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Traditionsreiches Jonglieren : Vater und Sohn – in zweiter Generation

Vater und Sohn: Mittlerweile steht Kris Kremo mit seinem Sohn Harrison auf der Bühne – dort, wo der Junior einst getauft wurde. Bild: Rainer Wohlfahrt

Harrison Kremo hat von Kris Kremo das Talent für die Jonglage geerbt. Er könnte wie der Vater ein Weltstar werden. Aber er möchte etwas anderes. Damit bricht er die Familientradition.

          Drei Bälle, drei Zylinder, drei Zigarrenkisten. Damit ist der Jongleur Kris Kremo weltberühmt geworden. Jetzt haben sich die Requisiten auf einmal verdoppelt: Im Frankfurter Varieté „Tigerpalast“ wirbeln sechs weiße Bälle durch die Luft, hüpfen sechs rote Zylinder herum, überschlagen sich sechs hölzerne Kistchen. Eine Nummer – zwei Jongleure. Das ist der neueste Kremo-Trick. Der alte König der Jonglage hat einen Prinzen auf die Bühne geholt, seinen Sohn Harrison.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Es ist übrigens die Bühne, auf der Harrison Kremo vor 19 Jahren getauft worden ist. Johnny Klinke, der Direktor des „Tigerpalasts“, ist sein Pate. Nun führt Harrison auf diesen Bühnenbrettern mit seinem Vater jene Nummer auf, die dieser schon vor Jahrzehnten mit seinem Vater dargeboten hat. Die gleichen drei Bälle, die gleichen drei Zylinder, die gleichen drei Zigarrenkisten. Und doch ist alles anders. Harrison ist von seinem Vater Kris Kremo nicht mit Strenge und zuweilen auch mit Schlägen zur Jonglage gezwungen worden, wie jener damals von seinem Vater Béla Kremo. Er hat das Spiel mit den Bällen, Hüten und Kistchen freiwillig gelernt, ohne Zwang.

          Der Sohn beherrscht all jene Tricks, die Kris Kremo seit fünf Jahrzehnten in den großen Zirkusarenen und Varietés der Welt präsentiert. Fast alle jedenfalls. Nur nicht den Dreifachspringer, also den Trick, bei dem der rote Zylinder dreimal hintereinander auf dem Kopf des Vaters aufspringt. Dafür kann Harrison im Gegensatz zu seinem Vater beim Jonglieren mit den Bällen über Kreuz wechseln. Mit seinen 67 Jahren will sich Kris Kremo diesen Trick nicht mehr antrainieren.

          Vater als heimlicher Zuschauer

          Beide, Vater und Sohn, haben mit dem Jonglieren jeweils im Alter von fünf Jahren angefangen. Erst ein Ball, dann zwei Bälle, schließlich drei. Jeden Tag ein paar Minuten trainieren. So sah das jedenfalls bei Harrison aus. Vater Kris Kremo hat schnell gemerkt, dass sein Sohn großes Talent besaß. Vor allem konnte Harrison auch nach längeren Pausen die erlernten Tricks wiederholen. Das, so sagt der Vater, sei ganz ungewöhnlich. Er selbst kannte in seiner gesamten Lehrzeit keine Pausen. Der Vater gab ihm einen strengen Plan vor, den Kris Kremo unter Androhung von Strafe erfüllen musste.

          Pas de Deux: Jonglage-Künstler Kris Kremo ist schon oft im „Tigerpalast“ als Künstler aufgetreten.

          Zehn Jahre lang hat der Altmeister damals als Kind und Jugendlicher hart trainiert. Trainieren müssen. Mit 15 erntete Kris Kremo zum ersten Mal Applaus bei einem Auftritt in einer Kindergruppe. Danach jonglierte er hin und wieder in einer Gala. Seinen ersten Auftritt mit seinem Vater bestritt er am 1. Juli 1970 im Luxor Theater in Rotterdam. Seine Solokarriere begann er im Februar 1975 beim Zirkus Krone in München.

          Im November jenes Jahres trat er im Palladium in London vor der englischen Königin auf. Dieser Tag hat sich besonders tief in sein Gedächtnis eingegraben – nicht wegen Queen Elizabeth II., sondern wegen seines Vaters. Der war bei der Generalprobe anwesend und machte den Sohn so nervös, dass ihm die ganze Nummer misslang. Zum Glück musste der Vater dann gehen, weil er ein Engagement an einem Theater hatte. Der Auftritt des Sohnes vor der Königin klappte ob der Abwesenheit des Vaters denn auch vorzüglich. Als die beiden Kremos sich später trafen, gratulierte der Vater dem Sohn – zum ersten Mal im Leben. Béla Kremo hatte sich heimlich eine Karte gekauft und Kris Kremo beim Auftritt beobachtet.

          „Papa, das ist ein toller Beruf“

          Auch Harrison erlebte mit 15 Jahren seinen ersten öffentlichen Auftritt. Ein Freund des Vaters, Betreiber eines kleinen Varietés in der Schweiz, hatte ihn eingeladen. Es war, wie Harrison sich erinnert, der pure Stress vor dem Auftritt, am liebsten wäre er weggelaufen. Doch dann ging das Licht an, die Musik setzte ein – und Harrison begann seine Nummer. Danach wurde er zum ersten Mal mit Applaus belohnt. „Papa, das ist ein toller Beruf“, sagte er auf der Heimfahrt zu seinem Vater.

          Der „Dreifachspringer“: Der rote Zylinder springt dreimal hintereinander auf dem Kopf auf – der einzige Trick, den Sohn Harrison nicht beherrscht.

          Mittlerweile hat Harrison den „Prix Walo“ in der Jugendkategorie gewonnen, den wichtigsten Preis des Showbusiness in der Schweiz, ist ein paar Mal in Galas aufgetreten und jongliert jetzt zusammen mit seinem Vater im „Tigerpalast“. Die beiden Kremos absolvieren in zwei Vorstellungen am Abend die wichtige Schlussnummer – und werden mit Applaus überhäuft. Für Sohn Harrison ist es ein großes Erlebnis, mit dem Vater aufzutreten, für diesen ein großes Glück, Harrison neben sich stehen zu haben.

          Zum ersten Mal erprobt haben sie die gemeinsame Nummer kürzlich im französischen Auxerre. Nachdem sie ihren Auftritt beendet hatten, entdeckten sie Margareta Dillinger, die künstlerische Direktorin des „Tigerpalasts“, vor der Bühne. Diesen Auftritt habe sie sich nicht entgehen lassen können, erklärte sie den verdutzten Kremos. Jetzt kann sie ihn zwei Mal am Tag genießen.

          Studieren statt Jonglieren?

          Ob er Artist werden wolle? Die Antwort Harrisons ist eindeutig: „Nee“. Er, der gerade sein Abitur gemacht hat, will studieren. Psychologie vielleicht oder Medizin. Auch Chemie kommt in Frage. Auftritte als Jongleur kann sich Harrison allenfalls am Wochenende vorstellen. Artist im Hauptberuf möchte er jedenfalls nicht werden. Dieser Entschluss findet auch die Zustimmung des Vaters: „Ich wollte nie, dass mein Sohn Jongleur wird.“ Er rate ihm absolut zu, ein Studium zu beginnen. Schließlich müsse Harrison in die Zukunft schauen. Und die sieht nach Meinung des Vaters für Artisten nicht rosig aus. Es gebe für sie immer weniger Auftrittsmöglichkeiten.

          Die Zeiten sind vorbei, da ein Kris Kremo sagenhafte zwölf Jahre lang als einer der Stars des Pariser Lido in Las Vegas im Stardust Hotel gastierte. Seine künstlerische Heimat ist heute der „Tigerpalast“, wo er seit fast 30 Jahren immer mal wieder zu sehen ist und wo er seine Frau und Mutter seines Sohnes, Elena Larkina, eine russische Reifenakrobatin, kennengelernt hat. Mit dem gemeinsamen Auftritt mit Harrison schließt sich nun ein Kreis. Vater und Sohn lassen gemeinsam die Bälle kreisen und die Zylinder tanzen. Wie damals, als Béla Kremo den Hut aufhatte. Nur ganz anders.

          Auftritte von Vater und Sohn

          Kris und Harrison Kremo treten noch bis zum 18. November im „Tigerpalast“ auf.

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