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Freitag, 17. Februar 2012
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Theater Kämpfer Hamlet und Märtyrerin Ophelia

03.07.2009 ·  Regisseur Harald Demmer hat die Shakespeare-Tragödie über den skrupulösen Dänenprinzen im Machtkampf des Hier und Heute, des Gestern und Morgen angesiedelt: „Hamlet“ - ein Protest-Event. Die Burgfestspiele von Bad Vilbel können durchaus politisch sein.

Von Claudia Schülke
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Etwas ist faul im iranischen Staat. Jedenfalls zog Jonas Baeck beim Schlussapplaus eine grün-weiß-rote Nationalflagge mit entsprechendem Emblem aus der schwarzen Hosentasche seines Hamlet. Ein Wink mit dem Zaunpfahl für alle, die nicht gemerkt haben sollten, wie aktuell diese Shakespeare-Premiere sein wollte, wie politisch die Burgfestspiele von Bad Vilbel sein können – ungeachtet des lauen Sommerabends mit mediterranen Snacks und dem unermüdlichen Buchfink zum Trotz, der im Geäst des alten Walnussbaums den Monolog über „Sein oder Nichtsein“ mit seiner stereotypen Strophe untermalte. Regisseur Harald Demmer hat die Shakespeare-Tragödie über den skrupulösen Dänenprinzen im Machtkampf des Hier und Heute, des Gestern und Morgen angesiedelt: „Hamlet“ – ein Protest-Event.

Deshalb ziert ein Mikrofon die Bühne, die Oliver Kostecka mit einer zentralen Freitreppe und einer Seitenstiege für die ineinanderfließenden Auf- und Abtritte eingerichtet hat. Über dieses Mikro liefern die Schauspieler ihre Sentenzen und geflügelten Worte ab, bis zu jenem berühmten „Rest“, der Schweigen ist und hier nicht vom sterbenden Hamlet, sondern von seinem zu kurz gekommenen Freund Horatio (Daniel Seniuk) gesprochen wird, bevor ein finsterer Fortinbras die neue Gewaltherrschaft übernimmt. Als Protest gegen ihren mörderischen Gatten Claudius (Volker Niederfahrenhorst) und um ihren Sohn zu retten, trinkt Königin Gertrud (Angelika Bartsch) – stets wie benommen zwischen Hoheits- und Schreckensstarre – auch das Glas mit dem vergifteten Wein bis auf den Grund aus.

Frivole Irre

Dem Titelhelden traut man ernsthaften Protest zunächst gar nicht zu. Jonas Baeck gibt sich als zarter Prinz mit gepflegtem Dreitageflaum und mit schwarzer Intellektuellen-Uniform über der schmächtigen Brust die Ehre. Die Springerstiefel sind ihm eindeutig zu groß. Aber der kleine Hamlet wächst erschreckend in sie hinein. Zuerst als bizarrer Hofnarr, der den berühmtesten seiner Monologe als Rocknummer aufführt, später als Athlet im Fechtkampf gegen den Brausekopf Laertes (Daniel Mutlu), der seinen Vater Polonius und seine Schwester Ophelia rächen will. Zuletzt ist dem revoltierenden Dänenspross so der Bizeps geschwollen, dass er dem Mörder seines Vaters, Usurpator Claudius, mit bloßen Händen das Genick bricht – zumindest lässt die martialische Tonkonserve darauf schließen.

Diesem kämpferischen Hamlet steht eine verzweifelte Braut zur Seite, die ihm energetisch verwandt ist: Magdalena Helmig tritt als Ophelia mit Kampfgeist auf. Die Tochter des intriganten Schaumschlägers und Staatsrats Polonius (Volker Weidlich) will kein passives Opfer sein. Sie verliert zwar wie bei Shakespeare den Verstand, als Hamlet ihren Vater tötet, aber sie geht oder fällt nicht ins Wasser, um als schöne Leich’ blumenbekränzt den Bach hinabzutreiben. Gerade treiben lässt sie sich nicht. Sie handelt: übergießt sich auf den Wasserburgmauern mit Benzin und zündet sich hinter der Bühne an, dass die Flammen nur so emporlodern. So macht der Regisseur die flirtende Unschuld vom Hofe, die frivole Irre am Mikrofon zuletzt zur Märtyrerin wie die iranische Opposition ihre Neda.

Titelheld fuchtelt mit Revolver

Die Inszenierung betont das kriegerische Element. Musik (Bernd Keul) und Kostüme (Marion Hauer) bilden die martialische Grundierung dieser Aufführung. Ein Polizeistaat wie dieser lässt kaum Raum für positive Impulse und liebliche Gefühle. Einzig im Gespräch zwischen Hamlet und seiner Mutter machen sich Zärtlichkeit und Sorge umeinander bemerkbar. Warum der Titelheld die ganze Zeit mit einem Revolver fuchtelt und Polonius auch damit erschießt, dann aber doch zum altväterlichen Degen greift, wird nicht ganz klar. Ist das ein ungewollter Anachronismus, oder verliert Hamlet mehr und mehr die Distanz zur Gewalt, bis er statt mit Waffen mit eigenen Händen mordet? Skrupulös wirkt er nie. Wo nur die Gewalt regiert, werden eben auch die Opfer zu Tätern und die Märtyrer zu falschen Alibis.

Weitere Vorstellungen am 03., 27. und 28. Juli sowie am 6. und 7. August, jeweils um 20.15 Uhr.

Quelle: F.A.Z.
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