15.04.2007 · Eine makellose Produktion, in der Margit Sponheimer Glanzlichter setzte: Im Volkstheater Frankfurt hatte das Familiendrama „Schweisch', Bub'!“ Premiere.
Von Michael HierholzerIm Gleichtakt löffeln sie die „Markkleeßjersupp“, sobald der Vorhang aufgegangen ist. Aber es dauert nicht lange, bis Tante Anna das Wort ergreift. Nicht das erste Mal an diesem Tag, dürfen wir vermuten. Und sie nutzt, wie das Publikum nach dem fünften Aufzug weiß, noch vielerlei Gelegenheiten bei dieser häuslichen Konfirmationsfeier, um ihr lockeres Mundwerk zu üben. Auch wenn sie der Auffassung mehrfach Ausdruck gibt, ihr Mann Willi lasse sie einfach nicht zu Wort kommen.
Und trotz der Unmengen an Nahrungsmitteln, die sie im Verlauf der Festivität konsumiert. Kein Gemeinplatz bleibt ausgespart, keine Redensart ungesagt, keine Möglichkeit ausgelassen, eine Floskel anzubringen. Da unterscheidet sich die Tante nicht von den anderen Gästen und auch nicht von der immer am Rand des Beleidigtseins entlangsegelnden Mutter Gretl (Silvia Tietz) und dem dumpfen („Vergesst des Trinke net!“) bis aggressiv-aufbrausenden Vater Hans (Andreas Walther-Schroth). Aber Anna ist die uneinholbare Meisterin der banalen Rede. Alles gerät zur Phrase.
Gereift, aber nicht veraltet
Das ist urkomisch. Und tieftraurig. Denn der Redeschwall, der manchen Witz aus sich hervortreibt, beruht auf einem eingeschränkten Code. Er hangelt sich von einer Binsenweisheit zur anderen, erklärt das eigene Leben mit vorgestanzten Platituden und verbirgt, was tief im Herzen brodeln mag. Dass nicht sein kann, was so dahergesagt wird, offenbart etwa die Einlassung der erst seit einer Woche über den Seitensprung ihres Manns informierte Cousine Hannelore (Sabine Roller): Darüber sei sie jetzt hinweg.
Während die einen das Babbelwasser nicht halten können, wird der Hauptperson, Konfirmand Fritz (Pierre Humphrey), das Recht auf Teilnahme am ausschweifenden, alle möglichen Themen streifenden und verfehlenden Gespräch immer wieder brüsk verwehrt. Denn wenn er anhebt, um etwas zu sagen, muss er alsbald mit einem „Schweisch’, Bub’!“ rechnen. So heißt auch die hessische Fassung des Stücks von Fitzgerald Kusz. Am Volkstheater Frankfurt gibt es nun eine makellose Produktion dieses längst zum Klassiker gewordenen Werks zu sehen.
Ursprünglich hatte der Autor das gar nicht volkstümelnde Volkstheaterstück in fränkischer Mundart geschrieben, es wurde seither in 13 Dialekte übersetzt und hat, wie der bei der Premiere anwesende Schriftsteller selber sagt, mittlerweile Patina angesetzt. Das stimmt: Dieses Werk, das vor 30 Jahren erstmals auf Hessisch an Liesel Christs Bühne aufgeführt wurde, ist zwar gereift, aber keineswegs veraltet. Mit ein paar Strichen ließe sich eine Version herstellen, der man nicht anmerken würde, dass das fünf Akte umfassende Opus in den siebziger Jahren entstanden ist.
„Wart' nur, bis mer nach Haus komme“
Aber Regisseur Wolfgang Kaus, der auch für die Übertragung ins Hessische verantwortlich ist, hat darauf verzichtet, und so kann das Publikum feststellen, dass sich ein paar Einzelheiten geändert haben, nicht aber der Menschenschlag, der hier zu besichtigen ist, nicht die angespannten Situationen, die Familienfeste mit sich bringen, nicht die Vorurteile, mit denen die Leute durch die Welt gehen. Es ist nicht viel, was die Figuren, die Kusz geschaffen hat, von real existierenden Personen unterscheidet. Dieses Stück spielt hart an der kleinbürgerlichen Wirklichkeit. Bekannt, allzu bekannt sind die Beziehungsmuster, die Beschwichtigungen und Eskalationstendenzen.
Nach fettem Essen, dicken Torten, alkoholischen Exzessen sind alle erschöpft. Ein bisschen wird noch über die schon nach Hause gegangene Bekannte Gerda (verzweifelt dem Idealbild der Dame aus besseren Kreisen nacheifernd: Natascha Retschy) gelästert und deren Mann Manfred (williger Mitläufer beim Schnapsgenuss: Steffen Wilhelm) bedauert. Spätestens jetzt ist klar – aus diesem Leben gibt es kein Entrinnen. Man braucht sich. Man braucht diese unbehagliche Behaglichkeit.
Mit Margit Sponheimer ist die dauerbabbelnde Tante Anna grandios besetzt, und Walter Flamme als altersgeiler Onkel Willi, der seine dominante Frau auch mit frauenfeindlichen Sprüchen nicht in Schach halten kann, steht ihr in nichts nach. Die beiden schenken sich keine Verletzung, aber Annas Drohung „Wart’ nur, bis mer nach Haus komme“ verliert ihre Kraft, als sie ihren sturzbetrunkenen Gatten zum Schluss auf die Beine zu bringen versucht. Eine grandiose Szene. Plötzlich tritt zutage, was längst verschüttet schien: Zärtlichkeit.