Nicht irgendein Engel, nein, ein Cherub ist es, der die Pubertierende aus den Flammen herausführt, in die hineinzugehen eine reifere Dame sie aufgefordert hatte – in der niederträchtigen Hoffnung, das reine und aufrichtige Wesen für immer loszuwerden. Katharina, allgemein nur Käthchen genannt, ist in dem Alter, in dem wir auch Märchengestalten wie Rotkäppchen oder Schneewittchen vermuten dürfen, eigentlich also ist sie noch ein Kind, aber sie steht an der Schwelle zum Erwachsenwerden, und die Abenteuer, in die sie gerät, sind so etwas wie Initiationsriten, Verwirrungen und Verstrickungen im einem Zwischenreich, das nicht mehr Mädchenphantasie und noch nicht Frauenwelt ist. Im Großen Haus des Frankfurter Sprechtheaters hatte jetzt eine Version des von Kleist als „Großes historisches Ritterschauspiel“ bezeichneten Stücks Premiere, die auf die märchenhaften, archetypischen Züge dieses Werks vertraut und es so für Kinder von sieben Jahren an genießbar macht.
Ein nicht ganz unbedenkliches Unterfangen. Schließlich gilt es, recht komplizierte dramatische Sachverhalte szenisch umzusetzen. Da gibt es etwa Dokumente, Besitzansprüche an einer Burg, Fehden und andere mittelalterliche Motivketten, die zu verstehen schon geübten Theatergängern schwerfällt. Der Text, den der unklassische Klassiker hinterlassen hat, bietet schon genügend Inszenierungsschwierigkeiten, wenn man ihn für das volljährige Publikum aufbereitet.
Das Drama beginnt
Jens Groß, der das gewichtige Werk bearbeitet hat, und Christiane J. Schneider, die Regie führte, haben es freilich geschafft, die Geschichte locker und leicht zu erzählen, ohne ihren Kern, ihren Gehalt, ihre Poesie, ihren märchenhaften Charme, ihr frühneuzeitliches Kolorit aufzugeben. „Das Käthchen von Heilbronn“ in dieser Fassung, die sich im Grund, im Geist, in der atmosphärischen Durchdringung durchaus an die Vorlage hält, macht den kleinen wie den großen Zuschauern gleichermaßen Vergnügen. Hin und wieder setzt es auch ein paar Originalzitate, und der fortgeschrittene Schauspielbesucher darf sich an der unverwechselbaren Kleistschen Diktion erfreuen. Allerdings bleibt es bei einer verträglichen Dosierung.
Es wird viel erklärt in der Vorstellung, und sei es von einem leibhaftigen Engel, der von anderen und sich selbst freilich immer grammatikalisch falsch im Plural „Cherubim“ genannt wird, wo er doch ein Einzelgänger ist. Ein Blick in „Wikipedia“ hätte für die Erkenntnis genügt, dass es bei Kleist schon richtig „Cherub“ heißt und es sich dabei nicht etwa um eine Sprachaltertümlichkeit handelt. Aber wir wollen darüber ebenso hinwegsehen wie über das Phänomen, dass ein mächtiger Engel auf deutschen Bühnen, offenbar von Hollywood inspiriert, kaum anders denn als Buffo-Heiligenscheinträger ins Bild rücken darf. Denn dieser Paradieseswächter trägt zu einem nicht unerheblichen Maß zur Heiterkeit gerade der jüngsten Zuschauer bei. Ganz am Anfang sitzt er auf seiner Wolke, schmettert wie einst der Bayer im Himmel sein „Halleluja“ und isst dabei genüsslich eine Wurst. Dann aber fällt er vom Himmel, und das Drama beginnt.
Leslie Malton brilliert
Die Engelsrolle, in der Felix von Manteuffel mit derber Freundlichkeit zum Publikumsliebling avanciert, ist der stärkste Eingriff, der Groß dem Werk angedeihen ließ. Bei Kleist agiert der Engel stumm, indem er die schützende Hand über Käthchen im brennenden Schloss hält, während er hier zur Leitfigur, zum Erzähler, zum allgegenwärtigen Deuter des Geschehens wird. Er schickt auch den Doppeltraum, den Groß zum Mittel- und Ausgangspunkt der Handlung macht. Da hängen Käthchen, von Nadja Dankers als realistische Träumerin verkörpert, und Friedrich Wetter, Graf vom Strahl, den Bert Tischendorf als Edelmann der sagenhaften, von keiner banalen Wirklichkeit angekränkelten Art gibt, in ihren Betten und träumen voneinander.
Nur Käthchen erkennt später ihren Ritter, als dieser tatsächlich in ihres Vaters Werkstatt tritt, um die Rüstung reparieren zu lassen. Friedrich braucht noch knapp anderthalb Stunden, um zu begreifen, dass das Mädchen aus dem Volk, bei Kleist in Wahrheit die Tochter des Kaisers, ihm zur Frau bestimmt ist. Denn Kunigunde von Thurneck, eine Hexe, die durch allerlei Tricks immer wieder zur Schönheit mutiert, vernebelt ihm in der Zwischenzeit das männliche Hirn. Leslie Malton brilliert in dieser Rolle. Uns gefällt sie, wir gestehen es, in ihrer schillernden Bosheit am besten. Die Kinder jedoch ließen keinen Zweifel daran, wem ihre Sympathien gehörten. Und applaudiertem dem lieben, guten, wahren Käthchen, wenn es endlich seinen Ritter bekommt.

