30.03.2007 · Der junge Heinrich von Kleist hat sich bei seiner „Familie Schroffenstein“ ungern genau fixiert. Solch jugendliche Unentschiedenheit kam Regisseur Simon Solberg gerade recht, wie die Inszenierung am Schauspiel Frankfurt zeigt.
Von Claudia SchülkeSelig sind, die bei Bedarf Ohropax aus der Tasche ziehen – so lässt sich das Saison-Motto des Schauspiels Frankfurt in der Schmidtstraße 12 abwandeln. Schon beim Einlass in die Experimentierbühne prasselte Höllenlärm auf die Zuschauer nieder, betäubt sank man auf den nächstbesten Platz. Florian Dreßler und Florian Wäldele bearbeiteten diverse Klang- und Krachobjekte, zwei Blechmänner eben, früher „Ritter“, heute „Percussionists“ genannt.
Heinrich von Kleist hat seinen dramatischen Erstling ohnehin nicht zeitlich fixiert. „Die Familie Schroffenstein“ hatte sich im Kopf des Dichters Anfang des 19. Jahrhunderts als französischer Adel zusammengebraut, lebte in der ersten Fassung als „Familie Ghonorez“ in einem mythischen Spanien und war zur Grazer Uraufführung 1804 ins ritterliche Schwaben eingewandert.
Höllenmaschinerie der Blutrache
Solch jugendliche Unentschiedenheit kam Regisseur Simon Solberg gerade recht. Kaum selber dem Assistenten-Dasein entwachsen, hat er sich der fünfaktigen Mantel-und-Degen-Liebestragödie aus dem Geiste Shakespeares und Schillers in kurzweiligen anderthalb Stunden angenommen. Schicksalsgetrieben wie Wallenstein bekämpfen sich die beiden verfeindeten Sippenoberhäupter Rupert und Sylvester Schroffenstein; bedingungslos liebend wie Romeo und Julia finden Ruperts Sohn Ottokar und Sylvesters Tochter Agnes den Tod.
Die Wurzel des Übels ist ein Erbvertrag, der beim Aussterben des einen Familienzweigs den Gesamtbesitz dem anderen zuspricht. Wechselseitiges Misstrauen und hartnäckiges Schweigen tun das Ihre, um die Höllenmaschinerie der Blutrache und Familienfehde in Gang zu setzen und zu halten, bis die Eltern sich über den Leichen ihrer Kinder versöhnen.
Keine Versöhnung, sondern Firmenfusion
Diesmal allerdings gibt es keine Versöhnung, sondern eine Firmenfusion und 6000 entlassene Mitarbeiter. Schroffenstein & Schroffenstein beherrschen nämlich die Stadt, Rupert mit seiner Baufirma, Sylvester mit seiner Drogeriekette. Die beiden Clans bewohnen je eine roh gezimmerte Doppelhaushälfte, die ihnen Sebastian Hannak entworfen hat. Auf dem Dach planen Ottokar und Agnes ihre gemeinsame Zukunft. Stefko Hanushevskys physische Wendigkeit ist man gewöhnt, aber wenn auch Ruth Marie Kröger wie ein Luftgeist über die Latrine bis in die Mülltonne turnt, stockt einem der Atem. Auch Sebastian Schindegger als Ruperts unehelicher Sohn Johann und Bert Tischendorf als Jeronimus geistern schwerelos über die Spielfläche, bevor sie zu Boden gehen.
Roland Bayer schlüpfte in die Rollen des unversöhnlichen Rupert und des ruhebedürftigen Sylvester, ihre gegensätzlichen Frauen, die versöhnliche Eustache und die hetzende Gertrude, spielt Sascha Icks. Anders als bei Kleist tötet hier die verblendete Mutter ihre eigene Tochter. Überhaupt diente der Dichter dem Regisseur eher als Vorwand, waren die klassischen Jamben nur Ausgangsmaterial für eine eigene Textversion. Wer sich nach ersten Frusthürden allerdings auf das kommunikationsgestörte Körper-Konzept eingelassen hatte, musste dessen Schlüssigkeit bewundern.