30.12.2005 · Als Robert Gernhardt jüngst im Frankfurter Theater Landungsbrücken las, glaubte er, dem Publikum auch „härtere Sachen“ zumuten zu können: Wer sich in dieses Theater begebe, in das „offste“ Frankfurts, halte das aus, sagte der Dichter.
Von Eva-Maria MagelAls Robert Gernhardt jüngst im Frankfurter Theater Landungsbrücken las, glaubte er, dem Publikum auch „härtere Sachen“ zumuten zu können: Wer sich in dieses Theater begebe, halte das aus, sagte der Dichter. Könnte sein, gehört es doch zu dem „Off-Charme“, den manches öffentliche Theater so gerne hätte, nach der Vorstellung auf den abgewetzten Sofas zwanglos über das Gesehene und Gehörte zu sprechen. Die 99 ausrangierten Bundeswehrstühle in der ehemaligen Fabrikhalle jedenfalls werden von ganz Jungen ebenso besetzt wie von älteren Erwachsenen, die das jüngste und „offste Theater“ der Stadt schätzen. Die Bilanz der insgesamt elf Mitglieder, die den Kern der Landungsbrücken bilden, fällt nach dem ersten Jahr positiv aus, im Jubiläumsflyer ist schon stolz der 5. November 2006 als zweiter Jahrestag vermerkt. Überhaupt ist das Theater nicht als Eintagsfliege gedacht, auch der Mietvertrag auf dem Milchsackgelände in der Gutleutstraße läuft lang genug, um eine Entwicklung zu ermöglichen.
Fast ein Dutzend Stücke haben die Theatermacher seit November 2004 zur Aufführung gebracht, begonnen mit Torge Küblers Inszenierung von Igor Bauersimas „Norway.Today“. Allein im ersten Monat gab es vier Premieren - ein aberwitziges Tempo, das laut Kübler, Gründungsmitglied der Landungsbrücken, auch der Tatsache geschuldet ist, daß die Kosten weiterlaufen, selbst wenn nicht gespielt wird. Und jeder, so sagt Linus König, der Regie führt und spielt, habe sich eben ausprobieren wollen. Dennoch: „Eigentlich hätte es gar nicht funktionieren können“, sagen die Organisationsleiter Kübler und König. Enorm viel gelernt hätten sie, nun gehe es an die Konsolidierung. Spiele sich der Betrieb erst einmal ein, so hoffen sie, auch mehr Freiheiten und Zeit für die künstlerischen Fragen zu gewinnen.
„Sehnsucht“ als gemeinsamer Nenner
Die standen, gemeinsam mit dem Wunsch nach einer neuen Struktur, am Anfang: König, Kübler und ihre Mitstreiter kennen sich schon länger, unter anderem hatten sie bei Willy Praml und bei der Dramatischen Bühne gearbeitet. Nach und nach wurde ihnen das freie Theater zum Beruf. Doch weil immer wieder Projekte scheiterten oder nicht dem entsprachen, was sie sich vorstellten, zogen sie im Frühjahr 2004 die Konsequenz. Was für ein Theater entstehen sollte, war Thema eines Diskussionsprozesses im Kern der Gruppe - der immer weitergehe, wie Kübler sagt. Einmal im Monat tagt das Plenum. Der „einzige gemeinsame Nenner“ aber sei wohl doch das Schlagwort, das sich auf dem Spielzeitplakat findet: „Sehnsucht“. Sehnsucht, sich in der Gesellschaft und der heutigen Zeit zu verorten, Sehnsucht auch der Theatermacher, sich auf der Bühne mit Aktualität auseinanderzusetzen - ob das mit einem „Don Carlos“, einem „Hamlet“ oder, wie zuletzt, mit dem zeitgenössischen Stück „Musterschüler“ ist.
„Versichern und verunsichern“ zugleich wolle das Theater, dessen Name „Landungsbrücken“ sowohl für das Ankommen, aber auch für den Aufbruch zu stehen scheint. Noch mehr Gemeinsamkeit brauchen die Projekte vielleicht auch gar nicht, die mit teils häufiger dort engagierten Schauspielern entstehen. Irgendwann, so die Hoffnung, sollen auch Helfer und Regisseure etwas mit den Landungsbrücken-Produktionen verdienen. Ansonsten arbeiten alle noch in anderen Kontexten oder Berufen - auch das, so König, trage zu den Erfahrungen bei. Die meisten Mitglieder, so sagen Kübler und König, beide von Hause aus Politikwissenschaftler, studierten noch, sie selbst gehören mit Anfang, Mitte Dreißig zu den Ältesten. Die Unterstützung von Stadt und Land für die Landungsbrücken beschränkt sich derzeit auf Projektmittel. An Projekten allerdings scheint auch im zweiten Jahr kein Mangel zu herrschen - abgesehen davon, daß die Landungsbrücken weiterhin auch ihr Repertoire pflegen wollen.