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Über Adorno und das Lachen Der Schriftsteller Wilhelm Genazino im Frankfurter Literaturhaus

12.11.2003 ·  Einen Humoristen kann man ihn wohl kaum nennen, diesen Theodor W. Adorno. Mit Sätzen wie "Fun ist ein Stahlbad" zieht er uns in der "Dialektik der Aufklärung" die Mundwinkel zu Boden. Lachen ist reaktionär, ...

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Einen Humoristen kann man ihn wohl kaum nennen, diesen Theodor W. Adorno. Mit Sätzen wie "Fun ist ein Stahlbad" zieht er uns in der "Dialektik der Aufklärung" die Mundwinkel zu Boden. Lachen ist reaktionär, verdummend, und man muß es wohl hinnehmen: Lachende Philosophen sind rar, enttarnen sie doch die vorgebliche Entlastung als Schein - um danach noch ernster zu sein.

Davon unbeeindruckt, hat sich der Schriftsteller Wilhelm Genazino, selbst zwischen Humor und Melancholie flanierender Beobachter des Schreibens und der Spaßgesellschaft, bei einem Vortrag im Literaturhaus auf die Suche nach dem Adornoschen Lachen begeben. Er hat es gefunden - auf Fotos mit schönen Frauen -, und er hat es schmerzlich vermißt. Denn so akribisch er auch geforscht hat, er stieß in den Werken nur auf mehr oder weniger abgemilderte Varianten des Verdikts "Vergnügtsein heißt Einverstandensein", wie es im Kulturindustrie-Kapitel der "Dialektik der Aufklärung" heißt - gespeist aus tiefer persönlicher Betroffenheit und lebenslangem Groll gegen Hegel, dessen Vermittlung des Allgemeinen mit dem Besonderen er grimmig entgegenhielt, die Kulturindustrie als falscher Versöhner im Dienste der Mächtigen arbeite in der Tat an der mentalen Übereinstimmung aller mit allem. "Wer heute noch lacht, tut dies um den Preis der Hoheit", zitiert der Schriftsteller aus der "Ästhetischen Theorie", Heiterkeit ist "schmatzend einverstandenes Behagen", liest man im Essay "Ist die Kunst heiter?" Ein befreiter Ort tatsächlicher Versöhnung, von dem aus sich lachen ließe, findet sich bei Adorno nicht.

Kapitulation wäre spätestens jetzt angebracht, aber Genazino, des Stolperns über Adornos Idiosynkrasien noch immer nicht müde, sucht weiter, als wäre das alles nur Maskerade. Und tatsächlich: Er findet sie, die "Latenz des Komischen bei Adorno", eine unfreiwillige Komik, die der Kontrolle des Philosophen entzogen ist. Etwa als der Exilant bei einem Hollywood-Besuch erleben muß, wie Charlie Chaplin ihn parodiert, nachdem er die Prothesenhand eines Kriegsversehrten geschüttelt und dazu eine bemüht verbindliche Grimasse aufgesetzt hat. Dankbar nimmt Genazino diese Episode zum Anlaß, das Lachen zu rehabilitieren, nennt es "nachträglichen Frieden mit allen Gescheiterten", geschaffen durch das "seelsorgerische Amt" des öffentlichen Unterhalters. Sehr fraglich jedoch, ob auch Adorno über dieses Erlebnis gelacht hat: "Ich vermute, er verzog keine Miene."

So bleibt es bei komischen "Schlupfwinkeln" wie etwa dem der "Negativen Dialektik" entnommenen Satz "Philosophie ist das Allerernsteste, aber so ernst auch wieder nicht", mit dem Genazino seinen Vortrag überschrieben hat. Hätte Adorno tatsächlich den Unernst der Philosophie erklärt, hätte er sie ernsthaft nicht mehr betreiben können, resümiert er. Die Einführung komischer Winkel hätte seine generelle Subjektverwerfung zunichte gemacht. Im Schlupfwinkel muß sie also stattfinden, die Versöhnung und Entbarbarisierung der Gesellschaft. Doch der bleibt so gut verborgen wie der Philosoph, der sich - einer Anekdote zufolge - schnell im Schrank versteckte, wenn unerwartet Besuch hereinkam. Hätte Adorno diese Flucht beschrieben, meint Genazino, er hätte bestimmt den Durchbruch zum komischen Text geschafft. KRISTINA MICHAELIS

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