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Theater Gruppenbild mit Infantin

25.09.2006 ·  „Don Karlos“ von Schiller in Michael Helles ebenso sparsamer wie eindringlicher Inszenierung war die erste Schauspiel-Premiere im renovierten Darmstädter Staatstheater.

Von Roman Weigand
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Auch das Schauspiel ist zurück. Schon am Freitag hatte die Oper mit einem Doppelabend feierlich das Große Haus des Darmstädter Staatstheaters nach der Renovierung bezogen. Am Samstag nun folgte das Schauspiel, das mit Schillers „Don Karlos“ an seinen angestammten Ort zurückkehrte. Ganz reibungslos verlief die erste Bewährungsprobe im Kleinen Haus nach zwei Jahren Bauarbeiten und Exil in den neuen Kammerspielen allerdings nicht.

Als das akademische Viertel verstrichen war und sich auf der Bühne nichts regte, wurden die Zuschauer mit dem Hinweis, es gebe Kabelprobleme, zunächst wieder zum Sektempfang gebeten. Eine nicht unwillkommene Gelegenheit, noch ein Gläschen zu nehmen und sich dabei eingehender mit den baulichen Neuheiten, dem imposanten Portal aus weißem Beton, der ausladenden Dachterrasse, dem flutend hellen Foyer vertraut zu machen.

Morbider Schleier der Vergangenheit

Um so stärker fiel im Anschluß auf, wie sehr Achim Römers Bühnenbild die sachlich elegante Architektur des Entrees weiterdachte: schlichte weiße Flächen auf dem Boden und an Wänden, nicht mehr, nicht weniger - als hätte man den äußeren Guckkasten über dem Eingang des Staatstheaters direkt bis zur Bühne verlängert. Eine klare Ansage von Regisseur Michael Helle: kein Pomp, keine kulinarische Optik, keine übermäßigen Gefühlswallungen. Wer Schillers opulentes dramatisches Gedicht gern als mehrstündige, nicht enden wollende Raserei enttäuschter Liebender und gepeinigter Höflinge, politischer Visionäre und leidender Söhne gesehen hätte, wurde enttäuscht. Helle hat die Sparsamkeit zum Prinzip erhoben.

Die wenigen Ausbrüche, die er seinen Figuren erlaubt, sind wohlkalkuliert. Zu Beginn etwa. Schweigend, in bläulich violettes Licht getaucht, beziehen die Charaktere Position zum Gruppenbild mit Infantin. Ein leises ostinates Gitarren-Pattern setzt ein, das über Minuten von Schlagzeug und Baß unterstützt zu einem verzerrten Klangrausch anschwillt. Die Szene atmet Kälte und Coolness zugleich. In David-Lynch-Ästhetik legt sich über die Familienaufstellung der morbide Schleier der Vergangenheit, Vergänglichkeit, des Endes, ja der allgegenwärtigen Inquisition. Bis Karlos ausbricht.

Wild entledigt er sich plötzlich seines Sakkos, reißt das weiße Hemd auf, wirft seine Schuhe durch die Gegend und bleibt schließlich am Rand der Bühne sitzen, den Kopf auf den Arm gestützt - ein Irrer, ein Grübler, ein Leidender? In jedem Fall einer, der anders ist, der nicht dazugehört. Martin Maria Eschenbach gibt seinen Don Karlos selten als einen wirklich Verzweifelten, eher als einen Naiven, einen Nonchalanten mit Hosenträgern, einen Empfindsamen mit geöffneter Bluse. Anders als der männliche Hofstaat, die zugeknöpften Granden mit ihren dunklen Maßanzügen, denen die Etikette der Managementetagen noch die letzte Gefühlsregung ausgetrieben hat, gibt er sich leicht- und barfüßig, manchmal wehmütig und oftmals erstaunlich frech.

Vorstellungsgespräch mit zurechtgerückter Krawatte

Um die Liebe der Königin, seiner Stiefmutter und ihm vormals zugedachten Frau, wirbt er erstaunlich offensiv, bedrängt sie, treibt sie physisch in die Enge. Seinen Vater verhöhnt er, indem er „Ich liebe meinen Vater“ mit weißer Farbe auf die ebenso weiße Rückwand sprüht. Herzog Alba überwältigt er nach kurzem Kampf durch eine kecke Liebkosung. Wirklich fühlend aber wirkt er nur in den Armen von Prinzessin Eboli. Die von Christina Kühnreich stimmig und emotional überzeugend dargebotene Intrigantin ist ein bißchen wie der Infant selbst, ein Opfer von Machtnotwendigkeiten und unerfüllter Liebe.

Dabei sollte Karlos der tugendhaften Königin und den politisch-humanistischen Idealen seines Jugendfreundes näher sein. Doch so richtig ernst scheint es auch dem von Tino Lindenberg leger gespielten Marquis von Posa um Freiheit und Freundschaft nicht zu sein. Posas Monolog über Zufall und Zwecksetzung rauscht eilig vorbei. Und auch die zwischen Karlos und dem Marquis schon im Kindesalter vollzogene Verbrüderung unter Gleichen macht trotz des messianischen Opfers Posas nicht den Eindruck, Schillers hehre Geschichtsphilosophie im Kleinen exerzieren zu wollen. Vor allem der Dialog zwischen Posa und Philipp II., in dem die idealistische Spekulation mustergültig auf die unmenschlich kalte Staatsräson trifft, gerät zum Vorstellungsgespräch mit zurechtgerückter Krawatte. Es ist der Schauspielkunst Uwe Zerwers zu danken, daß sein Nadelstreifenkönig, obwohl äußerlich ruhig in den Sessel drapiert, durch minimale Gesten, wie etwa das nervöse Spiel seiner Finger, eine Ahnung menschlicher Zerrissenheit zu vermitteln vermag, die Rückschlüsse auf das unerhörte Geschehen um ihn herum zulassen.

Hier ist es der Inszenierung gelungen, durch Reduktion eine eindringliche Intensivierung zu erreichen. Die Fassungslosigkeit des Königs, der den toten Posa aus Selbst- und Menschenliebe herzt und ohrfeigt wie einen Sohn, bevor er seinen eigenen opfert, sagt mehr über die Befindlichkeit des modernen Menschen als Helles Verweise auf Guantanamo oder den Gestus der Werbung. Die Darmstädter Inszenierung verzichtet mutig auf die große Geste, wohl wissend, daß diese schwer zu ersetzen ist.

Nächste Vorstellungen am 29. September und 30. September, jeweils 19:30 Uhr.

Quelle: F.A.Z., 26.09.2006
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