amerikanischen Collegecampus, Martha und George haben genug gebechert, um betrunken ins Bett zu fallen und den Sonntag nach dem Aufwachen der Ausnüchterung zu widmen. Aber Martha ist ruhelos, verträgt mehr, als ihr guttut, und hat den glänzend aussehenden jungen Biologieprofessor und dessen kleines Nichts von einer Frau gebeten, doch noch auf einen Drink vorbeizukommen.
Von nun an ist es aus mit dem Charme des Wohnzimmers. Was Bühnenbildner Neil Prince seinem Regisseur Jonathan Fox für dessen Inszenierung von Edward Albees Erfolgsstück „Who's Afraid of Virginia Woolf“ auf die Bühne des English Theatre in Frankfurt gestellt hat, besitzt den leicht abgewetzten, aber anheimelnden Reiz, den Menschen in der Lebensmitte an ihren Lebensumständen und Lebenspartnern entdecken sollten. Martha und George erblicken im jeweils anderen allerdings lieber den Gegner, dessen Schwachstellen man auch nachts um zwei noch kennt und trifft. Kampferprobt verwandeln sie, was ohne die Anwesenheit der Besitzer eine menschliche Umgebung wäre, in eine lebensfeindliche Todeszone, in der nichts gedeiht außer dem Versuch, den Schmerz über eigene Lebenslügen und Lebensfehler am jeweils anderen auszutoben. Kaum haben der gutaussehende Nick und seine blässliche Frau Honey auf dem Sofa Platz genommen, beginnen George und Martha ihre Spielchen - zunächst mit dem Partner, dann auch mit ihren Gästen. Demütigung folgt nun auf Demütigung, ein präzise gesetzter verbaler Tiefschlag jagt den nächsten.
Bis zum bitteren Ende die Daumen drücken
Mit Edward Albees 1962 uraufgeführtem Broadwayreißer kann man dem Publikum den Atem verschlagen oder es zum Lachen bringen, über weite Strecken muss beides in schnellem Wechsel gelingen. Mit dem Lachen steht es in Frankfurt exzellent. Für einen stetigen Blick hinein in die Hölle, die man in den Bosheiten zwischen Bar und Badezimmerfußboden auch entdecken könnte, sind die Mittel der Frankfurter Inszenierung hingegen nicht geschaffen. Zu freundlich ist sie insgesamt ausgefallen, zu angenehm wirkt der Nick des Robert Eli, zu sehr wird Ginny Myers Lee als Honey darauf reduziert, virtuos komisch kichern zu müssen.
Trotzdem führt der Ansatz zum Erfolg. Fox, der am English Theatre schon „Cat on a Hot Tin Roof“ und „A Streetcar Named Desire“ gezeigt hat, stehen zwei Schauspieler zur Verfügung, die dafür sorgen, dass man Martha und George bis zum bitteren Ende die Daumen drückt bei ihrem schwierigen Ausgang aus der Angst vor der Wahrheit. Michael Cullen und Deirdre Madigan spielen nicht nur mit großem Schwung und genauem Timing, sondern geben ihren sonst leicht ins Monströse abgleitenden Charakteren etwas Grundsympathisches. Als beide zum Schluss ihre Lebenslügen ablegen und zum ersten Mal ungeschützt Angst haben, ist man gerne bei ihnen.