15.09.2006 · Fußball oder Schauspiel? Eintracht oder English Theatre? Nun, Fußball ist jede Woche - „The last virgin“, ein Stück über Sex, Religion, Selbstmordattentäter nicht. Doch anders als bei der Eintracht gab es nur ein Unentschieden, wenn auch auf hohem Niveau.
Von Felix WadewitzFußball oder Schauspiel? Eintracht oder English Theatre? Die Rückkehr in den Europapokal oder doch die künstlerische Sensation? Man hatte die Wahl. Die Entscheidung war leicht: Fußball ist jede Woche und die Premiere von „The Last Virgin“ versprach viel: Wenige Tage nach dem 9/11-Jahrestag und dem Ende des Libanon-Kriegs eine Geschichte über Sex, Religion, Selbstmordattentäter. „Das ist das brisanteste Stück, das wir je gemacht haben“, hatte Intendant Daniel John Nicolai angekündigt. Debatten soll es anstoßen, Diskussionen provozieren. Regisseurin Katrin Hilbe fragte sich sogar: „Trauen wir uns das wirklich?“
Vor dem Anstoß. Die Eintracht in rot-schwarzen Trikots, schwarzen Hosen und roten Stutzen, Gegner Bröndby Kopenhagen in gelben Trikots, Hosen und Stutzen sind blau. Das Stadion ist nicht ausverkauft. Die Bühne im English Theatre sieht aus wie die Lobby einer Unternehmensberatung. Viel Glas. Sehr stylisch. Ein drehbarer Tresen, der mal Bar, mal Bett sein wird, steht im Zentrum. Einige Zuschauerplätze bleiben leer. Die erste Halbzeit. Der Frankfurter Weissenberger kommt 22 Meter vor dem Tor an den Ball und zieht ab. Er verfehlt den Winkel nur knapp, toller Schuß. Bröndby gelingt nach vorn praktisch nichts.
Selbsttötung an der Klagemauer
Im Theater spielen sich falsche Juden und falsche Araber die Bälle zu. Die Agenten wollen eine Jungfrau finden, die sich an der Klagemauer in Jerusalem in die Luft sprengt. Der Araber hofft, daß die Juden dann das Land sofort verlassen. Das Kalkül des Juden: Nach einer solchen Tat muß Israel mit der schlimmstmöglichen Vergeltung antworten und Atombomben auf die Nachbarstaaten abwerfen. Immer wenn der Name des amerikanischen Präsidenten fällt, spucken die Araber auf den Boden, doch so politisch sind sie gar nicht. Die wichtigste Frage für sie: Sehen die für Märtyrer reservierten Jungfrauen im Himmel aus wie die Damen in „Baywatch“?
Halbzeitpause. Für die Eintracht sieht es gut aus, die Führung liegt in der Luft. In der James-Bar des English Theatre ist die Stimmung gedämpfter. Die Meßlatte haben die Macher selbst sehr hoch gelegt. Die zweite Halbzeit. Elfmeter für Eintracht: 1:0. Und noch ein Strafstoß: 2:0. Michael Thurk trifft noch ein drittes Mal - 3:0. Am Ende steht es 4:0. Was für ein Spiel. Im English Theatre wird gelacht. Die Spionagespirale dreht sich. Die Agenten vergewaltigen einer nach dem anderen die Jungfrau Fatima, manchmal im Namen von Allah, manchmal einfach so. Das naive Mädchen glaubt jedes Wort über das Paradies und wie sie es erreichen kann. Sie willigt ein, sich in die Luft zu sprengen. Das Spiel ist aus.
Unentschieden auf hohem Niveau
Für die Eintracht war es eine glanzvolle Rückkehr auf die internationale Fußball-Bühne. „The Last Virgin“ von Tuvia Tenenbom und Maria Lowy war ein Unentschieden, wenn auch auf hohem Niveau. Zwar überzeugten die Schauspieler - Gil Cohen-Alloro (The Jew), Ben Marks (The Double Agent) und Ham Zanoun (The Arab) spielten die Agenten; Gehane Strehler war die Virgin und Ben Shafik ihr Bruder, der per Video aus dem Jenseits zugeschaltet wurde. Doch die Sensation blieb aus. The Last Virgin ist keine provokative Farce. Es ist eine nette Komödie. Klar, das Thema ist brisant. Aber Frankfurt ist nicht der Gazastreifen. Die Charaktere sind so überzeichnet, so klischeehaft ironisiert - eine Verbindung zwischen den Szenen auf der Bühne und den allabendlichen Fernsehbildern gibt es nur thematisch. Und die albernen Sex-Szenen, halb versteckt hinter Milchglasscheiben? Frankfurt ist nicht Wyoming. Das Publikum lacht - und geht nach Hause.