04.09.2009 · Noa Dars Choreographien, derzeit als deutsche Erstaufführungen im Frankfurter Mousonturm zu sehen, gehen nah. „Tetris“ zumal, ein Stück, das die israelische Choreographin zusammen mit ihrer Landsmännin, der bildenden Künstlerin Nati Shamia-Opher, entwickelt hat.
Von Eva-Maria MagelDer erste Knall ist noch etwas entfernt, beim zweiten und dritten landen die nackten Füße direkt neben der eigenen Nase, der Luftzug bewegt die Haare ein wenig. Die Augenlider schließen sich im Reflex – auch wenn man doch weiß, dass das eiserne Gitter über dem Kopf uns, die Zuschauer, vor Verletzungen schützt. Noa Dars Choreographien, derzeit als deutsche Erstaufführungen im Frankfurter Mousonturm zu sehen, gehen nah. „Tetris“ zumal, ein Stück, das die israelische Choreographin zusammen mit ihrer Landsmännin, der bildenden Künstlerin Nati Shamia-Opher, entwickelt hat.
Die Zuschauer stecken ihren Kopf durch den Bühnenboden, aus runden Gittern, und blicken von unten, seitwärts und mittendrin auf Tänzerbeine, Tänzerarme, Tänzerleiber, die ihnen mit Körperwärme und Geruch so nahe auf die Pelle rücken, wie der Tanz das sonst nicht tut.
Ungeheurer Sog
Vier Tage ist Noa Dar mit ihren Tänzern am Mousonturm zu Gast, nach „Tetris“ zeigt sie mit „Arnica“ heute und morgen ein Patchwork aus 17 Miniatursolos, dem sich das Duett „The sweetest embrace“ anschließt. Intime Arbeiten, in denen die Tänzer und auch Noa Dar, die damit gewissermaßen eine Bilanz der vergangenen zehn Jahre zieht, wieder sehr viel von sich preisgeben. Wenn auch auf andere Art, in größerer Distanz zum Publikum und so vielleicht eher auf eine theoretischere Weise als bei „Tetris“. Paradox: Denn „Arnica“ erinnert an die Pflanze, die körperliche Wunden heilt, während „Tetris“, dessen Namen sich wohl auf das vor 25 Jahren erfundene, zum Klassiker gewordene Computerspiel bezieht, eher abstrakt klingt. Und doch, auf der ersten Ebene, das Gegenteil ist.
Das fängt schon damit an, dass die Tänzer die Zuschauer bitten, die Schuhe auszuziehen, und sie dann einzeln in den Theatersaal führen. Ein runder Hocker, unterschiedlich hoch je nach der Größe der Gäste, wird ihnen ausgehändigt. Loungemusik und eine sanfte Ansagerinnenstimme erzeugen eine lockere, beinahe fröhliche Stimmung, die Gäste stellen ihre Hockerchen und sich selbst auf die vorgezeichneten Plätze unter der aufgebockten Bühne. Auf Kommando stecken sie die Köpfe durch die vergitterten Löcher, die von den sechs Akteuren umtanzt werden, mit viel Blickkontakt zu den Zuschauern. Mit der Musik Uri Frosts und Martin Dennys, mit Video, Licht und den ebenso schlichten wie schönen Kostümen Limor Tals entwickeln Noa Dars Körperbilder einen ungeheuren Sog, der sich aber nicht allein aus der ungewohnten Perspektive erklärt.
Ungewöhnliche ästhetische Erfahrung
Wie bei vielen ihrer israelischen Kollegen ist der Tanz sehr expressiv, zuweilen geradezu artistisch. Aber Noa Dar legt zugleich Wert auf das Subtile und konzentriert sich dabei auf die zeitlosen großen Themen: Liebe, Kampf, Hass. Und zeigt sie immer wieder in Szenen, die an verfeinerte gymnastische Kinderspiele erinnern: Bockspringen, Brennball, Schubkarre, Huckepack. Das ist zuweilen schmerzhaft in seiner Intensität und geht den Zuschauern nicht nur physisch nah. Dann unterbrechen Pausen, bei denen man wieder unter die Bühne klettern muss, Ansagen und kleine getanzte Witze den Ernst genau an der rechten Stelle.
Kein Wunder, dass einem zuweilen der Atem stockt: „Tetris“ ist dreidimensional wie die neuesten Versionen des alten Computerspiels, es verschiebt die Perspektiven und geizt weder mit hübschen Überraschungen noch mit wohldosierten Schockeffekten. Nach 80 Minuten lächeln sich die Zuschauer zu, weil sie gemeinsam eine ungewöhnliche ästhetische Erfahrung gemacht haben. Das hat man nicht allzu oft im Tanztheater.