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Theater Powerspiel

19.09.2006 ·  In seinem „Clavigo“ verfaßte Goethe das Spiel vom Zaudern des zur Liebe und zur Karriere begabten Mannes. Cornelia Crombholz inszeniert es am Staatstheater Mainz.

Von Florian Balke
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Jane Austen hätte genau gewußt, worum es Goethe in seinem „Clavigo“ ging: Das englische Original ihres letzten vollendeten Romans nannte sie im Jahr 1817 doppeldeutig „Persuasion“ und wies mit diesem ironischen Titel darauf hin, wie nahe an der „Überredung“ durch andere die eigene „Überzeugung“ liegen kann. In ihrem Werk ging es Austen noch einmal um klassische Fragen des 18. Jahrhunderts - die Selbstbestimmtheit des Individuums, die Freiheit der Liebeswahl, die Einbindung des Menschen in freundschaftliche Beziehungen.

Goethe hatte diese Themen in einem etwas tragischer gefärbten Kunstwerk schon ein Jahr vor Austens Geburt abgehandelt: Zur Spielzeiteröffnung des Kleinen Hauses hat Cornelia Crombholz sein Ende August 1774 in Hamburg uraufgeführtes Trauerspiel „Clavigo“ jetzt am Staatstheater Mainz inszeniert.

Schwanken und Zaudern

Es ist ein trauriges Seelenspektakel: Der spanische Dichter Clavigo liebt die Französin Marie, hat jedoch auch glänzende Aussichten am spanischen Hof. Er weiß nicht, was er will, daher läßt er für die Karriere im Staatsdienst zunächst einmal die als gute Partie unattraktive Ausländerin sitzen. Da ihm aber nicht klar ist, ob diese Entscheidung das ist, was er wirklich wollte, läßt er sich danach gleich zweimal zu Handlungen überreden, die seinem Empfinden zu entsprechen scheinen, obwohl sie es nicht tun: Auf Drängen von Maries Bruder gibt er dieser abermals ein Liebesversprechen, auf Drängen seines Freundes Carlos trennt er sich anschließend ein zweites Mal von ihr. Auf der Strecke bleibt seine von so viel Entschlußkraft gebeutelte Geliebte: Marie segnet das Zeitliche, erst über ihrem Sarg wird schließlich auch Clavigo klar, daß seine Liebesgefühle die wahre Wirklichkeit waren.

Cornelia Crombholz inszeniert dieses Stück vom Schwanken und Zaudern mit entschiedenem Zugriff. So betont sie anstelle des gehemmten Liebesdrangs des Helden den Sturm der reinen Gefühle, der im „Clavigo“ auch steckt. Goethe will das Drama kurz vor der Veröffentlichung der „Leiden des jungen Werthers“ in einer einzigen Woche im Mai 1774 niedergeschrieben haben. Am 1. Juni jenes Jahres schrieb er an Gottlob Friedrich Ernst Schönborn, es handele sich um eine „moderne Anekdote dramatisiert mit möglichster Simplizität“. Die auf diese Weise schon von Goethe selbst beglaubigte Konzision des dramatischen Stoffes und seine Zeitgenossenschaft stellt Crombholz in den Vordergrund ihrer Mainzer Inszenierung.

Dichterische Verrätselungsstrategien

Das, was der von Staatstheaterintendant Matthias Fontheim aus Graz nach Mainz mitgebrachten Regisseurin auf die Bühne kommt, ist einfach und ganz von heute: „Sex Love Passion“ steht auf dem T-Shirt der Sophie Verena Bukals, die zusammen mit ihrer von Katja Hirsch gespielten Schwester Marie gleich in der zweiten Szene im künstlichen Regen steht. Das Stück Vorstadtrasen, auf den das Wasser im Einheitsbühnenbild von Nikolaus Porz herniederprasselt, deutet mit heutigen Mitteln Maries bürgerlichen Alltag von damals an. Auch die von Crombholz über den Abend verstreuten Musikeinsprengsel lassen sich auf Goethe zurückführen: In seinen Regieanweisungen zum Sterben Clavigos läßt er die unvermittelt ins Trauerspiel einbrechende Schauspielmusik die Echtheit von Clavigos Liebe beweisen. In Mainz erinnert nun die Popmusik an das utopische Potential der Liebe oder daran, was hätte sein können.

Im zwölften Buch von „Dichtung und Wahrheit“ tat Goethe Ende 1812 so, als habe er im „Clavigo“ vor allem seinen Bruch mit Friederike Brion verarbeitet. Er bezeichnete das Drama als „selbstquälerische Büßung“ auf der Suche nach einer „innern Absolution“. Dabei dürfte diese scheinbare Erdung der Kunst im Erleben des Autors eher zu Goethes dichterischen Verrätselungsstrategien zu zählen sein. Den Clavigo Zlatko Maltars jedoch läßt Crombholz auf der Suche nach den eigenen psychischen Wurzeln nackt in der schlammigen Erde unter dem Rasen wühlen. Er findet sich erst im einsetzenden Regen, der ihm und Marie zum Finale Erde und Blut von den toten Körpern wäscht. Aber seinem zupackend in Szene gesetzten Zögern läßt sich derweilen gut zusehen.

Goethes „Clavigo“ in der Inszenierung von Cornelia Crombholz ist im Kleinen Haus des Staatstheaters Mainz auch am 21., 22., 24., 25., 28. und 29. September um jeweils 19.30 Uhr zu sehen.

Quelle: F.A.Z., 20.09.2006
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Jahrgang 1972, Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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