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Theater und mehr : Fräulein Henny und die schwarzen Jungfrauen

Demnächst wird hier getanzt: Praml-Schauspieler Michael Weber im Foyer der denkmalgeschützten Naxoshalle Bild: Wonge Bergmann

Lange Stücke, kurze Weile: Dem Theater Willy Praml gehen auch in der neuen Saison die Ideen nicht aus. Michael Weber, Schauspieler, Co-Planer und Bühnen- und Kostümbildner hat unter anderem ein säulendekoriertes Türkisch-Pop-Karaoke und eine Station aufgebaut, an der man das Binden eines Schleiers üben kann.

          Der Schiller-Merksatz „Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst“ hat, so sagt Willy Praml, heutzutage doch eher andersherum zu sein: „Theater ist Arbeit, auch für den Zuschauer. Und diese Problematik erschließt sich erst, wenn man sich auf sie einlässt.“ Wobei das nicht heißen soll, man könne nicht auch bei der „1002. Nacht“, so der Titel seines neuen Abends, nicht amüsieren. Michael Weber, Schauspieler, Co-Planer und Bühnen- und Kostümbildner des Theaters Willy Praml hat unter anderem ein säulendekoriertes Türkisch-Pop-Karaoke und eine Station aufgebaut, an der man das Binden eines Schleiers üben kann. Sogar die Goethe-Büste an der Bar trägt mittlerweile Kopftuch.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Für das neue Stück, das am Freitag Premiere hat, bespielen Praml und sein Ensemble zusammen mit elf Frauen zwischen 17 und 35 Jahren wieder die gesamte Frankfurter Naxoshalle, die sie normalerweise nur zu einem Teil vom Unternehmer Claus Wisser, dem Hauptmieter der Stadt, gemietet haben. An jeder Station können die Zuschauer einem der insgesamt zehn je 15 Minuten langen Monologe der „schwarzen Jungfrauen“ lauschen, die Feridun Zaimoglu und Günter Senkel von in Deutschland lebenden jungen extrem frommen Musliminnen für das Theater protokolliert haben.

          Viele Diskussionen während der Proben

          Dann schließt sich in der „1002. Nacht“ auf einem langen Theatersteg Hebbels Tragödie „Gyges und sein Ring“ an, in der die tiefreligiöse, stets verschleierte Rhodope sich umbringt, nachdem ihr Mann Kandaules seinem Freund Gyges erlaubt hatte, sie, durch einen Zauberring unsichtbar, in ihrem Schlafzimmer zu betrachten. Dabei werden die „Jungfrauen“, die bis auf eine selbst alle einen muslimischen Hintergrund haben, den Chor geben. Für Maryam Hayatshi, deren Monolog eine Rhodope sehr ähnliche Witwe vorstellt, die sich nach dem Verschwinden in Gott sehnt, ist das ein bizarres Erlebnis: Die gebürtige Iranerin, ausgebildete Schauspielerin, verließ vor 12 Jahren ihr Land, weil das Frauenbild dort jenem des Monologs allzu ähnlich sah. Nun hat sie ausgerechnet mit dieser Rolle zu ihrem Beruf zurückgefunden.

          Viele Diskussionen habe es während der Proben gegeben, sagen Weber und Praml. Denn die radikale Haltung der „Jungfrauen“, ihr zum Teil offener Antisemitismus und ihre Feindseligkeit gegenüber den „Schweinefressern“, in deren Land sie leben, tritt unverhohlen zutage. Auch das Publikum werde wohl mit seiner anerzogenen Rolle, im Theater nicht zu widersprechen, kämpfen, hofft Praml.

          Kuchen und Likör

          Neben dem Bühnen-Ernst hat die Heiterkeit aber viel Platz „auf Naxos“, denn das Theater hat sich allerhand Neues ausgedacht. Schon begonnen hat eine allmonatliche Klavier-Reihe, von der im Foyer ein mit grünem Flokati bedeckter Flügel zeugt. An diesem Sonntag wird er zum ersten Mal beiseite geräumt, für „Hennys Tanztee“ – mit Michael Weber und seinen Schauspielkollegen Reinhold Behling, Tim Stegemann und Birgit Heuser als „Eintänzern“.

          Jeden letzten Sonntag im Monat sollen Damen und Herren jeden Alters bei Kaffee, Kuchen und Likör das Tanzbein schwingen können – alternierend mit einer „Ü4-Disco“ für Familien. DJ ist jeweils Gregor Praml, Musiker und Sohn des Prinzipals. Vom Zwei-Projekte-Ensemble ist das Theater in der Naxoshalle zum Vollzeitbetrieb geworden, der auch national Geld eingeworben hat: Die „1002. Nacht“ ist das erste Projekt, das aus einer Förderung des Fonds Darstellender Künste mitfinanziert wurde, als nächstes will Praml Hölderlins „Hyperon“ in einen Theaterabend verwandeln. Das soll im März stattfinden.

          Holpriger Hirnholz-Boden

          Davor allerdings, in der ohnehin wegen der Kälte stets fälligen Winterpause, soll gebaut werden: Die Stadt, Eigentümerin der Halle, will sie so sanieren, dass sie den Brandschutzauflagen entspricht, außerdem sollen Sanitäranlagen, Türen und die Wärmeregelung im Foyer, in dem bislang gasbetriebene Heizpilze standen, verbessert werden. Aus der Stadtverwaltung hieß es, dabei solle nur das Nötigste geschehen. Das wird alle freuen, die ein wenig mehr Sicherheit und Komfort nicht ablehnen, es aber als regelrechtes Glück empfinden, dass es seit Jahren heißt, die durch die Industrienutzung geschädigte und lange vernachlässigte Halle sei nicht komplett zu sanieren, weil das viel zu teuer käme.

          Kein Parkett also für Pramls „Jungfrauen“ und „Hennys Tanztee“, sondern weiter der alte holprige Hirnholz-Boden, mit der aparten Geruchsmischung aus Altöl, Staub, Metall und Theaterluft. Dem Charme dieser Industrie-Kathedrale und ihrer unkonventionellen Foyer-Bar sind mittlerweile auch die Cello-Meister der Kronberg Academy erlegen: Ein Konzert des diesjährigen Festivals, mit Gary Hoffmann, Steven Isserlis, Nicolas Altstaedt und der Kremerata Baltica mit Gidon Kremer wird dort am 30. September stattfinden.

          Premiere der „1002. Nacht“ ist am 28. August um 19.30 Uhr, der erste „Tanztee“ findet am 30. August von 16 bis 19 Uhr statt, die erste „Ü 4-Disco“ ist am 13. September um 15 Uhr.

          Quelle: F.A.Z.

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