24.02.2006 · Unter dem Motto „Freiheit für wen?“ diskutierten im Frankfurter Schauspiel Vertreter der Bühnenkunst, der Politik und Kritikerzunft über den Theaterskandal bei der Premiere des „Großen Massakerspiels“.
Von Claudia SchülkeEin Skandal gebiert den nächsten. Unter dem Motto „Freiheit für wen?“ diskutierten im „Zwischendeck“ des Frankfurter Schauspiels Vertreter der Bühnenkunst, der Politik und Kritikerzunft über den Theaterskandal bei der Premiere des „Großen Massakerspiels“ am Donnerstag voriger Woche, als Gast-Schauspieler Thomas Lawinky aus der Rolle fiel, dem F.A.Z.-Kritiker Gerhard Stadelmaier den Spiralblock entriß und ihn beschimpfte.
Eine Viertelstunde nach Mitternacht waren nun alle Teilnehmer zu Wort gekommen, da erhob sich im Publikum Rainer Witzenbacher, Leiter des Kurt Desch Theaterverlags, und beschwerte sich über die „Dreistigkeit“ des Regisseurs Sebastian Hartmann und über die „Unverantwortlichkeit“ der Theaterleitung.
Von den zwanzig Szenen des Ionesco-Textes seien in der Inszenierung nur vier übriggeblieben, so Witzenbacher, vom Text insgesamt nur etwa zehn Prozent. Nachdem er die Textfassung gelesen und die zweite Aufführung gesehen habe, sei er zu der Entscheidung gekommen, weitere Aufführungen zu verbieten - es sei denn, das Stück werde unter verändertem Titel und nicht mehr unter dem Namen Ionescos gespielt. Zudem müsse die letzte Szene, die mit einer Christusfigur Bezug auf ein Interview zwischen Ionesco und Ulrich Wickert nehme, gestrichen werden. Der Eklat war perfekt. Dabei hatte sich Witzenbacher doch schon vorher mit Schauspiel-Intendantin Elisabeth Schweeger auf ein klärendes Gespräch verabredet.
Wer den Text gelesen hat, muß dem Verlagsleiter recht geben. Zumindest in der zweiten Aufführung, zu der sich genauso viele Kritiker eingefunden hatten wie sonst zur Premiere, war das Ionesco-Stück kaum wiederzuerkennen. Regisseur Sebastian Hartmann mußte nun selber spielen, was er dem mittlerweile gefeuerten Lawinky zugemutet hatte. In der ersten Reihe harrte Kritiker-Altmeister und Ex-Intendant Günther Rühle seines Schicksals, während die aktiven Kollegen hinter seinem Rücken umherwanderten, um alles mitzubekommen, was sich, wie auf einer mittelalterlichen Simultanbühne, an verschiedenen Schauplätzen abspielte. Schon nach einer halben Stunde wurde der Stein des Premieren-Anstoßes, die Attrappe eines weißen Hühnchens, „geboren“ und in einem Kinderwagen spazierengefahren.
Nach 110 Minuten aus dem Geiste Artauds zogen Künstler und Zuschauer von der experimentellen Bühne in der Schmidtstraße 12 ins Große Schauspielhaus um. Hier füllte das Publikum um 23 Uhr nicht nur das Zwischendeck, sondern auch die Treppen des Foyers, an dessen Wänden der Skandal schriftlich dokumentiert war. Die Intendantin sprach von „medialem Bombenterror“ und von einem „Vorfall, der jedesmal passieren kann, wenn ein hochsensibler Schauspieler sein Innerstes nach außen kehrt“. Andererseits bekomme es der Kunst nicht gut, wenn die Integrität des Zuschauers verletzt werde. Inzwischen werfe sie sich vor, so Schweeger, unter dem Druck der Oberbürgermeisterin und der Medien nicht in der Lage gewesen zu sein, sich selbst mehr Spielraum zu geben.
„Jeder ist aus seiner Rolle gefallen“
Schauspielerin Anita Iselin, in der Inszenierung als Hühnermutter dabei, konnte über die „hochgespielten“ Ereignisse nur noch lachen. Ihr Regisseur dagegen war heiser, nachdem er am Kreuz so laut gebrüllt hatte. Hartmann empfindet „die ganze Sache als irrational“ und reagierte irritiert auf „den Sensationsjournalismus“. Jennifer Minetti versicherte den Kollegen die Sympathie von „Schauspieler-Heerscharen“. „Wir reden von Menschenwürde und sind noch nicht einmal in der Lage zu kommunizieren“, konstatierte Schweeger. Peter Michalzik, Kritiker bei der „Frankfurter Rundschau“, gab ihr mit Einschränkung recht: „Es wird von etwas gesprochen, das nicht im Zentrum der Angelegenheit steht, aber in den Medien einfach besser funktioniert als das künstlerische Ereignis.“
Die Grünen-Stadtverordnete Ann Anders hat recherchiert: „Es ist das erste Mal, daß ein Frankfurter Stadtoberhaupt so drastisch eingreift in den Kunstbetrieb.“ Es sei alles zu schnell gegangen am vorigen Freitag, eine Kettenreaktion habe den Druck aufs Theater erhöht. Tobias Wellemeyer, Generalintendant der Theater Magdeburg, wo Lawinky und Hartmann vorher zusammengearbeitet hatten, tat den Skandal als „Bagatelle“ ab und lobte das Schauspiel für sein Durchhaltevermögen.
Erstaunt über die Weise der öffentlichen Diskussion zeigte sich Rolf Bolwin, Geschäftsführender Direktor des Deutschen Bühnenvereins. Auch er findet das Verhalten des Schauspielers inakzeptabel. Aber es sei niemand dagewesen, um für Deeskalation zu sorgen. Bolwin appellierte an alle Beteiligten, „in einen offenen Zustand der Kommunikation einzutreten“, und Schweeger resümierte: „In dieser Geschichte ist jeder aus seiner Rolle gefallen.“