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„Surreale Dinge“ in der Schirn Gefühle, Träume, Gegenwelten

11.02.2011 ·  Die Ausstellung „Surreale Dinge. Skulpturen und Objekte von Dalí bis Man Ray“ in der Frankfurter Schirn Kunsthalle versammelt 180 Werke von 51 Künstlern.

Von Michael Hierholzer
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Die Wirklichkeit ist eine Zumutung, wer wollte da widersprechen. Die Menschheit hat im Lauf ihrer Geschichte vielerlei Möglichkeiten gefunden, die Verhältnisse zu verbrämen, zu überhöhen, Gegenwelten zu schaffen. Oder die vermeintliche Realität abzulehnen, um einer wirklicheren Wirklichkeit das Feld zu ebnen. So hielten es die Surrealisten. Der Mensch, wussten sie, ist mehr als die Gedanken, die er hegt. Und diese entstehen auch nicht aus reinem Verstand und reiner Vernunft, sondern haben dunkle Quellen, zu denen hinabzusteigen ungeahnte Freuden und ironische Vergnügungen versprach. André Breton und seine Gefolgsleute bedienten sich dankbar bei Sigmund Freud, der freilich nichts von der künstlerischen Vereinnahmung seiner psychoanalytischen Theorie hielt und Abstand zu den begeisterten Adepten aus einer ihm nicht ganz geheuren unbürgerlichen Sphäre wahrte.

Diese gruben im Unbewussten, wie es die Träume offenbaren, und verhielten sich damit durchaus in Parallele zum Vater der Tiefenpsychologie, dessen Werk „Die Traumdeutung“ just im Jahr 1900 erschienen war und in seinem Einfluss keineswegs nur auf Fachkreise beschränkt blieb. Aus den in die Tiefen der menschlichen Seele gesickerten Tagesresten galt es, ein neues Bild des jeweiligen Individuums zusammenzusetzen, das sich ganz und gar unterscheiden kann vom Selbstbild, das ein jeder von sich hat. Die Wahrheit liegt im Verborgenen, für Freud der Schlüssel zur psychischen Gesundheit. Die Surrealisten aber meinten, und das ist ein entscheidender Unterschied, in der Traumwelt die Elemente zu finden, um eine Idee vom Menschen jenseits der realistischen Sicht zu entwerfen. „Die realistische Haltung“, wetterte Breton im 1924 erschienenen „Ersten Manifest des Surrealismus“, „ist mir ein Greuel, denn sie ist aus Mittelmäßigkeit gemacht, aus Hass und platter Selbstgefälligkeit.“

Verwandlung von Alltagsobjekten in Geschlechtsteile

Mit Freud erkannten die Surrealisten die Sexualität als stärkste menschliche Triebfeder an, und ebenfalls in den Bahnen des Wiener Seelendoktors verlief die Auseinandersetzung mit den Spielarten des Eros: Noch in der merkwürdigsten Perversion erkannte Freud das Bedürfnis nach Liebe. Sadismus, Masochismus, Fetischismus: Die Surrealisten richteten die Körper zu, wie die sexuelle Phantasie es brauchte. Isolierte Teile des männlichen wie weiblichen Leibs, die Verwandlung aller möglichen Alltagsobjekte in Geschlechtsteile, das süße Zerfließen der Dinge in der wollüstigen Betrachtung: In einer Zeit, in der die von den Surrealisten anfangs gehegten politischen Hoffnungen zerstieben, rückte die Sexualität als Heilsversprechen und Mittel der Erfüllung aller Wünsche in den Vordergrund. Statt auf gesellschaftliche Utopien stürzten sich die schreibenden und bildenden Künstler jetzt auf den Eros als erlösende Kraft und als Gegenentwurf zu einer moralistischen, von Triebzügelung und Leidenschaftslosigkeit geprägten Umwelt.

Die Surrealisten schufen Objekte der Begierde. Sie stammten freilich nicht aus Tagträumen, haben also wenig mit den auch damals schon beliebten Pin-ups zu tun, sondern entsprangen den wirren Phantasien der Nacht und des Schlafs. Obwohl auch der Surrealistenbund ein männlich dominierter Verein war und Frauen darin vorwiegend als Modelle und Musen in Erscheinung traten, haben doch nicht wenige weibliche Künstler sich an surrealen Kreationen beteiligt. In den dreißiger Jahren erlebte die Objektkunst der Surrealistinnen einen Höhenflug, der sich damit erklären lässt, dass sich die Frauen, eingeschüchtert von den Platzhirschen, statt auf die freie Kunst auf Design, Mode, das Kunsthandwerkliche als angestammte weibliche Domäne zurückgezogen hatten, was sich beim plötzlichen Interesse an der Verfertigung surrealer Gegenstände freilich als Vorteil erwies.

Das „Frühstück im Pelz“

Das vielleicht bekannteste surrealistische Werk einer Frau ist die Pelztasse von Meret Oppenheim. Das Museum of Modern Art besitzt dieses 1936 entstandene „Frühstück im Pelz“ und leiht es äußerst ungern her. Dafür jedoch sind einige andere bemerkenswerte Objekte dieser Künstlerin, die auf den Fotografien von Man Ray in rätselhafter ewiger Jugend erstrahlt, in der Ausstellung zu sehen, mit der die Frankfurter Schirn Kunsthalle ihren 25. Geburtstag feiert. „Surreale Dinge“, bis zum 29. Mai zu sehen, vereint etwa 180 Schaustücke von 51 Künstlern und ist damit die umfassendste Präsentation, die es bisher mit Objekten und Skulpturen des Surrealismus gegeben hat. Kuratorin Ingrid Pfeiffer hat die großen Namen der Richtung im Angebot, aber auch viele weniger bekannte Künstler. Sie hat Wert darauf gelegt, die Internationalität der Strömung mit ihren Verästelungen herauszustellen und der Tatsache gerecht zu werden, dass der Frauenanteil an der schöpferischen surrealistischen Tätigkeit doch recht beachtlich ist. Der Fokus liegt auf den dreißiger Jahren, als die Objektkunst ins Zentrum der Aufmerksamkeit trat und das Gastspiel Dalís im inneren Zirkel der Gruppe der Lust am Gegenständlichen Auftrieb gab.

Die zusammengewürfelten, zusammengebundenen Unmöglichkeiten, die Verwendung von alltäglichen Dingen bis hin zu Flohmarkterwerbungen, die Verformung und Veränderung von Puppen wurden der von Breton im „Zweiten Surrealistischen Manifest“ von 1929 formulierten Einsicht in die Mystik und Symbolkraft selbst einfachster Gegenstände gerecht. Das ganz Andere kam demnach auch im Banalsten zum Ausdruck, in Dingen, die man lange und genau zu kennen glaubte. Bei entsprechender Umdeutung, Kombination, Verfremdung künden die Dinge von einer Welt, die sich nicht der Rationalität fügt, allen möglichen Gefühlen freien Raum lässt, die Phantasien beflügelt - und sei es nur die männlichen.

Die Natur soll durchbrechen, das Unbewusste Platz greifen, gerade so, wie es sich in den Frottagen und in der am Anfang der Bewegung so stark propagierten „écriture automatique“ Ausdruck verschaffen sollte. Hier wie bei der Objektkunst bleibt freilich die grundlegende Frage unbeantwortet, wie das künstlerische Bewusstsein, also eine rational kontrollierte Instanz, das Unbewusste zum Vorschein bringen kann.

Das surreale Begehren

Letztlich sind auch Gefühle Phänomene der Kognition. So wäre eine reine Gefühlserzeugungskunst ein Unding. Und darüber, ob „die zufällige Begegnung einer Nähmaschine mit einem Regenschirm auf einem Seziertisch“ tatsächlich so schön ist, wie Lautréamont meinte, lässt sich durchaus streiten. Gewiss aber haben die Surrealisten mit ihren Objekten semantische Weiten eröffnet, von denen die Gegenwartskunst nur träumen kann. Zudem sind die gleichsam ontologischen Fragen nach dem Gegenständlichen eines Gegenstandes nach wie vor hochaktuell, nicht nur in der Kunst, in der seit den frühen Avantgarde-Bestrebungen Gewöhnliches zum Kunstwerk veredelt, der Oberflächenglanz von Vorgefundenem gefeiert, die Grenze zwischen Alltag und Kunstwelt aufgelöst wird.

Auch von der Form der surrealistischen Ausstellung handelt die Schirn-Schau. So wird etwa die legendäre „Exposition Internationale du Surréalisme“ im Jahr 1938 lebendig, für die 16 Künstler jeweils eine Schaufensterpuppe gestaltet hatten. Raoul Ubac und Denise Bellon haben diese „Mannequins“ fotografisch dokumentiert. An kaum einer anderen Stelle zeigt sich so deutlich wie hier: In der Verdinglichung kommt das surreale Begehren zu sich.

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Jahrgang 1955, Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

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