Diese Hollywood-Villa ist vor der Erfindung des Films erbaut worden. Nicht einmal Strom gab es damals vor einem knappen Jahrtausend, da die Benediktiner nach dem großen Brand von 1038 an alter Stelle in Bad Hersfeld eine der größten romanischen Basiliken nördlich der Alpen errichteten. In jenen alten Zeiten waren in den Gemäuern gregorianische Choräle zu vernehmen, heute hört man während der Bad Hersfelder Festspiele dort Musical-Klänge.
Für Andrew Lloyd Webbers „Sunset Boulevard“, so stellte sich bei dessen Premiere am Dienstagabend überraschend heraus, kann es kaum eine bessere Kulisse geben als die mächtigen Überreste der Stiftskirche. Denn der in seinem Hollywood-Palast verschanzte Stummfilm-Star Norma Desmond lebt auch in einer Ruine. In einer geistigen Ruine aus zerplatzten Träumen und verblichenem Ruhm. Regisseur Gil Mehmert muss nur von seinem Lichtmeister Henrick Forberg die zerbrochenen Mauern der Basilika ausleuchten lassen, und schon wird die Brüchigkeit von Normas Existenz optisch sinnfällig.
Geringer Erfolg als Musical in Deutschland
In dieses Haus der toten Schatten hat sich Joe Gillis, ein erfolgloser Drehbuchschreiber, verirrt. Er ist geblendet vom Reichtum der Diva, gerät zunehmend in ihre Fänge, lässt sich emotional erpressen und materiell verführen. „Talent hatte ich gestern, heute habe ich Hunger“, sagt Joe sarkastisch. Rasmus Borkowski verkörpert ihn ganz überzeugend als netten Jungen, der hin- und hergerissen ist zwischen zwei Frauen sowie zwischen seinen literarischen Ansprüchen und seiner resignierten Bequemlichkeit.
Zwei Jahre nachdem der Komponist „Sunset Boulevard“ nach dem Vorbild von Billy Wilders Filmklassiker „Boulevard der Dämmerung“ vollendet hatte, wurde das Musical 1995 im eigens dafür gebauten Musicaltheater in Niedernhausen zum ersten Mal in Deutschland gezeigt. Allerdings mit geringem Erfolg. Das lag nicht an Helen Schneider, die sich damals zur alternden Diva hatte schminken lassen, sondern am falschen Standort des Theaters. Mittlerweile hat der Musical-Star aus New York genau das richtige Alter für diese Rolle erreicht. Man könnte nach Helen Schneiders Auftritt in Bad Hersfeld fast glauben, Lloyd Webber habe ihr die Rolle auf den Leib geschrieben.
Fast ideal besetzt
Souverän bewegt sie sich in der theatralischen Gestik jener Stummfilm-Darstellerinnen, die allein mit ihrem Gesicht und mit ihren Bewegungen die Massen verzauberten. Neben dieser gebietenden Diva in ihren wechselnden edlen Roben wirken die burschikosen Hollywood-Mädchen in ihren Petticoat-Röcken wie unschuldige Hascherl. Wahn und Größe, Selbstverblendung und Selbstbewusstsein, Lächerlichkeit und Tragik liegen bei der Norma der Helen Schneider oft ununterscheidbar eng beieinander. „Sie waren groß“, sagt Joe zu ihr, als er in ihr den einstigen Star erkennt. „Ich bin groß. Es sind die Filme, die klein geworden sind“, weist sie ihn in ihrem verletzten Stolz zurecht. Sängerisch erfüllt die Schneider die Ansprüche, die man an einen Musical-Star stellt, darstellerisch läuft sie zwischen Grandezza und Hysterie zu hoher Form auf.
Max, einst als Filmregisseur t der Entdecker der Göttin, schützt als schweigsamer Diener Norma vor dem Unbill der Welt und dem Schmerz, den die Wahrheit verursachen würde. Mit Helmut Baumann, der einst das Theater des Westens in Berlin wieder auf Vordermann brachte und als Zaza im Musical „Ein Käfig voller Narren“ dort jahrelang ein Liebling des Publikums war, ist diese Rolle fast ideal besetzt. Keine besondere Statur gibt dagegen Wietske van Tongeren der Figur der Betty Schaefer, die Joe auf den Pfad des beruflichen Erfolges und der echten Liebe zu bringen versucht.
Musikalisch sparsam
In der Hersfelder Inszenierung wechseln quirlige Szenen am Set des Hollywood Studios mit statuarischen Szenen in der Villa der Diva ab. Einmal stellt der Routinier Mehmert beide Welten in anrührender Weise nebeneinander. Rechts feiern Joe und seine Filmclique Silvester, in der Mitte der Bühne lässt sich eine in Depression gefallene Norma vom Diener Max einen Trink nach dem anderen einschenken und torkelt dann auf der Treppe zu ihren Schlafgemächern hoch. Um die Szene noch opulenter zu machen, fackeln die Filmleute ein echtes Feuerwerk ab. Musikalisch gibt sich Lloyd Webber wie so häufig äußerst sparsam, in diesem Fall variieren während der ganzen zwei Stunden immer wieder zwei Leitmotive. Das Orchester aus zwei Dutzend Musiker spielt unter Christoph Wohlleben engagiert auf.
Hollywood in einer mittelalterlichen Ruine – in Bad Hersfeld gelingt dieses Kunststück.

