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Veröffentlicht: 02.05.2017, 11:28 Uhr

Tanz in den Mai Hexenfest für Bildungsbürger

Der Tanz in den Mai galt jahrhundertelang als traditionelles Dorfritual, längst feiern ihn aber auch die Städter – sogar im Frankfurter Literaturhaus.

von , Frankfurt
© Hedwig, Victor Volksfest in neoklassizistischer Architektur: Im Lesesaal des Literaturhauses tanzen die Frankfurter bis in den frühen Morgen des 1. Mai.

Das Literaturhaus, Tempel der Hochkultur. Nobelpreisträger haben hier gelesen, Autoren ihre Essays vorgetragen und mit Kritikern und Lehrern diskutiert. An der Wand hängen Gedichte zum Mitnehmen und Sinnsprüche wie „Spiegel und Spiegelungen machen uns das Leben leichter und zeigen uns auf verblüffende Weise, wer wir sind“. Am Abend vor dem Tag der Arbeit muss diese literarische Schwere jedoch weichen: Das Lesekabinett, die Bibliothek im ersten Stock, ist mit Kleiderständern vollgepackt, im Foyer wurden zwei Bar-Tresen aufgestellt und im Lesesaal die Stuhlreihen abgebaut.

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An der Frontseite stehen zwei DJ-Pulte, dahinter abwechselnd Mitarbeiter des Hauses und von Frankfurter Verlagen. „Man muss das Leben tanzen“, postuliert eine Grafik auf zwei Monitoren. Die an die 600 Gäste, viele über Vierzig, manche in schwarz, alle lässig-schick gekleidet, folgen dieser Aufforderung. „Das ist eben keine Proletenparty“, sagt ein Besucher, während Elektrodance durch die neoklassizistischen Hallen dröhnt. Er kennt den Termin aus „Danielas Ausgehtipps“, einem kulturbürgerlichen Newsletter der Eventmanagerin Daniela Cappelluti.

Jedes Jahr werden es mehr Partys

Das Literaturhaus ist längst nicht der einzige Ort in Frankfurt, in dem die Städter dem ursprünglich dörflichen Ritual folgen, in den Monat Mai hineinzufeiern. Gut 30 Veranstalter hatten in diesem Jahr zum „Tanz in den Mai“ geladen. Die Batschkapp lockte mit 200 Litern Maibowle „for free & für alle“, der alternative „Yachtclub“ lud zur House-Musik-Party, der Club „Dough House“ in Sachsenhausen versprach eine „Church of Love“, inklusive Maibaum-Aufstellen und Wodkashots. Jedes Jahr werden es mehr Partys, die mit dem „Tanz in den Mai“ werben. Die Nachfrage wächst.

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Dabei ist der Tanz in den Mai eigentlich ein ganz unstädtisches Ritual. Jahrhundertelang wurde es vor allem auf dem Land gefeiert, als Fest der Fruchtbarkeit und des Frühlings, wenn die Tage wieder wärmer und länger als die Nächte sind. Junge Bauern stellten dabei ihrer Liebsten einen Maibaum vor das Fenster, um sie mit diesem Phallussymbol von sich zu überzeugen. Andernorts sprangen Pärchen über große Feuer, die böse Geister vertreiben sollten. Im Mittelalter versuchte die Kirche, diesen Riten etwas entgegenzusetzen, sie feierte die Heiligsprechung der Heiligen Walpurga am 1.Mai, einer englischen Nonne und angeblichen Wunderheilerin. Das Volk scherte sich aber wenig darum und erzählte sich, dass an jeder Walpurgisnacht, dem Abend vor dem Gedenktag, sich Hexen auf dem Brocken im Harz zum Tanzen treffen – Goethe veredelte schließlich die Volkssage zu Nationalliteratur in seinem Faust.

Nun gelten Großstädter nicht gerade als geister- oder hexengläubig, Feuer und Maibäume lassen sich in den zugeparkten Straßen auch schlecht errichten. Im Literaturhaus stehen zwar ein paar LED-Scheinwerfer herum, keiner der Gäste jedoch fühlt sich zum Sprung über diese Feuer der Moderne herausgefordert. Lieber wird an Rotwein und Gin Tonic genippt. Und um eine Liebste zu finden, wären sie längst nicht mehr auf solche Rituale angewiesen, es gibt schließlich nicht nur jedes Wochenende irgendwelche Partys, sondern auch Internetflirtportale wie Elitepartner, Parship und Tinder – je nach Anspruch und Vorliebe der Suchenden. „Die Hälfte hier kenne ich aus dem Internet“, staunt ein weiblicher Gast.

Sehnsucht nach einem geregelten, unkomplizierten Leben

Warum sind sie also hier? Benno Hennig von Lange, Literaturhaus-Mitarbeiter und einer der acht DJs an diesem Abend, vermutet einen ganz profanen Grund: „Für die Leute über 30 ist der Abend ein schöner Anlass, mal wieder zu feiern – und vielleicht sogar den Partner fürs Leben zu finden.“

Vielleicht steht aber auch mehr dahinter: Der gleiche Grund, warum sie am Wochenende zu Bauernmärkten fahren, Urlaub auf dem Bauernhof machen und millionenfach die „Landlust“ lesen. Sicher, sie genießen die Annehmlichkeiten der Großstadt, das Unverbindliche, das Anonyme, die scheinbar stetige Verfügbarkeit an Unterhaltung und Begleitern. Ab und zu sehnen sie sich aber auch nach dem einfachen Leben auf dem Dorf, zumindest so, wie sie es sich vorstellen. Ein Leben, in der jeder jeden kennt, in der es nur das gibt, was der Dorfladen bietet, und wo der Tagesablauf bestimmt wird vom Sonnenstand. Eine nostalgisch-romantische Sehnsucht nach einem geregelten, unkomplizierten Leben. Auch wenn es das so natürlich auch auf dem Land längst nicht mehr gibt. Und weil dem Großstädter das wahre Dorfleben dann wohl doch zu langweilig wäre, eignet er sich dessen schönste Seiten eben an und interpretiert sie, wie das Literaturhaus, auf seine Weise: ein bisschen ironisch, ein wenig intellektuell, letztlich aber doch als umkomplizierten Spaß bis in den frühen Morgen.

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