Es rumort eigentümlich. Minutenlang hallen im nahezu abgedunkelten Offenbacher Capitol wuchtige, die Spannung genüßlich ins Unermeßliche ziehende Trommelschläge ins Auditorium. Auch als Rapper Black Thought wie aus dem Nichts auftaucht und zum Mikrofon greift, vehement seinen wie Bombardements zündenden Rhymes freien Lauf läßt, wollen die multikolorierten Spots der sicherlich sündhaft teuren Lichtanlage nicht ihre gigantischen Wattwerte aufleuchten lassen. Was zuerst wie ein Ausfall der Technik anmutet, entpuppt sich im Verlauf der nächsten zwei Stunden als dramaturgischer Effekt, den das amerikanische Ensemble "The Roots" immer wieder gezielt einsetzt, um zwischen Publikum und Künstler eine unbeschwerte Kommunikationsebene zu schaffen.
Zwischen all den goldbehangenen und in Luxuslimousinen dreist umherkreuzenden Gangstern, Pimps und Hustlern der nunmehr seit zwei Dekaden grassierenden HipHop-Hysterie nimmt das aus der Stadt der Freiheit, Philadelphia, stammende Sextett eine Sonderstellung ein. Schwärmerisch formulieren die ehemaligen Straßenmusikanten MC Black Thought, Schlagzeuger Ahmir Kahlib Thompson, Bassist Leonard "Hub" Hubbard, Gitarrist Martin Luther, Keyboarder Kamal und Beatbox-Meister Scratch Europa im rhetorisch scharfzüngigen Vokabular Lobeshymnen auf die Urväter des politisch bewußten Black Movements. Sie beziehen sich in bislang sechs Studioalben - zuletzt auf "Phrenology" - auf das soziale Gewissen von Soul-Ikonen wie Marvin Gaye, Al Green und The Last Poets, lassen im Gegensatz zu vielen Genre-Kollegen Samples und Scratchings weitgehend außen vor, bedienen ihre Instrumente lieber selbst. Gewürzt mit linksplakativen Altachtundsechziger-Phrasen a la "Revolution, Freiheit und Wassermannzeitalter" organisieren sich die Musiker in kollektiven Ideologievereinigungen wie Okayplayer, Soulaquarians oder Spitkicker, leisten quasi als Rotary Club des Rap Frondienste zum Wohle einer sozialen Zukunft der Menschheit an vorderster Front.
"We Will Rock You" verspricht Ex-Kunststudent Black Thought, bürgerlich Tariq Trotter, süffisant gleich zu Beginn des als Konzert getarnten politischen Manifests, und die Band läßt zu den orgiastischen Trommelwellen des einstigen Stadion-Gassenhauers der britischen Rocklegende Queen zünftig-virtuos die Muskeln spielen. Mit brachialer Kraft, schweren Kicks und massiv verzerrten Gitarrenkaskaden huldigen die Streetworker unter den Rap-Formationen dem Proletariat. Tausende von Wörtern prasseln, mal sinnig gerappt, mal heiser gesungen, auf das werktätige Volk hernieder. Eingebettet in ein Klangcollage, die weniger aus einzelnen Songs als aus einem einzigen, organisch-rhythmischen Strang gezimmert zu sein scheint, liebäugeln "The Roots" entschlossen zwischen Rock, Metal, Jazz, Soul, Funk, Folk und Reggae, betätigen sich als eklektizistische Musikhistorienmeister zwischen seeliger Nostalgie-Affinität und positivem Futurismus und zünden ganz nebenbei ein fulminantes Zitat-Feuerwerk, das von Rimski-Korsakow und Mozart über Jerry Lee Lewis, The Shadows, The Kinks, James Brown oder Jimi Hendrix bis hin zu LL Cool J, Outkast, Dr.Dre und Eminem reicht.
Die Takte wechseln rasch, scheinbar zufällig, oszillieren zwischen zart und heftig. Doch je kurzatmiger das Repertoire, desto aufgekratzter und fröhlicher gebärdet sich die vor Spielfreude kaum zu haltende Formation. Auch im Angesicht der künstlerischen Persiflage stehen die Inhalte stets im Vordergrund, geraten zu Unterhaltung neigende Kapriolen nie zum larmoyanten Selbstzweck - selbst dann nicht, wenn Gitarrist und Sänger Martin Luther seine aufgekratzte Ein-Mann-Show im drolligen Siebziger-Jahre-Styling mit Sonnenbrille, Afro-Frisur, weißem Hut und hysterischem Falsetto zelebriert oder der kahlköpfige Bassist Leonard "Hub" Hubbard sich mit nie ausgehendem Dauer-Zigarillo im Mund vor Jazzgöttern wie Stanley Clarke und Jaco Pastorius verbeugt. MICHAEL KÖHLER

