11.05.2006 · In Harold Pinters Einakter „Der Liebhaber“ mimt ein Ehepaar Untreue: Wolfgang Spielvogel bringt den modernen Klassiker jetzt in der Frankfurter Brotfabrik auf die Bühne.
Von Kirsten WächterAuf einem großflächigen Sofa sitzt eine kleine, zierliche Frau, der dunkle Haarzopf fällt weich in ihren Nacken. Ohne zu lesen, blättert sie in einer Illustrierten, unaufgeregt begleitet die Bewegung ihres Kopfes das geräuschvolle Umwenden der Seiten. Sarah, auf der Theaterbühne der Frankfurter Brotfabrik gespielt von Sandra Baumeister, ist das Warten gewohnt.
Ihr Leben als haushaltende Ehefrau ist geregelt, verläuft in ruhigen Bahnen. Nach Sonnenuntergang wird ihr Ehemann Richard aus dem städtischen Büro zurück ins dörfliche Zuhause kommen. Er wird in einem leicht zerknitterten Anzug ins Zimmer treten, im Vorbeigehen einen Drink an der Bar nehmen, sich zu seiner geliebten Ehefrau auf das Sofa setzen und fragen: „Wie war dein Tag?“
Wer allerdings die frühen Theaterstücke des Literaturnobelpreisträgers Harold Pinter kennt, weiß, hinter solch banalem Alltagsdialog lauert ganz gewiß ein schnurrendes Biest. Auch Sarah und Richard in Pinters „Der Liebhaber“ (1963) sind kein alltägliches Paar, das angesichts einer zehn Jahre währenden Ehe die Segel streichen würde. Auch sind Pinters Figuren keine gewalt- und spracheskalierenden Zerfleischungsmonster, wie sie Edward Albee mit Martha und George in seinem Theaterstück „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ aufeinanderhetzt. Sarah und Richard kämpfen spielend um ihre Liebe, in einem ausgeklügelten Planspiel um Amüsement und Toleranz.
Hure und Heilige
Mit banalem Ehebruch jedenfalls geben sich die beiden nicht zufrieden: Ihr durchaus abgründiger Witz steckt in der Vielschichtigkeit. Wenn Richard nämlich im Lauf des allabendlichen Sofa-Dialogs sehr höflich nach dem gärtnernden Geliebten seiner Frau fragt: „Hast du deinem Liebhaber den Rosenstock gezeigt?“, dann fragt er nämlich nach sich selbst. Richard, in der Rolle des Geliebten, der sich nachmittags ins eigene Haus schleicht, um Sarah mal als Prostitutierte, mal als schöne Fremde zu verführen.
Hure und Heilige, High-Heels und Hausschuhe. Zwischen kurzem Kleid und Frottee-Bademantel, zwischen anschmiegsamem Frauenkörper und elektrischer Zahnbürste hat der Regisseur Wolfgang Spielvogel, im Frankfurter Raum vor allem bekannt für die Umsetzung eigener Stücke, eine karge Inszenierung um ein einziges Sofa präsentiert, die nur vom Zwischenspiel eines Akkordeons unterfüttert wird. Der verräterischen Pinterschen Stille zwischen den Sätzen gibt die Regie damit Raum, wie Spielvogel auch den Darstellern Zeit zur Entfaltung ihrer Rollen einräumt.
Freilich trifft er damit ins Mark des Stücks, steht und fällt eine Pinter-Inszenierung doch mit ihren Schauspielern. Sandra Baumeister und Christof M. Fleischer als Richard finden Formen, die Inszenierung speist sich vor allem aus dem guten Zusammenspiel der beiden Darsteller. Das gefundene Fressen aber haben die Darsteller zwar erblickt, müssen es leider dennoch auf dem Buffet stehen lassen.
Schwindelerregende Doppelbödigkeit
Pinter schreibt Rollen, die geradezu nach phantasiereicher Verstellungskunst verlangen. In der Brotfabrik werden Haltungen zwar angedeutet, bleiben aber ohne Folgen, wie Alkohol, der nicht betrunken macht: Es fehlt dem Spiel die logische Konsequenz, die Inszenierung wirkt nicht uninspiriert, aber zu familienfreundlich. Dennoch gelingen schöne Momente.
Wenn Sarah etwa von Liebeskummer erfaßt wird, weil ihr Liebhaber das Ende der Affäre erwägt, und Sandra Baumeister dieses Verlassenheitsgefühl in die Begegnung mit ihrem Ehemann Richard trägt, gewinnt die Szene eine schwindelerregende Doppelbödigkeit, stellen sich endlich die Fragen nach Rolle und Identität.