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Theater Glückssucher, erfülle dein Geschick

26.06.2009 ·  Menschen sind manchmal sehr begriffsstutzig: Das beweist in Bad Hersfeld Kleists Ritterschauspiel „Das Käthchen von Heilbronn“. Den ernsten Kern des Schauspiels, die Bestimmung des Käthchens und des Grafen füreinander, die der Edelmann sich so lange nicht eingestehen mag, hat man in Bad Hersfeld nicht ins Lächerliche verspielt.

Von Hans Riebsamen
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E.T. hat im Kino die Welt bezaubert und ist beileibe nicht der einzige Außerirdische, der uns auf der Leinwand erschien. Aber was der Filmkunst recht ist, kann das Theater schon lange. Heinrich von Kleist, der ohnehin gegen die Diktatur der reinen Vernunft opponierte, hat in seinem historischen Ritterschauspiel „Das Käthchen von Heilbronn oder die Feuerprobe“ einen Cherub nach Schwaben geschickt, der den Grafen vom Strahl mit dem Käthchen verkuppelt.

In der Stiftsruine von Bad Hersfeld hat sich dieser Engel hoch hinauf geschwungen auf die seitliche Außenmauer der romanischen Kirche. Er ist nicht der sanfte Schutzengel, dem wir uns zu Kinderzeiten anvertrauten; in der Inszenierung von Johanna Schall kann sich dieser Himmelsgeselle durchaus resolut geben. „Vertraue! Vertraue! Vertraue!“, brüllt er den Grafen Friedrich Wetter an, der seine innere Bestimmung für das angebliche Töchterchen des Heilbronner Waffenschmiedes Theobald Friedeborn, das in Wahrheit einem Fehltritt des Kaisers entsprungen ist, einfach nicht zu akzeptieren vermag.

Unvermeidliche Sonnenbrillen

Für seinen großen Auftritt zur Rettung des Käthchens aus den Flammen hat sich der Cherub seine überdimensionierten Sonntagsflügel aufgesteckt. „Sprich, ist es Liebe, was hier so brennt“, trällert er bei seinem Einflug mozartisch vor sich hin. Nein, es ist bis dahin nur die Burg Thurneck, die brennt. Besitz der Kunigunde, des bösen Weibes, das bei Kleist eigentlich eine Art mittelalterlicher Roboter aus Ersatzteilen ist, in Bad Hersfeld aber ein Zwitter mit schönen Haaren oben und unten mit einem mächtigen Gemächt. Die Regisseurin selber ist in die Haut dieser falschen Intrigantin geschlüpft, sie spielt diese herrisch-verschlagene Kunigunde sehr ironisch – wie überhaupt ihre ganze Inszenierung eine oft leichte, ironische Note trägt.

Schließlich kann man das ganze Drum und Dran von Kleists Schauergeschichte nicht mehr so ganz ernst nehmen. Femegericht, Ritterspektakel, Giftanschlag, Kaiser-Bankert: das sind alles Versatzstücke, die Kleist dem Boulevard seiner Zeit entnommen hat. Und deshalb hat man in Bad Hersfeld auch gut daran getan, sich aus dem Rittergerümpel an vielen Stellen einen Spaß zu machen, der nur ausnahmsweise die Grenze zum hirnlosen Klamauk überschreitet. Besonders gefallen die Szenen, da in einer Art Scharade die Briefe verwechselt werden, und jene, da sich Kunigunde und Käthchen im Bad begegnen. Altdeutsch ist in dieser Inszenierung nichts mehr, in Bad Hersfeld tragen die Ritter keine Eisenrüstungen, sondern Räuberzivil und die unvermeidlichen Sonnenbrillen, die seit langem Mode sind auf Bühne und Leinwand.

Männliche Aura

Den ernsten Kern des Schauspiels, die Bestimmung des Käthchens und des Grafen füreinander, die der Edelmann sich so lange nicht eingestehen mag, hat man in Bad Hersfeld nicht ins Lächerliche verspielt. Claudia Graue freilich kann dem Käthchen nicht immer die Unbedingtheit geben, mit der dieses Geschöpf der gläubigen Einfalt alle Ablehnung durch den ihr bestimmten Mann und alle Verwunderung der Welt über ihr wunderliches Verhalten durchsteht. So fremd sind uns heute solche Frauenfiguren, dass es für eine Schauspielerin überaus schwer ist, für sie den richtigen Ausdruck zu finden.

Den Wetter vom Strahl zu geben, der sich in den Krieg stürzt, um seiner inneren Verwirrung zu entkommen, fällt einem Schauspieler dafür um so leichter. Den wie Wetter verhalten sich Männer auch heute noch. Robert Gallinowski, ein Darsteller mit männlicher Aura, gibt den Grafen ausdrucksvoll und wortstark. Dass er nicht zuletzt seines Namens wegen – sein Gesicht kennt der gemeine Zuschauer aus dem „Polizeiruf 110“ und anderen Fernsehsendungen – zu den Festspielen gerufen wurde, kann ihm, der sich so oft schon auf der Bühne bewiesen hat, niemand vorwerfen.

Christliches Engelsmärchen

Kleists Ritterwelt dreht sich in der Stiftsruine im Kreise – dank einer eigens installierten, schräg angebrachten Drehbühne mitten auf der normalen Riesenbühne zwischen den Wänden der Stiftsruine. Von einem Ort zum anderen schreitet so die Handlung mühelos voran, die Protagonisten springen vor der Höhle des Femegerichts auf und werden leicht zur Köhlerhütte im Wald, zur Strahlenburg oder sonst wohin getragen. Diese Regie- und Ausstattungsidee bringt Kurzweil in das Schauerstück, das in Wahrheit doch ein Märchen ist, ein christliches Engelsmärchen, an das wir auch nach dieser Aufführung nicht recht glauben können. Denn das, was scheinbar nicht von dieser Welt ist, die Engel oder die göttliche Bestimmung, vermögen wir wohl nicht mehr zu hören. Der rumänische Philosoph Andrei Pleu hat denn auch sein wunderbares Buch über die Cherubim „Das Schweigen der Engel“ genannt. Er und Kleist hätten sich wohl wunderbar verstanden.

Weitere Aufführungen am 28.6., sowie am 1., 4., 8., 14., 17., 21., 27. und 30. Juli um 21 Uhr, ferner am 11. Juli um 21.30 Uhr und am 12. Juli um 17 Uhr. Karten sind unter der Rufnummer 0 66 21/ 20 13 60 erhältlich.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1954, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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