Der Vorhang geht auf, die ersten Paare gleiten über die Bühne, die Oberkörper fast bewegungslos, die Füße über den Boden schleifend. Die Show beginnt, doch wo ist das Ensemble, von dem man sagt, es sei das beste Tango-Orchester der Welt? Da hebt sich ein zweiter Vorhang: So wird die ganze Aufmerksamkeit auf das "Sexteto Mayor" gelenkt. Zwei Bandoneonisten, zwei Violinisten, zwei Pianisten, ein Schlagzeuger, ein Kontrabassist. "87 Jahre ist der Älteste im Orchester, die anderen um die 80", sagt Produzent Mel Howard stolz. "Nein, nein", so alt seien die Musiker nicht, versichert später eine der Tänzerinnen. Der Älteste sei 77, und Jose Libertella, der zusammen mit Luis Stazo die musikalische Leitung hat, 72 Jahre alt.
Wer das "Sexteto Mayor" spielen hört, fragt jedoch nicht mehr nach dem Alter. Die Finger Libertellas und Stazos fliegen über die Tasten, und kunstvoll biegen sie ihre Handharmonika übers Knie oder in sanftem Bogen in der Luft. Und obwohl das Orchester im Hintergrund sitzt und auf der Bühne die Tänzer elegant und eng umschlungen kunstvolle Bewegungen ausführen, steht es doch immer wieder im Mittelpunkt. "Die Choreographie richtet sich nach der Musik, nie ist es umgekehrt", sagt Libertella. Tänzerin Graciela Calo ergänzt: "Wir müssen genau auf die Musik achten, an manchen Abenden sind die Spieler müde, dann geht alles etwas langsamer, aber dann wieder spielen sie so schnell, daß man kaum mitkommt."
"Tango Pasion" erzählt die Geschichte eines Tanzes, der selbst Geschichten erzählt. Von Liebe und Eifersucht, von Sehnsucht und Einsamkeit. Einwanderer, die am Ende des 19.Jahrhunderts in Buenos Aires gestrandet waren, sollen den Tango in den heruntergekommenen Hinterhöfen erfunden haben. Die reine Verzweiflung habe diese neue Form von Musik und Bewegung geschaffen, erzählt man sich. Ein Stoff, der sich gut für eine Revue eignet. Seit zwölf Jahren bereist die Truppe die Kontinente, alle zwei Jahre wird die Musikauswahl geändert, und die Tänze werden neu choreographiert. "Der Tango fasziniert die Menschen auf der ganzen Welt", weiß Calo.
Die Show setzt kaum auf spektakuläre optische Reize. Keine Kostüme in knalligen Farben, auf der Bühne nur Stühle und Tische. Der Tango ist ein solistischer Tanz, und so zeigt sich das Können, die Perfektion im Zusammenspiel der Paare, in den vollendeten Bewegungen bis hin zur Haltung der Finger. In jedem Tango der Show geht es um das Spiel des gemeinsamenVoranschreitens und des Zurückweichens. Immer gibt es eine Entwicklung - vom Langsamen zum Schnellen, vom Leisen zum Lauten, vom Traurigem zum Fröhlichen und umgekehrt. "Das ist", sagt Libertella, "eben die Natur des Tangos."
Die Choreographie für den Tanz in der Gruppe ist dagegen zurückhaltend und verzichtet auf komplizierte Formationen. Keine wie mit dem Lineal gezogenen Diagonalen, keine Zirkel und keine komplizierten Wechsel. Dort allerdings, wo sich die Show vom klassischen Tanz löst und zur Revue wird, spielt sie mit dem Klischee des Tangos. Dazu gehören der Macho, der um die stolze Frau wirbt, Leidenschaft, Männerfreundschaft und Begehren.
Auch bei dieser Version von "Tango Pasion" steht Astor Piazzolla musikalisch im Vordergrund. Wie ein roter Faden ziehen sich die Kompositionen des 1992 gestorbenen Bandoneonspielers, der als Schöpfer des "Tango nuevo" und als Erneuerer des klassischen Tangos gilt, durch die Revue. Doch erst im zweiten Akt lösen sich Musik und Tanz vollständig vom klassischen Tango, werden die Dissonanzen des modernen Tangos hörbar. Der Tanz wird akrobatischer, die Bewegungen gehen nun mehr in die Horizontale als in die Vertikale. "Im zweiten Akt wird mehr Show geboten", sagt eine der Tänzerinnen. Die Musik aber wirkt avantgardistischer, die Einflüsse des Jazz sind nun deutlich hörbar, das Schlagzeug spielt sich in den Vordergrund. Die Töne, die die Musiker ihren Instrumenten entlocken, werden schriller. Doch gegen Ende ist sie doch wieder da, die Melancholie. Und die Sehnsucht, die der Tango weckt. "Tango Pasion" gastiert vom 24.August bis zum 3.September in der Alten Oper Frankfurt. Täglich, außer am Montag, 30.August, finden Vorführungen statt, Beginn ist jeweils um 20 Uhr. Karten können telefonisch unter der Nummer 069/1340400 oder 069/9443660 bestellt oder an allen Vorverkaufsstellen erworben werden. JULIA GRIMM

