09.09.2007 · Mensch bleiben im Frankfurter Moloch: Fritz Dellwo und Charlotte Sänger lösen ihren zehnten Fall. Der „Tatort“ des Hessischen Rundfunks hat sich aus der Gemütlichkeitsfalle schon lange befreit.
Von Rainer SchulzeEinmal kurz, ganz flüchtig, kommen sich Charlotte Sänger und Fritz Dellwo nahe. Einen Wimpernschlag lang streift die scheue Oberkommissarin, die immer ein wenig unberührbar wirkt, so, als leide sie an der Glasknochenkrankheit, den Oberarm des Kollegen. Die Berührung ist ihr jedoch so fremd, dass ihre Hand nicht lange verweilt. Und doch reicht die Geste in „Unter uns“, dem neuen „Tatort“ des Hessischen Rundfunks, völlig aus, um zu fassen, was alles zwischen den beiden steht: zehn gemeinsame Fälle, zehn unfassbare Taten, die Begegnung mit Gier und Rachsucht, mit den abgrundtief Bösen und den schuldlos Schuldigen. Andrea Sawatzki hat diese Szene eigenhändig gerettet. Im Drehbuch der neuen Folge stand noch „Frau Sänger umarmt Dellwo“. „Aber das ging für mich nicht“, sagt Sawatzki. „Charlotte würde niemanden umarmen.“
Am 21. April 2002 erschien Charlotte Sänger in Dufflecoat und wollenem Rock zum ersten Mal zum Dienst. Den Auftritt der ätherisch schönen Feengestalt verfolgten 8,5 Millionen Zuschauer. Ihr Kollege war schon da: Fritz Dellwo hieß der neue Hauptkommissar im Präsidium. Kurz bevor er für die Rolle zusagte, hatte Jörg Schüttauf einen echten, etwas abgehalfterten Ganovenjäger kennengelernt. „Ich dachte mir, wenn sie dir mal einen ,Bullen' anbieten, dann will ich so wie der sein.“ Dellwo also. Der „Bulle“ aus dem Reihenhaus, schnörkellos, gehetzt, bodenständig. Seitdem stehen die Namen Sänger und Dellwo auf den Türen der Mordkommission. Bis heute markieren neben Leichen auch Auszeichnungen ihren Weg. Für „Herzversagen“ - 9,43 Millionen Zuschauer sahen ihnen bei der Jagd nach dem Mörder älterer Damen im Bahnhofsviertel zu - gab es einen Grimme-Preis.
Am Anfang, 1971, ganz frankfurterisch
Als vor sechs Jahren Kommissar Brinkmann, Sängers und Dellwos behäbiger Vorgänger, nach 28 maßgeblich vom Schreibtisch aus gefassten Schurken etwas unsanft in den Ruhestand geschickt wurde, bekam Regisseur Niki Stein von Liane Jessen, der Fernsehspiel-Leiterin des HR, den Auftrag für ein neues Duo. Sein Vorsatz: Im Frankfurter „Tatort“ fließt kein Ebbelwei. „Mich interessieren die lokal geprägten Kuschelkrimis nicht, sondern was das Verbrechen mit den Menschen anrichtet, die täglich damit zu tun haben. Wie kann ich in diesem Moloch Mensch bleiben?“ Die Kommissare müssen nicht verstehen, „was in uns lügt, hurt, stiehlt und mordet“, sondern verarbeiten.
Frankfurt ist dabei nicht eben hilfreich. Frankfurt, das ist kühle, moderne Wirklichkeit, der Nicht-Ort, die Durchgangsstation, an der niemand gerne verweilt. „Sie bleiben, um zu gehen“, beschreibt Niki Stein das Personal seines „Tatorts“. 28 Drehtage verbringen die Schauspieler pro Folge in Frankfurt, zwischen 1,2 und 1,5 Millionen Euro kosten 90 Minuten „Tatort“. Heimisch sind Schüttauf und Sawatzki hier noch nicht geworden. Er lebt auf dem Dorf, sie mit ihrer Familie in Berlin. „Die Stadt wirkt mit ihren abweisenden Häuserschluchten mitunter gespenstisch, als könnten in ihnen Menschen verschwinden“, sagt sie. „Das Wohlgefühl brauchte seine Zeit“, findet er. Schon der allererste „Tatort“ des HR spielte am 4. April 1971 ganz frankfurterisch im Finanzmilieu: Schweizer Goldbarren, ein vermeintlicher Goldschmied, der Ackermann heißt, ein Schwenk über das Börsenparkett.
Klaus Höhne gab damals in „Frankfurter Gold“ den Kommissar Konrad und danach acht Dienstjahre lang die Dienstmarke nicht mehr ab. Acht Folgen drehte er, länger im Polizeidienst des Hessischen Rundfunks war nach ihm nur einer: Karl-Heinz von Hassel. Bevor der im Jahr 1985 als immer ein wenig verstaubt wirkender, aber beharrlicher Kommissar Brinkmann die Fliege anlegte, war die Stelle des Fernsehermittlers für einige Zeit vakant gewesen. Die wechselnden Urlaubsvertretungen hießen Bergmann, Sander, Rullmann und Dietze, von denen Klaus Löwitsch am ehesten in Erinnerung blieb.
„Unter uns“ zeigt Frankfurt „von unten“
Mit Sänger und Dellwo wollte Liane Jessen den „Tatort“ des HR aus der Gemütlichkeitsfalle befreien. „Der ,Tatort' zeigt, wie der Blick des Senders auf die Welt ist.“ Sein Niveau hält der Beitrag des HR zur ARD-Serie mit Filmen, die zum Teil auf authentischen Fällen beruhen, eher Sozialdramen als Krimis sind und sich in die Seele brennen. In „Oskar“ landet ein Baby in der Müllsortieranlage, „Herzversagen“ widmet sich der Einsamkeit im Alter, und „Unter uns“, der am 14. Oktober ausgestrahlt wird, zeigt Frankfurt „von unten“.
Die ARD wollte mehr davon. Künftig wird jährlich ein dritter „Tatort“ gedreht. Da der Terminplan eng ist, werden Sänger und Dellwo je einmal als einsame Wölfe auf die Jagd geschickt. Andrea Sawatzki, die „ihrer“ Charlotte auch private Züge wie die „Scheu vor anderen Menschen“ verlieh, wird das Verbrechen mit sich allein ausmachen: „Ich bin gespannt, wie die beiden ohne einander auskommen.“