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Veröffentlicht: 26.04.2017, 12:18 Uhr

Casting in der Oper Frankfurt Mindestlohn plus Nacktzuschlag

Wütender Hund und Müllberg-Messi: Beim Statisten-Casting an der Oper Frankfurt kommt es auf Ausdruck und Improvisationstalent an. Und manchmal auch auf die Körpergröße.

von David Wünschel, Frankfurt
© Helmut Fricke Und das alles für einen Auftritt als Statist: Während des Castings sollen die Bewerber einen wütenden Hund nachahmen.

Bernhard in der blauen Strumpfhose wagt einige Ballettsprünge. Er sieht zwar aus wie um die 50, aber unter der hautengen Kleidung steckt ein durchtrainierter Körper. Auf einem an der Brust befestigten Streifen Krepp-Papier steht sein Name, wie auch bei den anderen 27 Bewerbern, die im siebten Stock der Oper Frankfurt zu einem Rocksong durch den Saal tanzen. „Als Statisten müssen Sie einiges mehr können, als nur Kostüme über die Bühne zu tragen“, sagt der Dramaturg Konrad Kuhn zu den Tänzern: „Wir wollen sehen, welche Energie Sie mitbringen und wie Sie eine Emotion glaubhaft transportieren.“

Die Statisterie der Oper sucht vier Frauen und acht Männer für den Doppelabend aus Claude Debussys Kantate „La damoiselle élue“ und Arthur Honeggers Oratorium „Jeanne d’Arc au bûcher“, der am 11. Juni Premiere hat. Neben körperlicher Präsenz sollen die Statisten eine sportliche Figur und eine Größe von mindestens 1,75 Metern mitbringen.

Alle Emotionen gefordert

Kathrin Gast ist ein paar Zentimeter zu klein, aber weil sie die Anforderungen nicht kannte, ist sie trotzdem gekommen. Die 18 Jahre alte Abiturientin will später Schauspiel studieren und sammelt mit Statistenrollen erste Bühnenerfahrungen jenseits des Schultheaters. Bisher ist sie an der Oper schon als Leiche und Kriegerin aufgetreten. Dafür erhielt sie den Mindestlohn, für freizügige Rollen gibt es außerdem einen Nacktzuschlag.

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Ausziehen sollen die Bewerber zu Beginn des Castings aber nur die Schuhe. Kathrins großer Zeh guckt durch ein Loch in der Strumpfhose. Nach der Tanzübung zum Auflockern folgt die erste Aufgabe. Die Casting-Teilnehmer sollen in Fünfergruppen von einem Ende des Saals zum anderen laufen und durch ihre Körpersprache die Verwandlung von Glück in Wut darstellen. „Das ist wichtig, weil das Oratorium alle Emotionen abdeckt“, sagt Susana Gomez. Sie hilft dem Regisseur Àlex Ollé bei der Auswahl der Statisten. Weil der Spanier kein Deutsch spricht, gibt Gomez die Anweisungen.

Dann knurren sie sich an

Die beiden suchen in Frankfurt schon zum zweiten Mal nach Statisten für ihre Produktion. Am ersten Casting nahmen 33 Bewerber teil, von denen Ollé nur eine Frau geeignet fand. Der Regisseur zählt zur spanischen Theatergruppe „La Fura dels Baus“, die 1992 die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Barcelona gestaltete. Mit einer Kantate und einem Oratorium bringt Ollé nun eine ungewöhnliche Kombination auf die Bühne. Debussys Werk, das auf einem Gedicht von Dante Gabriel Rossetti beruht, wurde 1893 uraufgeführt, Honeggers 1938. In Frankfurt übernimmt die Schauspielerin Johanna Wokalek die Rolle der Jeanne d’Arc.

46059106 © Helmut Fricke Vergrößern Auf der Suche: Der Regisseur Àlex Ollé und seine Assistentin Susana Gomez besprechen das Geschehen.

Weil die Künstler von „La Fura dels Baus“ viel Wert auf Körpersprache und Ausdruck legen, sind Ollés Anforderungen an die Statisten höher als bei üblichen Castings. Mit übereinandergeschlagenen Beinen beobachtet er eine Szene, in der die Teilnehmer sich von einem wütenden Menschen in einen wütenden Hund verwandeln sollen. „Fahr zur Hölle, du bist es nicht wert“, schreit Kathrin ihrem Partner entgegen. Bernhard wird unterdessen von seinem deutlich jüngeren Gegenüber provoziert. „Geh doch heim zu Mami“, sagt der. Dann fallen sie auf alle viere und knurren sich an. Manche Teilnehmer müssen grinsen, aber die meisten bleiben ihrer Rolle treu.

„Es kommt immer das nächste Stück“

Auch Kathrin wirkt ziemlich wütend. „Stopp“, ruft Gomez nach einer Minute und alle Bewerber stehen wieder auf. In der letzten Aufgabe sollen sie zu zweit eine Szene improvisieren. „Spielt mit dem Raum!“, lautet die einzige Anweisung. Kathrins Partner ist Johann. Er zeigt auf einen imaginären Haufen. „Ist das ihr Müll?“, fragt er. Kathrin wirkt verdutzt. „Ich gehe hier ganz selten vorbei“, antwortet sie: „Das sieht mir eher nach Müll von nicht so normalen Leuten aus wie mir.“ Johann gibt ihr recht und entschuldigt sich. Als Kathrin wieder auf ihrem Platz sitzt, ist sie unzufrieden. „Ich finde, das war zu viel Gerede und zu wenig Körpersprache“, sagt sie: „Man nimmt sich oft etwas vor, aber so ganz klappt es dann doch nicht.“

Zum Schluss sollen alle Bewerber sich noch einmal in einer Reihe aufstellen. Ollé filmt sie mit dem Handy, dann muss er los nach Lyon, wo die Premiere einer weiteren Inszenierung ansteht. Ein bis zwei Männer und vier bis fünf Frauen seien interessant gewesen, sagt anschließend Winfried Scheffler, der Leiter der Frankfurter Statisterie. Ob Kathrin und Bernhard beim Probenbeginn am 2. Mai dabei sind, erfahren sie in den nächsten Tagen. „Wenn’s nicht klappt, ist es auch kein Drama“, sagt Kathrin. „Es kommt immer das nächste Stück.“

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